Zwei Stunden Pause von Corona

Erste Vorstellung im Autokino Wächtersbach trifft auf große Resonanz

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Guter Blick auf die Leinwand: Das Wächtersbacher Autokino ist an diesem Abend ausverkauft 350 Fahrzeuge finden auf dem Gelände Platz.

Auf dem Messegelände in Wächtersbach findet dieses Jahr keine Messe statt. Stattdessen wurde der Platz zum Autokino umfunktioniert. Wir waren bei der ersten Vorstellung dabei.

Freitagabend, 20.30 Uhr. Ein lauer Abend, hellblauer Himmel. Die Tickets für das MKK-Autokino sind auf dem Smartphone, im Kofferraum stehen Bier- und Softdrinkflaschen in der Kühlbox. Zwei Decken liegen auf dem Rücksitz. Es wird ein schöner Abend werden, top organisiert von der Messe Wächtersbach und den Kooperationspartnern. Die erste von zehn Abend- und zwei Nachtveranstaltungen steht auf dem Programm: „Nightlife“ soll für knapp zwei Stunden ein bisschen Freude in das Leben der Corona-gebeutelten Gäste in den 350 Fahrzeugen bringen. Doch zunächst gilt es, den Weg zum Messegelände zu bewältigen. Das Auto steht im Auweg. Und steht. Und rollt ein bisschen. Und steht. 

Während sichtlich genervte, schimpfende Verkehrsteilnehmer mit hochdrehenden Motoren auf der Höhe des Sportlerheims auf die Gegenfahrbahn preschen, um mit überhöhter Geschwindigkeit in die Einfahrt zum Globus-Warenhaus einzubiegen. Oder eben frontal vor einem entgegenkommenden Fahrzeug stehen. Irrungen und Wirrungen kleinstädtischer Mobilität... Fast 45 Minuten nimmt der wenige hundert Meter umfassende Weg zur Veranstaltungsstätte in Anspruch, dann geht es unterm Schild der Messe Wächtersbach drauf auf das 22 000 Quadratmeter große Gelände. Der Wächtersbacher – gut gelaunt und immer wieder mit Gästen durchs Autofenster plaudernd – sorgt dafür, dass die Zufahrt reibungslos verläuft. 

Toilette wird nach jedem Besuch desinfiziert

Mit Geduld und guter Laune: Stadtpolizist Burkhard Baumgarten weist die Fahrzeuge ein.

Eine schnelle Einlasskontrolle, dann machen organisiert arbeitende Ordner der Firma Roie mit hellblauem Mundschutz, orangen Sicherheitswesten und leuchtend gelben Fahnen ihre professionelle Arbeit: Die SUVs kommen nach hinten in Reihe N und spätere, die VW-Busse ebenso. Merke: Im SUV sitzt man im Autokino nur dann „in der ersten Reihe“, wenn man Kinder auf dem Rücksitz hat – dann suchen die Ordner nach einem Randplatz in vorderen Reihen. Ein Stab mit einer roten Höhenmarkierung macht klar, wer wo hinzufahren hat, wie die Ordner wissen. Viele Gäste, so verraten es die Kennzeichen, sind aus dem Main-Kinzig-Kreis angereist, aber auch Besucher aus Friedberg, Aschaffenburg, dem Main-Spessart-Kreis, Offenbach und Fulda haben den Weg nach Wächtersbach gefunden. Alle Altersgruppen sind vertreten. Eine Drohne zeichnet das Geschehen auf. 

Während die Ordner ihrer Arbeit nachkommen und die Fahrzeugführer auf die mit orangen Linien gekennzeichneten Stellplätze einweisen: Lange Schlangen vor der Damentoilette, die in einem Container untergebracht ist. Den Hygienebestimmungen entsprechend, wird hier akribisch für Sauberkeit gesorgt. Zwei Personen dürfen maximal gleichzeitig „das Örtchen“ besuchen. Der zuständige Toilettenmann Karlheinz Moll ist mehr als engagiert zugange, um nach jedem einzelnen Toilettenbesuch zu desinfizieren, die Müllbeutel zu reinigen, zu putzen. Die 50 Cent Nutzungsgebühr hat er sich mehr als verdient. Schnell und mit Fahrrädern, aber auch zu Fuß flott unterwegs sind die Lieferanten von Roie Event und Nuss Michel, die online und mit Karte oder über paypal bezahlte Hamburger, Nachos, Bratwürste, Popcorn und Mandeln direkt ans Autofenster liefern. Besonders gut laufen Popcorn und Mandeln, sagt Nicole Michel von Nuss-Michel. Bei den warmen Speisen sind die Cheeseburger der Renner. 

Samuel Maniura und Landrat Thorsten Stolz (SPD) begrüßen die Gäste

Heiß begehrt: Popcorn ist auch im Autokino eine gefragte Ware.

Die Resonanz sei prima, die Lieferung klappe schneller als gedacht. Die mit Parkreihe, -nummer und Kennzeichen versehenen Bestellungen helfen den Mitarbeitern beim Auffinden. „Endlich ist wieder mal was los“, fasst die 26-jährige Jessica aus Offenbach zusammen, was sicher einige Gäste zu dem Besuch des Autokinos bewogen hat. Nicht umsonst ist die Premierenveranstaltung ausverkauft: 350 Fahrzeuge, zwischen 700 und 800 Gäste. Die junge Frau ist mit ihrer Freundin angereist, ist „zum ersten Mal in Wächtersbach“ und freut sich auf einen entspannten Abend. Die Kuscheldecken liegen zwischen den beiden Sitzen bereit. 

Doch zunächst gibt es eine Begrüßung. Während der Moderator von city-map, Samuel Maniura, in leicht übertriebener Form davon spricht, dass es „das erste Mal in der Geschichte“ sei, dass in Wächtersbach keine Messe stattfinde, freuen sich Landrat Thorsten Stolz (SPD) und Bürgermeister Andreas Weiher (SPD) über das Angebot und die schnelle Organisation. Lobende Erwähnung finden Ute Metzler, Geschäftsführerin der Messe Wächtersbach, und Matthias Schmitt, Kulturamtsleiter des Main-Kinzig-Kreises. „Menschen sehnen sich in dieser Zeit nach Abwechslung“, so Stolz, „Aber so toll solche Events auch sind: Wir haben auch etablierte Kinos. Deshalb meine Bitte, auch diese nicht zu vergessen.“ 

Autos werden über zwei Ausgänge vom Gelände geleitet

Und dann geht es endlich los mit dem Film, der auf einer elf mal 24 Meter großen Leinwand gezeigt wird. Die Autoradios sind auf die Frequenz 95,9 Mhz eingestellt. Die „Airscreen“ ist vor der Rainer-Krätschmer-Brücke aufgebaut, im rechten Augenwinkel bummeln immer mal wieder Züge gen Bahnhof. Blau leuchtende Mini-Bildschirme blitzen auf: Die Gäste machen Fotos für die sozialen Netzwerke. Die Autos auf der Brücke nehmen sich im Hintergrund der übergroßen Projektionsfläche aus wie Spielzeugfahrzeuge. Decken werden herausgeholt: Inzwischen, nach 23 Uhr, sind es draußen gerade mal acht Grad. Nicht alle halten sich an das Verbot, die Motoren der Fahrzeuge während der Vorführung nicht laufen zu lassen. 

Am Ende des Films geht dann alles ganz schnell: Noch während der Abspann läuft, werden die Fahrzeuge aus zwei Ausgängen in den öffentlichen Verkehr geleitet. Zu den Klängen von „Boogie Wonderland“ und „Don't forget to catch me“ leert sich das Messegelände zusehends. Die Leinwand wird in wenigen Minuten abgebaut. Luft raus – fertig. Der Platz ist frei für die nächsten Aufführungen am Wochenende. Für einen Besuch, der sich lohnt. Weitere Aufführungen finden jeden Abend bis inklusive kommenden Sonntag statt. 

Mehr Informationen gibt es im Internet.

Quelle: Hanauer Anzeiger

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