Aus dem Leben des Zellhausener Dr. Josef Fuchs

Chiang Kai-shek behandelt?

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Dr. Josef Fuchs (rechts) bei einem seiner Besuche in der alten Heimat Zellhausen. Wie immer war er damals auffällig motorisiert.

Zellhausen -  Kaum eine Persönlichkeit der Region führte ein schillernderes Leben, keiner hütete mehr Geheimnisse als der geborene Zellhausener Arzt Dr. Josef Fuchs (1890 bis 1968). Von Michael Hofmann

Der Bugatti-Liebhaber und Weltreisende hinterlässt zwar eine deutliche und inzwischen gut dokumentierte Spur auf drei Kontinenten, doch tauchen immer wieder neue Details auf. Sehr zur Freude von Thomas Knapp vom Stadtarchiv Nürnberg, der im Gespräch mit einer Zeitzeugin einmal mehr ins Staunen gerät.

Um den Gynäkologen und Chirurgen, Rennfahrer, Piloten, Frauenversteher und Globetrotter Dr. Josef Fuchs ranken sich zahlreiche schillernde Geschichten, aber auch Mythen, deren Wahrheitsgehalt bislang weder verbrieft noch im letzten Detail nachprüfbar ist. Fuchs, in einer Zellhausener Gast- und Landwirtsfamilie aufgewachsen, ist (schwer verletzter) Kriegsteilnehmer, promoviert 1917 und zieht 1923 nach Nürnberg. Er entwickelt sich dort in den Folgejahren zu einem beliebten und wohl überaus betuchten Frauenarzt, erlangt als erfolgreicher Rennfahrer und Kunstflieger Bekanntheit und sorgt mit seinem exquisiten Fuhrpark für Schlagzeilen, vor allem mit einem Bugatti Typ Royale, von dem es auf der Welt nur sechs Exemplare gibt (wir berichteten im September 2017). Doch Fuchs gerät ins Fadenkreuz der Nazis, verlässt Deuschland - und eine Odyssee mit den Stationen Schweiz, China, USA beginnt. Gleichwohl kommt er in den 50er und 60er Jahre immer wieder in seinen Geburtsort Zellhausen zurück - stets auffällig motorisiert mit Cadillac, Mercedes 600 oder dem berühmten Flügeltüren-Mercedes 300 in leuchtend roter Farbe. Das alles ist nachweis- und belegbar.

Zu den spektakulären und exotischen Episoden im Leben des Dr. Josef Fuchs gehört auf der anderen Seite der angebliche Kontakt zum chinesischen Ehepaar Chiang Kai-shek. Ob in der Schweiz oder in Shanghai oder auf Taiwan - der Zellhäuser soll in den 1930er Jahren oder nach dem Zweiten Weltkrieg den berüchtigten Führer der Kuomintang (1887-1975) und großen Gegenspieler Mao Zedongs (1893-1976) nicht nur gekannt, sondern auch behandel haben. Thomas Knapp vom Stadtarchiv Nürnberg, der seit mehreren Jahren mit detektivischer Akribie sämtliche Informationen über den Zellhäuser Arzt sammelt, weiß natürlich um diese Gerüchte. In einer aktuellen Fuchs-Publikation für das Wormser Rudi-Stephan-Gymnasium nimmt Knapp darauf - vorsichtig - Bezug, betont, dass dies kolportiert worden sei, eine belastbare Quelle (noch) fehle. Doch ist in diesem Zusammenhang und an anderer Stelle auch von einer urologischen Operation die Rede, Dritte haben die Worte „kinderlose Ehe“ in Erinnerung gerufen. Letzteres könnte in sofern passen, als Chiang Kai-sheks damalige Ehe mit Song Meiling (1927) ohne Stammhalter blieb. Gleichwohl hatte er aus erster Ehe einen Sohn, Jingguo (1910-1988), der später sein politischer Erbe wird.

Von all diesen Gerüchten hat auch die Zellhausenerin Gisela Werwatz gehört. Im Gespräch mit Thomas Knapp kann sie sich gut an jene regelmäßigen Besuche des Arztes Dr. Josef Fuchs und seiner zweiten Frau Marie van Gastel mit ihrem Liebling, dem Hund Twinkle, in den 50er Jahren in Zellhausen erinnern. Fuchs errichtete dort damals einen Feriensitz - einen an das amerikanische Vorbild angelehnten Bungalow mit Klimaanlage - natürlich Ortssensation. Ihre Familie, so erzählt Gisela Werwatz, durfte zeitweise im Fuchs-Haus wohnen, weil ihr eigenes Domizil in der Nähe noch nicht fertig war. Beim Stichwort Chiang Kai-shek nickt sie vielsagend. Von einem erfolgreichen Eingriff bei dem Chinesen sei die Rede gewesen und dass es sich möglicherweise um „eine bakterielle Sache“ gehandelt haben soll. Als Dank dafür, so Frau Werwatz weiter, habe Fuchs ein prächtig ausgestattetes chinesisches Zimmer mit zwei dazu gehörigen chinesischen Teppichen erhalten. Dazu, fährt sie lächelnd fort, könne sie auch Beweise liefern - und präsentiert zwei Teppiche mit asiatischen Mustern in ihrem Wohnzimmer. Dies seien Teile des Originals. In den USA habe Marie van Gastel damals einen der Teppiche zerschnitten und eine Hälfte nach Zellhausen geschickt. Werwatz, die die Teile später geschenkt bekam, veranlasste 1985 eine Begutachtung durch einen Experten, der die Exponate in die 30er Jahre datierte und ihre Werthaltigkeit bestätigte. Für Knapp wichtige Mosaiksteinchen, die vielleicht doch noch beweiskräftig auf die Chiang-Kai-shek-Spur führen könnten.

Aber da gibt es noch die Bugatti-Spur, die Shanghai-Spur (dort betreute Fuchs eine Praxis in der nobelsten Gegend), einen Drogen- und Schmuggler-Skandal in den USA (1936), in den Personen aus seinem direkten Umfeld verwickelt waren, oder das Fuchssche Privatleben, das sich, so schreibt Thomas Knapp, in den USA zu einem „süffigen Boulevardstück“ auswuchs und zu dem auch seine langjährige Geliebte Agnes Finé (später auch Lola Fine), eine gebürtige Dieburgerin, zählte.

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