INTERVIEW Wißler zu Rathaus- und Bürgerhaus-Komplex, Bebauungsdichte und Mitbewerbern

„Gemeinde muss Planung in Hand behalten“

Das Neubaugebiet Mainfächer in der entstehenden Form hat Wißler im Gemeindeparlament abgelehnt.
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Das Neubaugebiet Mainfächer in der entstehenden Form hat Wißler im Gemeindeparlament abgelehnt.

Mainhausen – Drei Kandidaten treten am Sonntag, 1. November, in Mainhausen zur Wahl des Bürgermeisters an. Wir stellen die Anwärter auf die Nachfolge Ruth Dissers (SPD) in Porträt und Interview vor; heute Gerald Wißler. Die Fragen stellte Michael Hofmann.

Die Erkrankung von Bürgermeisterin Ruth Disser führte zum Wechsel an der Spitze der Gemeinde. Zwar waren viele voll des Lobes für Ersten Beigeordneten Torsten Reuter, der neben seinem Job das Spitzenamt im Rathaus übernahm, doch stellt sich die Frage, ob Sie seinen Führungsstil und seine Arbeitsschwerpunkte weiter pflegen möchten oder Korrekturbedarf sehen.

Wie Reuters Führungsstil gegenüber den Mitarbeitern der Verwaltung ist, kann ich als Außenstehender nicht beurteilen. Bei Sitzungen der Gemeindegremien war er sehr sachlich, gut vorbereitet und offen für Anregungen, egal aus welcher Richtung. Das kann man sich durchaus als Vorbild nehmen. Die Arbeitsschwerpunkte hat Reuter sich nicht ausgesucht, die haben sich ergeben. Das wird auch künftig so sein.

Stichwort Corona: Skizzieren Sie die ersten zwölf Monate Ihrer Amtszeit mit Blick auf politische, gesellschaftliche und sportliche Reglementierungen.

Alle Entscheidungen fällen Bund und Land sowie das Gesundheitsamt des Kreises. Wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, wir hätten auf Gemeindeebene die geringste Entscheidungsfreiheit. Ich habe nur die Hoffnung, dass die Zuständigen die richtigen Entscheidungen treffen.

Was erwarten/erhoffen Sie sich von der geplanten Erweiterung des Camping-Areals um 85 Hektar?

Es stimmt, dass die Gemeindevertretung beschlossen hat, von der Basalt AG 85 Hektar zu kaufen. Das sind aber im Wesentlichen Grundstücke im Naturschutzgebiet Bongsche Kiesgrube und Mainufer bei Mainflingen. Interessant für den Campingplatz ist nur ein Flurstück mit weniger als 4 000 Quadratmetern auf der anderen Straßenseite. Mehr als ein paar Stellplätze werden sich dort nicht realisieren lassen.

Nach Bekanntwerden des hohen Sanierungsbedarfs am Bürgerhaus Zellhausen hat die Gemeinde das Rathausprojekt „2 in 1“ vorläufig gestoppt. Wie soll´s weitergehen?

Der Beschluss, die energetische Sanierung zu stoppen, war zwar einstimmig, aber es gibt eine Vorgeschichte. 2016 stellte der SPD-dominierte Gemeindevorstand das Projekt „2-in-1“ vor. Danach sollte der Bürgerhausteil energetisch saniert, der Rathausteil erweitert werden, um nur einen Standort zu haben. Als Kostenschätzung waren 6,8 Millionen Euro angegeben. Die UWG hat deshalb einen Neubau sowohl des Rathauses als auch eines Veranstaltungssaals beantragt, zusätzlich wollten wir ein Blockheizkraftwerk auf dem Gelände statt in jedem Gebäude eine Heizanlage. Bei den Beratungen haben die anderen Fraktionen eingesehen, dass eine Erweiterung aufgrund der schlechten Bausubstanz unkalkulierbare finanzielle Risiken nach sich ziehen könnte. Daher wurde 2017 ein Neubau beschlossen. Leider hielten die anderen Fraktionen an der Bürgerhaussanierung fest. Für die UWG standen die Kosten zur Energieeinsparung von 2,3 Millionen Euro in keinem Verhältnis zu den jährlichen Heizkosten von 23 000 Euro. Außerdem war fraglich, ob bei der Bausubstanz die geplanten Maßnahmen möglich sind. Mit der Forderung nach einem Blockheizkraftwerk war die UWG allein. Es dauerte zwei Jahre, bis die SPD einsah, dass die teure energetische Sanierung keinen Sinn ergibt. 250 000 Euro Planungskosten sind da in den Sand gesetzt worden.

Wir sollten Folgendes tun:

Die Planung des Rathauses überdenken. Der Raumbedarf wurde ermittelt, als niemand an Home Office dachte. Seit Corona wissen wir, dass nicht alle Mitarbeiter ein Büro im Rathaus benötigen. Bei der Gelegenheit können wir den Trausaal einsparen, der kommt ins Alte Rathaus. Einen großen Saal für die Gemeindevertretung brauchen wir nicht unbedingt, die kann weiter in den Bürgerhäusern tagen.

Das Bürgerhaus Zellhausen weiter nutzen. Es ist ja nicht plötzlich baufällig, nur weil die energetische Sanierung nicht möglich ist. Stattdessen sollte alles unternommen werden, es möglichst lange zu nutzen. Künftig brauchen wir ein Gesamtkonzept fürs Areal. Da stehen mit Rathaus, Bürgerhaus, Turnhalle, Kindergarten, Vereinsheim und Feuerwehrhaus so viele Gemeindebauten, dass längst eine zentrale, umweltschonende Energieversorgung mit Kraft-Wärme-Kopplung hätte errichtet werden müssen.

Die Baugebiete Mainfächer (Mainflingen) und Zellhausen Süd werden die Einwohnerzahl deutlich anheben. Wo sehen Sie Mainhausens Grenze bei Erweiterung und Einwohnerzahl erreicht?

Die UWG war gegen den Mainfächer in dieser Form und hat in der Gemeindevertretung gegen den städtebaulichen Vertrag gestimmt. Unsere Befürchtungen wurden leider übertroffen. Zur Gewinnmaximierung einer Firma wurde die Bebauung viel zu sehr verdichtet. Vierstöckige Blöcke passen nicht ins Ortsbild. Gleichzeitig sind Gemeindebedarfsflächen (Straßen, Gehwege, Kita, Spielplätze) viel zu knapp geplant, die Müllabfuhr hat in manchen Straßen Schwierigkeiten durchzukommen. In Zellhausen darf sich so etwas nicht wiederholen. Die Gemeinde muss die Planung in der Hand behalten und den dörflichen Charakter beachten. Für weitere Baugebiete sehe ich auf absehbare Zeit keinen Anlass. Zur Einwohnerzahl kann ich nichts sagen, die Politik kann ja nicht vorschreiben, wie viele Leute in einer Wohnung leben.

Die Änderung der Landesentwicklungsplanung dürfte erhebliche Auswirkungen auf Mainhausen haben. Wie beurteilen Sie einen Basisdichtewert von 40 Wohneinheiten/Hektar und die Reduzierung von Kleinzentren wie Mainflingen auf eine Grundversorgungsfunktion (Metzger, Bäcker, mobile Verkaufsstelle)?

Hätte der Wert bereits beim Mainfächer gegolten, entstünden da 340 Wohneinheiten. Ich bin der Meinung, die geplanten 280 sind schon zuviel. Sicher fehlen im Rhein-Main-Gebiet Wohnungen. Aber es kann doch nicht die Lösung sein, in Dörfern wie Mainhausen eine Bebauungsdichte fast wie in Frankfurt vorzuschreiben. Die Änderung ist typisch dafür, wie die CDU-geführte Landesregierung versucht, ihr Versagen auf die Kommunen abzuwälzen. In Hanau, Frankfurt, Darmstadt und Babenhausen gibt es riesige Flächen, die seit dem Abzug der US-Truppen vor fast 20 Jahren brach liegen. In Hanau wird darüber diskutiert, 400 funktionsfähige Wohnungen abzureißen. In Aschaffenburg werden alle ehemaligen US-Kasernen seit Jahren genutzt, meist für Wohnungen.

Der größte Fehler ist, dass Mainflingen nur Grundversorgungsfunktion als Kleinzentrum zugestanden wird, Zellhausen nicht mal das. Das hätte zur Folge, dass wir beim Neubaugebiet nicht mal eine Fläche für einen Supermarkt einplanen dürften. Um diesen Unsinn zu verhindern, ist eigentlich der Landtagsabgeordnete der CDU gefordert.

Die Internetseite der Gemeinde soll erweitert werden mit zusätzlichen Informationen und Angeboten. Für Sie ein absolutes Muss oder ein Service, der den Kontakt mit einem Rathausmitarbeiter noch lange nicht ersetzen kann?

Sowohl als auch. Im 21. Jahrhundert muss es möglich sein, alles digital zu erledigen. Da hat Deutschland großen Nachholbedarf. Die Verantwortung liegt aber bei Land und Bund. Allerdings müssen wir noch für längere Zeit zweigleisig fahren, denn viele Menschen wollen einfach einen kompetenten Ansprechpartner von Angesicht zu Angesicht.

Beschreiben Sie kurz Ihre Konkurrenten um den Chefsessel im Rathaus, deren mutmaßliche Stärken und Schwächen.

Frank Simon ist wie ich seit 2011 Mitglied der Gemeindevertretung und war immer sehr sachlich und um Ausgleich bemüht. Ob er persönliche Schwächen hat, weiß ich nicht, und selbst wenn, würde es mir nicht zustehen mich darüber zu äußern. Politische Schwäche könnte sein, dass seine SPD-Fraktion von ihm verlangen könnte, dass alles bleibt, wie es ist.

Zu Thomas Rachor kann ich nichts sagen, ich kenne ihn persönlich nicht weiter. Allerdings hat er mich mal angerufen, um mich zu informieren, dass Plakate von mir beschmiert wurden. Dieses faire Verhalten spricht für ihn. Politische Standpunkte und Äußerungen vor seiner Kandidatur sind mir keine bekannt, seither scheint er sich im CDU-Fahrwasser zu bewegen. Aber ich finde es sehr mutig, ohne jede kommunalpolitische Erfahrung gleich für das Amt des Bürgermeisters zu kandidieren.

Welche Schlagzeile würden Sie nach 100 Tagen im Bürgermeisteramt mit großer innerer Zufriedenheit erfüllen?

„Mainhausen kommt gut durch die Corona-Krise.“

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