Grabungen am Zellhügel: Erkenntnisse zur regionalen Geschichte

Eindeutig eine „Heinrichsburg“

+
Blick auf die Ausgrabungsstätte am Zellhügel.  

Mainhausen - Seit wenigen Wochen ist es amtlich, dass die Grabungen am Zellhügel Ergebnisse gebracht haben, die weitere wissenschaftlich fundierte Rückschlüsse auf die Vergangenheit zulassen.

Mehr zum Thema:

Grabungen am Zellhügel in Mainhausen werden fortgesetzt

Weitere Analyse der Skelette vom Zellhügel

Zufrieden zeigt sich Dr. Ludwig Stenger, Vorsitzender des Geschichts- und Heimatvereins Mainhausen. auch mit den aktuellen Fortschritten in der wissenschaftlichen Bestimmung. Der Geschichts- und Heimatverein Mainhausen (GHV) hat im Jahr 2009 in Kooperation mit der Unteren Denkmalschutzbehörde des Kreises Offenbach mit einer großflächigen Bodenradaruntersuchung die archäologische Erforschung des Zellhügels bei Zellhausen begonnen. Im Süden und Westen der Befestigung zeichneten sich deutlich Mauerschutt und ein vorgelagerter Graben ab. Bei den anschließenden Grabungen im Jahr 2010 auf der westlichen Seite wurden bei einem tiefen Baggerschnitt durch den Graben Eichenpfähle für die dendrochronologische Datierung geborgen.

Bei den Ausgrabungen im Sommer 2015 wurde der Graben erneut, aber dieses Mal auf der Südseite der Befestigung angeschnitten. Auch dort konnten die Archäologen in ähnlicher Tiefe Eichenholzreste für die Zeitbestimmung bergen. Geeignete Proben aus beiden Grabungen wurden in drei verschiedenen Labors untersucht mit dem Ergebnis, dass die Befestigung am Zellhügel in den späten zwanziger Jahren des zehnten Jahrhunderts errichtet wurde und somit einen eindeutigen Hinweis auf die Burgenordnung Heinrichs I. und auf die „Ungarnnot“ der damaligen Zeit liefert.

Die Einfälle der ungarischen Steppenkrieger in Mitteleuropa und in Italien begannen Ende des neunten Jahrhunderts und führten ab 907 zum permanenten Kriegszustand. In kleinen Trupps schwärmten sie aus, die unbefestigten Siedlungen waren ihnen schutzlos ausgeliefert, insbesondere aber waren die Klöster mit ihren Schätzen und Vorräten das Ziel. Ob die Region um Seligenstadt ebenfalls von den marodierenden Horden heimgesucht wurde, dazu gibt es keine sicheren Informationen. Bezeichnend für die Plünderung eines Klosters ist der Überall auf St. Gallen im Jahr 926. Als die dortigen Mönche erfuhren, dass im schwäbischen Raum die Ungarn umherstreiften, brachten sie sich und die für sie wichtigen Dinge in einer eilends erbauten Fliehburg in Sicherheit. In deren Mitte hatte man auch eine Kapelle errichtet, worin man fast den gesamten Kirchenschatz verstaute. Die Fliehburg wurde zwar entdeckt, aber wegen der guten Befestigung bestand für die Ungarn keine Aussicht auf Einnahme.

Nach Gefangennahme eines für die Ungarn wichtigen Anführers gelang es, ab 926 „auf neun Jahre“ Frieden zu schließen. Heinrich I. nutzte die ausgehandelte Friedenszeit, um Burgen zu bauen und ein Reiterheer aufzustellen. Schon 933 fühlte er sich stark genug, gegen die Ungarn anzutreten, besiegte diese bei Riade an der Unstrut. Endgültig besiegt wurden sie aber erst 955 durch Otto I. auf dem Lechfeld. Nach dieser vernichtenden Niederlage wurden sie nach und nach sesshaft und öffneten sich zunehmend den Einflüssen aus dem Westen.

Die Erfahrungen während des Ungarnsturms führten letztendlich zur Verabschiedung der sogenannten Burgenordnung auf dem Reichstag zu Worms im Jahr 926. Damit wurde ein einheitlicher Befestigungsbau im gesamten Land angestoßen. Die nach dieser Ordnung errichteten Burgen zeichneten sich durch die starke Befestigung mit Wall, Graben und gemörtelten Mauern aus. Gerade der Mauerbau war in großen Teilen Deutschlands neu. Oft überbaute man vorhandene Befestigungen aus früheren Epochen. Die Burgen waren im Notfall als Zufluchtsort für die Bevölkerung vorbereitet und gewährten auch Schutz für Mönche aus benachbarten Klöstern.

Sensationeller Fund bei Ausgrabungen in Erlensee

Nachdem sie den Kampf um die Vorherrschaft im Stammesherzogtum Franken gegen die Babenberger gewonnen hatten, waren die Konradiner als einzige Verwandte der späten Karolinger die vorherrschende Sippe im ostfränkischen Reich. Von 911 bis 918 stellten sie mit Konrad I. den ersten nicht-karolingischen König. Auch am Hofe Heinrichs I. waren sie enge Berater und hatten somit großen Einfluss. Zentrum ihres Herrschaftsgebiets waren der Mittelrhein und das Lahngebiet. Aber auch das Kloster Seligenstadt geriet unter ihren Einfluss.

Vorher nicht passende Puzzlesteine fügen sich jetzt ineinander: Es gab am Zellhügel eine spätmerowingisch-karolingische befestigte Anlage, die später, zur Zeit Heinrichs I., mit einer nach der Burgenordnung von 926 errichteten Burg überbaut wurde. Die Datierung der Holzfunde, die bautechnischen Merkmale wie tiefe und breite Gräben, gemörtelte Mauern mit Wehrplattformen und das umfangreiche Fundmaterial weisen sie eindeutig als „Heinrichsburg“ aus.

Warum gerade der Zellhügel?

Nach dem Beweis durch die Archäologie stellt sich die Frage, warum diese am Zellhügel errichtet wurde und wer den Bau verantwortete. Da nach der Burgenordnung von 926 neben dem König auch die Stammesherzöge aufgefordert waren, zum Schutz der Bevölkerung und ihrer Klöster Fliehburgen zu errichten, kommen dafür in der Region Seligenstadt nur die Konradiner in Frage. Ihnen gehörte das Kloster. Sie hatten das Recht, abhängige Bauern für die notwendigen Arbeiten zu verpflichten. Sie hatten die Kompetenz und die Mittel, die notwendige Masse an Steinen, zum größten Teil von der anderen Mainseite, herbeizuschaffen. Sie konnten für die Einlagerung von Vorräten für den Notfall sorgen. Eine andere Grundherrschaft hätte in Konkurrenz zu ihnen und in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft ein solches Werk nicht realisieren können.

Damit kommt ein völlig neuer Ansatz in die regionale Geschichte: Burg und Kloster sind unter den Konradinern eine Einheit. Der Zellhügel wird Zufluchtsort für die Bevölkerung und die Kleriker des noch unbefestigten Stiftes samt dem Kirchenschatz. Ob ein solcher Notfall tatsächlich einmal eingetreten ist, kann nicht belegt werden. Wie das St. Gallener Beispiel zeigt, gehörte zum Inventar einer solchen Befestigung eine Kirche oder zumindest eine kleinere Kapelle – vielleicht ein Vorläufer der späteren Wallfahrtskirche, der Zellkirche.  (tku)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare