INTERVIEW Rachor zu Corona-Ausfällen, Wohnbaugebieten und Grundversorgung

„Grenze bei Infrastruktur überschritten“

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Mainhausen – Drei Kandidaten treten am Sonntag, 1. November, in Mainhausen zur Wahl des Bürgermeisters an. Wir stellen die Anwärter auf die Nachfolge Ruth Dissers (SPD) in Porträt und Interview vor. Die Fragen stellte Michael Hofmann.

Die lange Erkrankung von Bürgermeisterin Ruth Disser führte zu einem Wechsel an der Spitze der Gemeinde. Zwar waren viele voll des Lobes für Ersten Beigeordneten Torsten Reuter, der neben seinem Job auch das Spitzenamt im Rathaus übernahm. Doch stellt sich nun die Frage, ob Sie seinen Führungsstil und seine Arbeitsschwerpunkte weiter pflegen möchten oder aus Ihrer Sicht Korrekturbedarf sehen.

Torsten Reuter hat als Erster Beigeordneter die Arbeit der erkrankten Bürgermeisterin mit großem Einsatz ehrenamtlich weitergeführt. Da er diese Aufgabe stellvertretend und nur für einen begrenzten Zeitraum übernommen hatte, musste er die bisherige Linie weiter einhalten und konnte seinen persönlichen Stil für eine langfristige Aufgabe weniger einbringen. Dafür muss man ihm großen Dank aussprechen.

Als parteiloser Bürgermeister stehe ich für einen Neuanfang und für Veränderungen und könnte dementsprechend meinen eigenen Stil einbringen. Meinen großen Vorteil sehe ich darin, dass ich ohne Altlasten und politisch völlig unvoreingenommen an die Themen herangehen kann. Offene Diskussion und Transparenz sind wichtiger als Parteitaktiken und Machtinteressen, deshalb möchte ich die bestmöglichen Ergebnisse für Mainhausen gemeinsam erreichen.

Das unvermeidliche Stichwort Corona: Skizzieren Sie die ersten zwölf Monate Ihrer Amtszeit mit Blick auf mögliche politische, gesellschaftliche und sportliche Reglementierungen.

Leider wird uns die Pandemie noch einige Zeit begleiten, und niemand kann realistisch abschätzen, welche Auswirkungen sie haben wird. Deshalb ist eine Skizzierung der nächsten zwölf Monate fast unmöglich. Es wird weiterhin Einschränkungen geben, die einen erheblichen Einfluss auf unser tägliches Leben, das tägliche Miteinander, sei es in Vereinen oder auch bei Themen wie Kinderbetreuung, haben werden. Auch wenn durch die finanziellen Maßnahmen des Bundes und des Landes in diesem Jahr der Haushalt der Gemeinde sicher nicht von allzu großen Einschnitten betroffen sein wird, müssen wir doch durch zu erwartende Einnahmeausfälle in den nächsten Jahren die richtigen Maßnahmen diskutieren, um all die notwendigen Projekte und Investitionen umzusetzen, die man in den vergangenen, relativ guten Jahren verpasst hat.

Was erwarten/erhoffen Sie sich von der geplanten Erweiterung des Camping-Areals um 85 Hektar?

Der Campingplatz soll ja nicht um 85 Hektar erweitert werden. Die Gemeindevertreter haben wohl dem Kauf des Areals rund um das Naturschutzgebiet Bongsche Kiesgrube zugestimmt, da würde sich ein kleiner Teil zu einer Erweiterung eignen. Bedenkt man die aktuellen Umstände und das Urlaubsverhalten, das sich verstärkt in heimische Gefilde verlagert, kann eine Erweiterung durchaus Sinn machen, wenn es wirtschaftlich darstellbar ist.

Vergessen möchte ich aber nicht den Badesee in Zellhausen, der bei Investitionen in den letzten Jahren nur wenig berücksichtigt wurde, aber als Freizeitanlage mindestens genauso wertvoll ist.

Nach Bekanntwerden des hohen Sanierungsbedarfs am Bürgerhaus Zellhausen hat die Gemeinde das Rathausprojekt „2 in 1“ vorläufig gestoppt. Wie soll es in Sachen Rathauszusammenlegung weitergehen?

Grundsätzlich ist für mich ein vorläufiger Stopp der Planungen im Moment das einzig Sinnvolle. Die Planungen haben in der Vergangenheit einiges an Kosten verursacht, ohne dass es ein auf die Zukunft ausgerichtetes, vernünftiges Konzept gibt. Sicher müssen wir in naher Zukunft den Gürtel enger schnallen und abwarten, wie sich die finanzielle Situation der Gemeinde entwickelt. Wenn es die Zeit wieder hergibt, muss man versuchen, gemeinsam mit den Bürgern unserer Gemeinde nach bezahlbaren Lösungen zu suchen. Dabei ist es von großer Bedeutung, zu überlegen, wie die Verwaltung in fünf oder in zehn Jahren hinsichtlich elektronischer Lösungen aussehen wird. In den letzten Monaten gab es in Deutschland gerade auf diesem Gebiet große Veränderungen, die sich sicher weiter entwickeln werden.

Die beiden großen Baugebiete Mainfächer (Mainflingen) und Zellhausen Süd werden die Einwohnerzahl der Gemeinde deutlich anheben. Wo sehen Sie Mainhausens Grenze bei baulicher Erweiterung und Einwohnerzahl erreicht?

Für mich ist die Grenze derzeit erreicht oder sogar überschritten, wenn man die Infrastruktur betrachtet. Es mangelt jetzt schon an Betreuungsplätzen für Jung und Alt, es fehlt an Einkaufsmöglichkeiten, und die medizinische Versorgung ist auf das Nötigste beschränkt. All das sind grundlegende Themen, die vor einer zusätzlichen Erweiterung geklärt sein müssen. Unabhängig davon müssen wir darauf achten, dass Familien in unserer Gemeinde die Möglichkeit haben, bezahlbare Wohnungen oder Grundstücke zu finden.

Die vierte Änderung der Landesentwicklungsplanung dürfte erhebliche Auswirkungen auf Mainhausen haben. Wie beurteilen Sie einen Basisdichtewert von 40 Wohneinheiten/Hektar und die Reduzierung von Kleinzentren wie Mainflingen auf eine Grundversorgungsfunktion (Metzger, Bäcker, mobile Verkaufsstelle)?

Durch die vierte Änderung des Landesentwicklungsplans hat Mainhausen im Ballungsraum Frankfurt einen Basisdichtewert von 40 Wohneinheiten/Hektar, was für die Struktur unserer Gemeinde keinesfalls realistisch ist. Mainhausen liegt am äußersten Rand des Ballungsgebiets und wird mit seinen noch recht ländlichen Strukturen mit Städten wie Dietzenbach oder Langen verglichen. Bei künftigen Neubauprojekten wird der Kommune eine dichtere Bebauung durch das Land Hessen vorgegeben. Dies ist nicht im Sinne unserer Gemeinde. Mainhausen muss auch künftig so weiterentwickelt werden, dass es in die bestehenden Strukturen passt. Ferner müssen wir die Versorgung unserer Bürger durch Lebensmittelmärkte, Bäcker, Metzger und insbesondere Ärzte gewährleisten. Dafür werde ich mich einsetzen. Ein ganz wichtiger Aspekt wird die Entwicklung des Öffentlichen Personennahverkehrs sein, denn da besteht für Mainhausen noch erheblicher Nachholbedarf.

Die Internetseite der Gemeinde soll erweitert werden mit zusätzlichen Informationen und Angeboten. Für Sie ein absolutes Muss oder ein Service, der den Kontakt mit einem Rathausmitarbeiter noch lange nicht ersetzen kann?

Für mich ein absolutes Muss. Gerade jetzt zeigt sich doch, wie wichtig eine digitale Internetplattform ist, um an Informationen zu gelangen oder Formalitäten zu erledigen. Da möchte ich in Zukunft alle Entwürfe und Entscheidungen für den Bürger transparent darstellen und die Möglichkeit bieten, sich mit Ideen zu beteiligen. Ein solches Format kann natürlich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht ersetzen, die den Bürgern nach wie vor persönlich im Rathaus zur Verfügung stehen.

Beschreiben Sie kurz Ihre Konkurrenten um den Chefsessel im Rathaus, deren mutmaßliche Stärken und Schwächen.

Frank Simon kenne ich schon lange und schätze ihn sehr als Mensch. Als Bürgermeister würde er sicher den eingeschlagenen Weg seiner Vorgängerin und den seiner Partei weiterführen, welcher uns als Gemeinde in den letzten Jahren leider kaum weitergebracht hat.

Gerald Wißler hat politisch sicher viel Erfahrung, ich kenne ihn aber leider zu wenig, um ein Urteil abzugeben.

Welche Schlagzeile würden Sie nach 100 Tagen im Bürgermeisteramt mit großer innerer Zufriedenheit erfüllen?

Schlagzeilen über meine Person sind mir nicht wichtig. Ich möchte durch meine Arbeit, meine Leistung und mein Wirken überzeugen und dem Bürger die Gewissheit geben, dass sich in Mainhausen etwas bewegt und dass es vorangeht.

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