Grenzenlose Freiheit auf der Harley erleben

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Peter Kroboth, Robert Kühn,Wolfgang Betz, Rüdiger Bergmann und Franz Kolb (von links) am Mount Rushmore National Memorial in den Black Hills. Das Monument zeigt die in den Fels gemeißelten Köpfe der Präsidenten George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln.

Ostkreis ‐ Welcher Motorradfahrer hat noch nie davon geträumt, mit einer Harley Davidson die endlosen Highways der USA entlang zu brausen und im Sound des Kultmotorrades über den Asphalt gleiten, um die grenzenlose Freiheit pur zu erleben? Von Rudi König

Oder die legendäre Route 66, wie im Roadmovie „Easy Rider“, live zu erfahren. Diesen Traum haben sich fünf Motorradfreaks aus dem Ostkreis erfüllt.

Ihr Anführer („Roadcaptain“) ist der 52-jährige Franz Kolb aus Seligenstadt. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne, die beide auch schon den Motorradführerschein haben. Kolb ist IT-Teamleiter bei IBM in Frankfurt. Schon in früher Jugend hat er mit dem Motorradfahren begonnen, hat dann aber eine längere Pause eingelegt, Familie gegründet und Haus gebaut. Mit 39 fand er zum Hobby zurück und fährt seitdem eine Kawasaki Z 750.

Aus Froschhausen kommen gleich drei Fahrer. Der selbstständige Baumaschinenhändler Peter Kroboth ist mit 60 Jahren der Senior der Gruppe, ist verheiratet und hat eine Tochter. Seit 15 Jahren fährt er Motorrad. Die Leidenschaft hat Nachbar Herbert Fuhry bei ihm geweckt. Am Tag, als er mit ihm im Beiwagen durch den Spessart düste, entschied er sich einen eigenen „Ofen" zuzulegen.

Betz ist der „Youngster“ der Gruppe

Noch bevor er sich das erste Auto zulegte, besaß der 1956 geborene Rüdiger Bergmann ein Motorrad. Es war eine 250er Honda. Heute fährt der selbstständige Schreinermeister eine „Bandit 1250“.

Der dritte Froschhausener ist der „Youngster“ der Gruppe, Wolfgang Betz. Er ist 51 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Töchter und ist Verwaltungsangestellter beim Land Hessen in Frankfurt. Bereits mit 16 war er begeisterter Kreidler-Fahrer, heute nennt er eine 1200er „Bandit“ sein Eigen.

Letzter im Bunde ist der 52 Jahre alte Heizungsmonteur Robert Kühn aus Mainflingen. Er ist ebenfalls verheiratet und hat einen Sohn und eine Tochter. Zur Zeit fährt er eine umgebaute Kawasaki VN 900.

Franz Kolb fuhr als „Roadcaptain“ meistens vorne weg, die Meute hatte ihm zu folgen.

Die meisten von ihnen kennen sich bereits seit ihrer Jugend und waren zum Teil Mitglied bei der Motorradgruppe „Die Fans", die es heute noch gibt. Vor etwa 15 Jahren haben sie wieder zueinander gefunden und pflegen seitdem ihr Hobby gemeinsam. Zunächst standen Wochenendausflüge auf dem Programm. „Die Pfingsfeiertage waren Standard", erinnert sich Kolb. Die ersten größeren Ziele seien Eifel und Elsass, Bayerischer und Thüringer Wald gewesen. Doch getreu dem Motto „höher, weiter, besser" entstand der Wunsch, einmal in die USA zu fahren. Schnell wurde dies auch in die Tat umgesetzt, mittlerweile hat der größte Teil der Gruppe den Atlantik bereits zum dritten Mal überquert. Premiere war vor zehn Jahren die Teilnahme an der „Daytona Bikeweek“ (Motorradwoche) in Florida mit geschätzten 500.000 Motorradverrückten. Doch so richtig zum „Kilometerschrubben“ kamen sie erst fünf Jahre später. Hauptziel war Kalifornien. Die Begeisterung war so groß, dass allen klar war, dass dies nicht das letzte Mal gewesen sein kann. Ruck-zuck kamen sie überein, USA-Touren im Fünfjahrestakt zu unternehmen. So hat die Gruppe seit 2005 „feste gespart" und begab sich im vergangen Sommer erneut auf große Abenteuerreise. „Mit der Harley durch den Wilden Westen" lautete das Motto der Tour, die wiederum Franz Kolb zusammengestellt hatte. Er hatte sich schon lange im Vorfeld mit der Planung beschäftigt und „wichtige Tipps" für seine Mitreisenden auf Lager. Beispiel gefällig? „Keine wilden Tiere wie Grizzlies oder Bisons füttern oder streicheln wollen, die kennen euch nicht. Oder: „Kein „Aftershave benutzen, das den Bär anlockt, das könnte unangenehm werden". Noch besser: „Sollte der Bär wirklich kommen, sofort Gas geben und hoffen, dass der Auspuff laut genug ist, denn ein lauter Auspuff rettet Leben.“ Wenn das auch etwas lustig und ironisch klingt, mit seinen Ratschlägen lag er nicht ganz verkehrt. Noch gut erinnern sich die Biker an den Tag, als nach einer Kurve plötzlich eine Büffelherde auf der Straße stand.

Kumpels traten in Streik

Einer muss die Fäden in der Hand haben, war sich die Gruppe einig und akzeptierte die Führungsrolle Kolbs. Und das klappte auch vorbildlich. Kolb, der das „Tourbook" in großen Lettern auf seinen Tank geklebt hatte, fuhr meistens vorne weg, die Meute hatte ihn zu folgen. Bis auf eine Ausnahme, da traten die Kumpels in einen Streik. Kolb hatte ein Hinweisschild übersehen und war in die falsche Richtung gefahren. Die Gruppe merkte es, blieb stehen und ließen ihren Chef einfach weiterbrettern. Erst ein Autofahrer wies Kolb auf die Befehlsverweigerung hin. Er fuhr zurück. „Die hätten wenigstens hupen müssen", klagte er, doch der Frieden war schnell wieder hergestellt.

Los ging es Mitte August am Flughafen Frankfurt. Erste Aufregung am Airport London. Einer der Fünf hatte Probleme bei der Sprengstoffkontrolle. Doch nach „Warten, Warten, Warten" war alles wieder o.k. Nach der Übernachtung in einem Hotel in Denver bestiegen sie tags darauf die für rund 1 200 Euro gemietete Harley Davidson. Vor ihnen lagen genau 2456,4 Meilen, das sind 3952,35 Kilometer, durch die Staaten Montana, Wyoming, South Dakota und Colorado. Und es lief reibungslos: Kein Unfall, keine Pannen, nichts. Aber ein Höhepunkt reihte sich an den nächsten, einer schöner und größer als der andere. Darüber kommen die Jungs heute noch ins Schwärmen. Wen wundert‘s? Ein Blick auf die Landkarte verrät den Grund. Stationen wie Yellowstone Park, Rocky Mountains, Black Hills, Mount Rushmore, Badlands, Westernstädte wie Cody (Geburtsstadt von Buffalo Bill) und die Goldgräberstadt Deadwood, um nur einige zu nennen, sprechen für sich. Besonders die reizvolle Landschaften hatten es den Fahrern angetan: „Du fährst und fährst, immer gerade aus, aber es wird nie langweilig. Die Landschaft wechselt ständig ab und spiegelt sich in prächtigen Farbenspiele wieder. Es ist wie im Kino." Und dieses Gefühl wurde noch verstärkt, da sie ohne Helm fahren durften. In den meisten Staaten besteht keine Helmpflicht.

Wilder Westen hautnah erlebt

Und in den Rocky Mountains führte sie ihre Route bis auf 3700 Meter Höhe: „Das war wie in den Hochalpen. Die zahlreichen Kurven haben uns viel fahrerisches Können abverlangt, aber das Kurvenkratzen macht sehr viel Spaß. Da kommt Easy-Rider-Feeling auf. Wir haben den Film alle mehrfach gesehen."

Begeistert waren die Hessen auch von der Kontaktfreudigkeit der Amerikaner: „Überall, wo wir aufgetaucht sind, haben wir schnell Kontakt mit ihnen gehabt. Die Amis haben keine Berührungsängste. Sie gehen auf dich zu und fragen, wo du herkommst. Sie sind offen und neugierig und besitzen eine angeborene Freundlichkeit. Auch in den Bars waren wir schnell integriert. Die Einheimischen waren begeistert von den Verrückten, die über den Atlantik flogen, um Motorrad zu fahren."

Hautnah erlebten die Fünf auch den Wilden Westen: „Dass einer mit Anzug, Krawatte und Colt an der Seite über die Straße geht, ist dort keine Seltenheit."

Waffen - das war überhaupt ein großes Thema in diesem Teil der Staaten. Die Einheimischen waren verwundert darüber, dass die Deutschen keine Waffen bei sich hatten. Sie selbst haben ihre Büchsen immer dabei, das ist für sie ganz normal. Und nicht nur einmal tauchte die etwas seltsam anmutende Frage auf: Wie schießt ihr euer Fleisch? Denn: „Die Amis kaufen ihr Fleisch nicht im Supermarkt, sondern schießen es selbst." Und eins ist den Männern aus dem Raum Seligenstadt besonders aufgefallen: das Nationalgefühl der Amerikaner. Die Hütten, die sie unterwegs gesehen haben, konnten noch so heruntergekommen sein, eine Flagge in den Farben des Landes war immer gehisst.

An allen Tagen haben die Fahrer gutes Sitzfleisch bewiesen. Das war auch wichtig, denn die längste Tagestour betrug 657 Kilometer. Klar, dass sich der Körper dann bemerkbar machte und die Fahrer froh waren, absteigen zu können. War das Hotel gefunden, das ganze „Geraffel" in der Bude untergebracht und der Staub spätestens nach dem dritten Bier aus der Kehle gewaschen, war die Welt wieder in Ordnung.

Eine Geschichte kann sich Wolfgang Betz, der leidenschaftlicher Tennisspieler ist und für Grün-Weiß Zellhausen in der Verbandsliga um Punkte kämpft, nicht verkneifen. Am letzten Tag entdeckt er beim Blick aus seinem Denver-Hotelzimmer im 19. Stock einen Tennisplatz auf dem gegenüberliegenden, etwa zehn Geschosse hohen Parkhaus. Zwar wurde gerade nicht gespielt, aber ein Jogger drehte seine Runden. Das musste er seinen Tenniskollegen in der Heimat erzählen. Für Betz, Kroboth, Kolb, Bergmann und Kühn steht das „Gemeinschaftsgefühl" bei einer solchen Reise an erster Stelle: „Mit guten Freunden, auf die man sich hundertprozentig verlassen kann, Motorrad zu fahren ist einfach eine tolle Sache." Und für alle steht fest: In fünf Jahren sind sie „on the road again".

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