„Hetze gegen Flüchtlinge“

Ex-SPD-Chef Jochen Janzer zieht Kandidatur zurück

Mainhausen - Das gemeinsame Kommunalpolitiker-Feierabendbier, das Karl-Christian Schelzke, der Geschäftsführende Direktor des Städte- und Gemeindebunds, beim Amtsantritt von Bürgermeisterin Ruth Disser zur allgemeinen Befriedung und Abkühlung hitziger Mainhausener Gemüter dringend empfahl, wird’s wohl nicht mehr geben. Von Michael Hofmann

Jochen Janzer: „Eine große Dummheit“.

Das Tischtuch zwischen dem langjährigen SPD-Ortsvorsitzenden und heutigen Linken-Politiker Jochen Janzer und der UWG ist zerschnitten. „Ich ziehe meine Kandidatur auf der Kommunalwahlliste zurück“. Begründung: UWG-Hetze gegen Flüchtlinge. Blauäugigkeit sei’s gewesen, so Janzer gestern, dass er im vergangenen Jahr eine UWG-Anfrage, ob er denn auf der dortigen Kommunalwahlliste kandidieren wolle, schließlich befürwortet habe. Persönliche Kontakte zu einem UWG-Politiker über eine Fastnachts-Männertanzgruppe, die Beobachtung, dass die UWG um den ob seiner NDP-, DVU- und REP-Vergangenheit nicht unumstrittenen Gerald Wißler „halbwegs ordentliche Oppositionspolitik in der Gemeindevertretung“ mache und eben nicht durch „rechtsradikale Sprüche“ aufgefallen sei, hätten ihn darin bestärkt. Zudem, so Janzer weiter, sei ihm zugesichert worden, dass es sich um eine offene, freie Liste handele und dass sich die UWG, falls die Politik Flüchtlingen den Weg in unser Land ebne, nicht negativ äußern und statt dessen dafür aussprechen werde, dass diese Menschen anständig behandelt werden. Diese Zusage habe die UWG nicht eingehalten, geschweige denn anderslautende Positionen mit ihm abgesprochen, so Janzer „menschlich tief enttäuscht“.

Zum Beleg verweist er auf eine UWG-Mitteilung, in der Gemeindevertreter Gerald Wißler behauptet, „dass das überdimensionierte Flüchtlingswohnheim in Mainflingen von CDU-Kreischef Lortz bestimmt nicht in Froschhausen zugelassen worden wäre. Frau Disser hat bestimmt gleich ,Hier’ gerufen, als der Landrat fragte, wer das Flüchtlingswohnheim wolle.“ Die Forderung nach einer Haftpflichtversicherung für Flüchtlinge mit einem perfiden Querverweis auf die Kölner Silvesternacht sowie diese in einer Internet-Publikation gefundene Passage zur Mainflingener Überlaufeinrichtung mit 300 Plätzen bringen Janzer auf die Palme: „Nur Ruth Disser und SPD-Fraktionschef Kai Gerfelder schwärmten naiv verträumt in ihrer Willkommenskultur, sodass sie scheinbar nicht mal begreifen, was sie den Bürgern in Mainflingen angetan haben.“ Er ziehe deshalb seine Kandidatur auf der UWG-Liste zurück, das stehe fest, so Janzer gestern definitiv. „Ich lass mich nicht vor den rechten Karren spannen.“ Schließlich liege das Thema „Unterbringung und Betreuung der Flüchtlinge“ seiner Familie sehr am Herzen, alle arbeiteten aus diesem Grund im „Sozialen Netzwerk Mainhausen“ mit, und auch er unterstütze die Organisation nach Kräften.

Fotos: Bürgerversammlung zum Thema Flüchtlinge

Janzer war mehr als 40 Jahre SPD-Mitglied, langjähriger SPD-Ortsvereinschef in Mainhausen. Er trennte sich nach grundsätzlichen Meinungsverschiedenheit vor einigen Jahren von den Genossen und schloss sich der PDS und schließlich den Linken an. „Aber meine Grundhaltung hat sich nie verändert.“ Nach einer außerordentlichen Mitgliederversammlung war die UWG Mainhausen Mitte Dezember mit einem echten Coup an die Öffentlichkeit gegangen. Ihre 17 Bewerber umfassende Kommunalwahlliste führte UWG-Chef Michael Stirnweiß an, es folgen Fraktionschef Wolfgang Fritsch, Tatjana Rengeo und Gerald Wißler. Den „Ehrenplatz“ 17 nahm - zur Überraschung vieler Mainhausener Bürger - Jochen Janzer ein. „Eine große Dummheit“, wie der heute sagt. UWG-Chef Michael Stirnweiß war merklich überrascht, als er am gestrigen Nachmittag mit Janzers Rückzugsankündigung konfrontiert wurde, wollte sich vorerst nicht dazu äußern.

Ob Janzer freilich so ohne weiteres von der Liste zurücktreten kann, nachdem er seine Zustimmungserklärung abgegeben und der Wahlausschuss getagt hat, ist fraglich.

Rubriklistenbild: © paw

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