Digitalisierung, Betreuung, ÖPNV und Stress

Hundert Tage im Amt: Interview mit Mainhausens jungem Bürgermeister Frank Simon

Luftbild von der Firma NTS auf einem früheren Gärtnereigelände in Zellhausen.
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Ansiedlung der Firma NTS auf einem früheren Gärtnereigelände in Zellhausen: Die Gemeinde gewinne nicht nur einen attraktiven Arbeitgeber, sondern auch einen soliden Gewerbesteuerzahler hinzu, sagt Bürgermeister Simon.

Bürgermeisterwahl im November, Amtseinführung Anfang Dezember, Etat-Verabschiedung Anfang März, Kommunalwahl Mitte März, Konstituierung des Parlaments Ende April - die ersten gut 100 Tage hatten es in sich für Mainhausens jungen Rathauschef Frank Simon (36).

Mainhausen – Im Interview mit der OP steckt er sein Arbeitsfeld ab - von der Kita zur Digitalisierung, vom ÖPNV bis zur Gewerbeansiedlung. Die Fragen stellte Michael Hofmann.

Nach dem überzeugenden Sieg bei der Bürgermeisterwahl erlebten Sie einen extrem arbeitsintensiven Auftakt als neuer Mainhausener Rathauschef, die Rede ist von bislang 80 Personalgesprächen und 50 Anfragen aus der Bürgerschaft - hätten Sie eine solche Intensität erwartet?

Ja, das war mir im Voraus durchaus bewusst. Schon als Fraktionsvorsitzender haben mich viele Anfragen aus der Bevölkerung erreicht. Klar ist dies nun eine andere Dimension, aber unerwartet auf keinen Fall. Die persönlichen Gespräche mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern waren und sind mir sehr wichtig. Nur so kann man von Beginn an mit einer klaren Übersicht an die Aufgaben herangehen.

Frank Simon: Erfolgskonto für die Bürger

Da dürften freie Wochenende rar sein und 40 Wochenstunden kaum ausreichen...

Das ist in der Tat richtig. In Wochen mit vielen Abendsitzungen ist die Marke bei Weitem überschritten. Wichtig ist aber nicht mein Stundenkonto, sondern am Ende des Tages das Erfolgskonto für die Bürgerinnen und Bürger unserer Gemeinde. Wenn ich am Abend das Rathaus mit dem Gefühl verlasse, dass der Tag wichtige Fortschritte für alle gebracht hat, dann vergeht die Zeit wie im Flug. Wichtig ist es aber auch, die ausgleichende Balance zu finden und sich ausreichende Auszeiten zu nehmen.

Was ist das für ein Gefühl, wenn jede fünfte Äußerung und jeder dritte Auftritt gleich öffentliche Reaktionen hervorruft?

Wie bereits eingangs erwähnt, durch meine vorherige Position, kein ungewohntes. Mir macht es Spaß mit den Menschen offen und transparent umzugehen und den Austausch zu suchen. Auch kritische Themen müssen betrachtet und bearbeitet werden, das gehört wie immer im Leben mit dazu.

Die Hürde Haushalt haben Sie ohne Probleme genommen, ein Überschuss von 1,9 Millionen eröffnet Spielräume. Haben Sie entsprechende Wunschprojekte?

Wunschprojekte hätte ich sicherlich so einige, aber im Moment ist hierfür sicher nicht der richtige Zeitpunkt. Es gilt, mit Maß und Vernunft zu wirtschaften, um Mainhausen sicher durch die aktuelle Situation zu bringen und gestärkt aus dieser hervorzugehen.

Die Ansiedlung der Firma NTS verändert die Optik am Zellhausener Ortseingang. Ein Investitionsvolumen von 25 Millionen beeindruckt. NTS will 80 Beschäftigte mitbringen, springen auch konkrete Jobs für Mainhausener Arbeitnehmer heraus? Wo zahlt NTS eigentlich Gewerbesteuer? Bürger machten uns aufmerksam, dass sich auf der Baustelle seit einiger Zeit kaum etwas tut.

Wir sind als Gemeinde sehr froh, ein gut geführtes mittelständisches Unternehmen für den Standort Mainhausen gewonnen zu haben. Durch die Verlegung des Unternehmenssitzes nach Mainhausen gewinnt die Gemeinde nicht nur einen attraktiven Arbeitgeber, sondern auch einen soliden Gewerbesteuerzahler hinzu. Die Bauarbeiten gehen planmäßig voran, und die letzten Abrissarbeiten sind im Gange. Im Sommer starten bereits die Neubauarbeiten auf dem Areal.

Zu den zahlreichen Themen, mit denen Sie sich beschäftigten, zählt der zweigleisige Odenwaldbahn-Ausbau, der Zellhausen mehr Halte bringen könnte. Ob wir das alles noch erleben?

Eine sehr gute Frage. Leider wird die Sache immer wieder auf übergeordneter Ebene ausgebremst. Im Zusammenschluss mit der Stadt Seligenstadt und der Gemeinde Hainburg haben wir nun einen weiteren Antrag gestellt. Erst letzte Woche fand wieder ein intensiver Austausch mit der Kreisverkehrsgesellschaft, Seligenstadts Erstem Stadtrat Michael Gerheim und Hainburgs Bürgermeister Alexander Böhn im Seligenstädter Rathaus statt. Gemeinsam wollen wir als Ostkreisgemeinden an einem Strang ziehen, um am Ende das große Ziel zu erreichen.

Mit dem außergerichtlichen Vergleich bei der Sanierung der Hauptstraße in Mainflingen konnte ein jahrelang schwelender Streit beigelegt werden. Warum geben Sie keine Kosten und Details bekannt?

Da die Vergleichsverhandlungen erst vor Kurzem abgeschlossen wurden, gab es vorab keine Details aus der Vereinbarung in der Öffentlichkeit. Dies wäre weder für das Ergebnis zielführend gewesen noch für das beklagte Ingenieurbüro. Die gewählten Gemeindevertreter aller Fraktionen waren stets offen und transparent in alle Vereinbarungen und Details eingebunden und haben sich am Ende deutlich für den außergerichtlichen Vergleich ausgesprochen. Sicher kann man erwähnen, dass man sich auf Basis der goldenen Mitte geeinigt hat und dass die Sanierung der Hauptstraße noch in diesem Jahr erfolgt. Aktuell laufen die Vorplanungen. Da nun auch das Beweissicherungsverfahren abgeschlossen ist, werden in Kürze provisorische Reparaturen ausgeführt und die Straße bis zur Komplettsanierung im Herbst wieder geöffnet.

Ihr besonderes Engagement beim Thema Kinderbetreuung fällt auf. Kita Pusteblume, Mainfächer-Planung, Personalgewinnungsoffensive, Arbeitsmarktzulage, Neuausrichtung des Fachbereichs Kitabetreuung, Onlineanmeldeverfahren über WebKita sind Stichworte. Wie in Seligenstadt ist das Ende der Fahnenstange noch längst nicht erreicht, auch die Kosten steigen kontinuierlich...

Ja, das Thema Kinderbetreuung liegt mir besonders am Herzen. Sowohl im Wahlkampf als auch jetzt ist es mein Themenschwerpunkt Nummer 1. Sicher wird uns dieses Thema noch sehr lange beschäftigen und begleiten. Allein am Arbeitsmarkt gibt es nahezu kein Personal mehr, währenddessen immer mehr Kindertageseinrichtungen geschaffen werden. Hier haben Bund und Land sehr lange die Entwicklungen, welche durch neue Gesetze erst entstanden sind, verschlafen. Eine rechtzeitige Reform der Ausbildung und entsprechende Vergütung hätten heute viele Probleme erspart, welche nun von den Kommunen ausgebadet werden müssen.

Auch bei der Digitalisierung gibt Mainhausen Gas. Wie sieht Ihre Zielsetzung aus?

Wenn es einen positiven Effekt aus der Corona-Pandemie gibt, dann ist es definitiv die Digitalisierung. Dies fängt bei einfachen Dingen in der Verwaltung an, damit den Mitarbeitern das mobile Arbeiten ermöglicht wird, und setzt sich bei den neuen Angeboten für die Bevölkerung fort. Im Bereich des digitalen Rathauses sind bereits viele Angebote geschaffen, die den Weg in die Verwaltung ersparen. Diese werden aktuell sukzessive erweitert. Klar ist aber auch, dass für jeden die Rathaustür weiterhin geöffnet bleibt, um für alle Generationen ein Angebot bieten zu können.

E-Ladesäule und Lastenfahrrad sind erfreuliche Maßnahmen, aber es gab auch einige Stolpersteine, etwa die Blitzersäule mitten auf dem Gehsteig in Zellhausen oder die beiden Mainflingener Corona-Teststationen in nur 50 Metern Abstand. Bei beiden Streitpunkten reagierten Sie prompt, verfassten umgehend Erklärtexte. Sind Sie (noch zu) dünnhäutig?

Ganz im Gegenteil. Ich sehe in meinen Reaktionen die lange geforderte Transparenz und Offenheit. Mir ist es wichtig, möglichst alle Bürger abzuholen und ihnen die Entscheidungswege aufzuzeigen. Das Feedback dazu aus der Bevölkerung ist sehr gut, und auch in Zukunft werde ich dies sicher so weiterführen. Mir sind Dialog und Austausch sehr wichtig, hiervon können am Ende beide Seiten enorm profitieren.

Die Minderheitenregierung Ihrer SPD in der Gemeindevertretung ist trotz aller frommen Worte der Opposition ein Gang auf dünnem Eis. In Dreieich läuft ein solches Experiment eben aus, die Begeisterung hält sich in Grenzen. Woher nehmen Sie den Optimismus, denn mit einem Scheitern Ihrer Fraktion könnten auch Sie als Bürgermeister Schaden nehmen?

Diese Bedenken teile ich keinesfalls. Ich bin als „Bürgermeister für alle“ in den Wahlkampf gezogen, und diesen Leitspruch lebe ich auch täglich. Mir ist eine kollegiale Zusammenarbeit mit allen Fraktionen sehr wichtig, und ich denke, dass dies bisher auch sehr gut gelungen ist. Es gilt, sich gemeinsam für die Verbesserung unserer großartigen Gemeinde einzusetzen und das ist sicher das Ziel aller Fraktionen. Schon in der Vergangenheit gab es bereits bei nahezu allen Beschlüssen deutliche Mehrheiten und das über die absolute Mehrheit der SPD hinaus. Sicher ist es komfortabel, wenn man immer auf eine Mehrheit im Rücken setzen kann, aber ich bin überzeugt, dass diese bei sachlich objektiver Politik im Sinne der Gemeinde immer zustande kommen wird. Ich persönlich freue mich daher auf die kommenden Jahre, in denen sicherlich sehr viel Arbeit auf uns wartet.

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