Amt der Vorsitzenden von pro interplast

Vom Indien-Virus infiziert

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Die Not der Menschen in den indischen Slums zu lindern liegt Waltraud und Jochen Huck am Herzen.

Zellhausen - Fast 25 Jahre stand Waltraud Huck an der Spitze des Vereins „pro interplast“. Bereits vor einiger Zeit hatte sie angekündigt, dass sie aus gesundheitlichen und aus Altersgründen für das Amt der Vorsitzenden nicht mehr zur Verfügung steht. Von Oliver Signus

Fast sieben Millionen Euro hat der Verein seit seiner Gründung 1989 gesammelt. Kalkutta, Millionenstadt in Westbengalen. Für viele Westeuropäer ein Synonym für Dreck und Elend. Unzählige Menschen leben in Slums unter trostlosesten Bedingungen, ohne Chance auf eine Verbesserung ihrer Lebenssituation.

1994 reist die Mainhausenerin Waltraud Huck mit dem Arzt Dr. André Borsche vom Verein Interplast Deutschland das erst Mal nach Indien - und muss ihren Besuch vorzeitig beenden. Die Not der Menschen macht ihr seelisch zu schaffen, der Smog sorgt bei allen Aufenthalten für gesundheitliche Probleme. „Jedes Mal, wenn wir dort waren, hatten wir hinterher mit Bronchitis zu kämpfen“, erinnert sich die 70-Jährige. Zum „Wir“ gehört auch ihr Mann Jochen (74), der ihre Arbeit all die Jahre intensiv unterstützt. „Ohne seine Hilfe hätte ich das alles gar nicht machen können“, sagt sie.

Erfahrungen auf dem ersten Trip

Mögen die Erfahrungen auf dem ersten Trip auch noch so schlimm gewesen sein - Waltraud Huck kommt zurück. Noch 15 Mal steigt sie in den folgenden Jahren ins Flugzeug, das nächste Mal 18 Monate nach der Premiere. Ehemann Jochen war das erste Mal dabei: „Da hat uns der Indien-Virus befallen“, sagt sie. Angefangen hatte alles, als Waltraud Huck Ende der 1980er Jahre einen Vortrag vom Verein Interplast Deutschland besuchte. Daraus entstand der Wunsch, sich zu engagieren. „Wenn ich allerdings gewusst hätte, wie sich das entwickelt, hätte ich wahrscheinlich die Finger davon gelassen“, sagt sie. Sie bewegt Bekannte und Ärzte zum Mitmachen, verspricht: „Ihr müsst nix schaffen, ich mach’s“ - ohne damals zu ahnen, welche Bedeutung der 1989 gegründete Verein „pro interplast“ einmal bekommen wird. Bis zu ihrem Rückzug sammeln Waltraud Huck und ihre Mitstreiter rund 6,9 Millionen Euro, die Verwaltungskosten liegen stets bei nur zwei Prozent, sagt sie.

Vielen Menschen kann sie dank ihres Einsatzes helfen - und dabei kommt die Mutter von zwei Söhnen auch zu einer „Tochter“. 1992 kommt aus einem Heim die damals 16-jährige Lucie nach Deutschland. Das Mädchen leidet an Knochenfraß, ein Bein ist fast 18 Zentimeter kürzer als das andere. Lucie wird erfolgreich behandelt, ist mehrere Male in Deutschland und wohnt in der Zeit bei den Hucks. Daraus entsteht eine innige Beziehung, die junge Inderin nennt sie Mama und Papa. 2003 hat Lucie geheiratet. Für ihren siebenjährigen Sohn zahlen die Söhne der Hucks, Steffen und Peter, das Schulgeld von jährlich 300 Euro.

Begegnung mit Mutter Teresa

Mitte der 1990er Jahre begegneten Waltraud und Jochen Huck Schwester Teresa.

Vor rund zehn Jahren lernen die Hucks Dr. Tobias Vogt kennen, der in einem Slum in Howrah, einer Stadt, die zum Einzugsgebiet von Klakutta gehört, arbeitet. Fortan unterstützen sie auch seine Arbeit, über die unsere Zeitung regelmäßig berichtet. Eindrucksvoll war für das Ehepaar auch die Begegnung mit Mutter Teresa (1910-1997). Die berühmte indische Nonne und Friedensnobelpreisträgerin (1979) trafen sie Mitte der 1990er Jahre.

2011 waren die Hucks das letzte Mal in Kalkutta. Für sie hieß es Abschied nehmen von den vielen Menschen, die sie dort im Lauf der Jahre kennen gelernt hatten. „Da flossen auch viele Tränen“, erinnert sich Waltraud Huck. Die Entscheidung, das Reisen aufzugeben, fiel dem Ehepaar nicht leicht. Doch sind die Reisen anstrengend, nach dem Flug ging es stets noch mehrere Stunden in schlechten Autos über schlechte Straßen. Nun hat Reinhilde Stadtmüller das Ruder bei pro interplast übernommen, 15 Jahre fungierte sie bereits als Stellvertreterin. Wie wichtig die Arbeit des Vereins für die Menschen in den indischen Slums auch künftig ist, wird deutlich, wenn man die Hucks fragt, wie sich Kalkutta in den vergangenen zwei Jahrzehnten verändert hat: „Ein paar Prunkbauten sind hinzugekommen, ansonsten hat sich nicht viel getan.“

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