Akustiksignal gefordert

Angst vor lautlosen Elektro-Autos: Übergang in Mainflingen nicht blindengerecht

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Nach Gehör überquert der blinde Markus Hanitz die Brüder-Grimm-Straße in Mainflingen. Bei Elektro-Autos freilich funktioniert das nicht. Deshalb setzt er sich für ein akustisches Signal an der Ampel ein.

Markus Hanitz (45) steht an der Fußgängerampel in Mainflingen, um die stark befahrene Brüder-Grimm-Straße zu überqueren. Der gelernte Florist und Hobbykoch ist auf dem Weg zum Blumen- und Gemüseladen, wo er einmal die Woche einkauft.

Mainhausen – Die Ampel zeigt für Fußgänger rot – Hanitz überquert die Fahrbahn trotzdem. Nicht aus Renitenz: Er ist seit 15 Jahren blind.

„Seitdem muss ich mich auf meine Ohren verlassen“, sagt er. „Wenn ich kein Auto kommen höre, gehe ich über die Straße. Bisher hat das immer gut geklappt“. Da die Ampel gegenüber der Volksbank nicht mit einem akustischen Signal für Sehbehinderte ausgestattet ist, stellt das für ihn aber ein riskantes Unterfangen dar.

Keine 20 Meter von der Ampel entfernt steht ein Elektro-Auto an der EVO-Ladesäule. Da viele ältere Modelle noch keine akustischen Warntöne von sich geben – in der EU erst ab 2021 Pflicht für Elektro-, Hybrid- und Brennstoffzellenfahrzeuge –, ist der erste Unfall eine Frage der Zeit.

„Mainhausen ist technologisch ganz weit vorn“, sagt Michael Braun, Freund von Markus Hanitz. „Wir waren die erste hessische Gemeinde mit Glasfaseranschluss, haben den Hopper, eine gut genutzte App-2-Drive-Station und Ladesäulen, unsere Gemeindevertreter sind mit umweltfreundlichen E-Autos unterwegs: Wir können fast zum Mond fliegen. Trotzdem sind wir nicht in der Lage, eine Ampel mit einem simplen Warnton auszustatten, der sehbehinderten oder älteren Menschen beim Queren der Straße hilft. Wir werden alle älter und sollten darauf achten, dass bei allem Fortschritt nicht einige wenige auf der Strecke bleiben.“

Hanitz befürchtet: „Wenn immer mehr Hybrid- oder E-Autos unterwegs sind, werde ich mich wohl nicht mehr ohne Weiteres allein durch den Ort bewegen können. Vor denen habe ich Angst.“

Frank Schäfer, Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenbunds in Hessen, kennt das Problem nur zu gut. „Da es leider keine gesetzliche Handhabe für diese Art Umrüstung gibt, hilft nur politischer Druck und Thematisierung in der Öffentlichkeit“, weiß er aus Erfahrung. „In Deutschland wird immer wieder beklagt, dass es zu viele Gesetze gibt. Aber wenn es um Barrierefreiheit geht, wird oft nur gehandelt, wenn ein Paragraf Barrierefreiheit vorschreibt...“

Eine schriftliche Anfrage zur Umrüstung der Ampelanlage hat die Gemeinde wohlwollend beschieden. Zuständig sei jedoch die Verkehrsbehörde des Kreises Offenbach. Aus dem Kreishaus in Dietzenbach hieß es gestern auf Anfrage unserer Zeitung, der Kreis sei lediglich für die Finanzierung verantwortlich; wann die Arbeiter anrücken, bestimme der Landesbetrieb Hessen Mobil. Dort liegt das Begehren aus Mainhausen inzwischen vor, was die Gemeinde bestätigt bekommen hat. Wann das Warnsignal installiert wird, steht freilich noch nicht fest. Auch zu den Kosten kann einstweilen niemand etwas sagen: Die hängen von den technischen Gegebenheiten ab. mt

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