Gemeindevertretung verabschiedet kostengünstiges Wohnprojekt

Schöngerechnet oder nicht?

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Symbolbild

Mainhausen - Schön gerechnet, schöngerechnet oder verrechnet? Die Notwendigkeit des Wohnungsbaus wollte keine Fraktion anzweifeln, doch ob der finanzielle Nutzen beim Projekt „Kostengünstiges Wohnen“ für alle Beteiligten tatsächlich so groß ist, darüber gab es kontroverse Diskussionen in der Sitzung der Gemeindevertreter am Dienstagabend im Bürgerhaus Mainflingen. Von Oliver Signus

Vom kostengünstigen Wohnen der Firma 6M soll jeder profitieren. Die künftigen Bewohner des Hauskomplexes mit 24 Wohnungen, die Gemeinde Mainhausen und natürlich der Investor, das Unternehmen mit Hauptsitz in Düsseldorf. Die Kaltmiete wird auf zehn Jahre festgeschrieben, soll bei 7,95 Euro je Quadratmeter liegen. Für die Gemeinde, die das Grundstück in Zellhausen in Erbpacht vermietet, sollen rund 1,25 Millionen Euro in die Kasse gespült werden. Dabei rechnet Bürgermeisterin Ruth Disser vor, dass das Grundstück, auf dem 6M bauen wird, mit rund 900.000 Gesamtwert in der Bilanz der Gemeinde auftaucht. Weitere 350.000 Euro solle der Verkauf des Gewerbegrundstücks in Mainflingen bringen.

Klingt alles gut, doch für den CDU-Fraktionsvorsitzenden Johannes Wegstein ist es eine Frage, wie man die Zahlen interpretiert. Er, der Banker, habe darin jahrzehntelang Berufserfahrung. Und so sah er in dem günstigen Mietzins eher einen Betrag an der Obergrenze in Mainhausen. Frank Simon, stellvertretender SPD-Fraktionschef, widersprach, zehn Euro seien derzeit eher üblich.

Wegstein hob auch hervor, dass die Gemeinde mit Kosten in Vorlage gehen müsse, 262.000 Euro für die Erschließung kämen da etwa zusammen. Dass dieser Betrag ausreicht, zweifle er an, sagte er gestern auf Anfrage. Es sei bekannt, dass am Ende der Bahnhofstraße, wo der Komplex entstehen soll, Probleme mit dem Kanal bestünden. „Es ist abzuwarten, ob die neuen Wohneinheiten überhaupt noch angebunden werden können“, ist Wegstein skeptisch. Sollte dort ein Kanalneubau oder eine Erweiterung erforderlich sein, „werden die Kosten sicherlich nochmals kräftig steigen“.

Den 262.000 Euro Investitionen seitens der Gemeinde stellte der UWG-Fraktionschef Gerald Wissler die Erbpacht gegenüber. Bei jährlichen Einnahmen von 38.000 Euro „gehen die ersten sieben Jahre komplett drauf, um diese Kosten zu decken.“ Und wenn die Gemeinde das Geld nicht habe, müsse sie es leihen, dann kämen auch noch Zinsen hinzu. Wissler merkte zudem an, dass in Dissers Kalkulation ein Bodenrichtwert von 300 Euro je Quadratmeter zugrunde gelegt worden sei, das Grundstück in Zellhausen hätte dann einen Wert von 943.500 Euro. „Heute Mittag betrug der Bodenrichtwert auf der Internetseite der Gemeinde allerdings nur 270 Euro je Quadratmeter. Das wären dann nur noch 849.150 Euro“, rechnete Wissler vor. Zur Miete von 7,95 Euro meinte er: „Das ist weder günstig noch teuer, sondern ein üblicher Marktpreis für den gebotenen Standard.“

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Ruth Disser bestätigte den Bodenrichtwert. Da Grundstücke in Mainhausen aber teurer gehandelt würden, habe man den Wert ebenfalls höher angesetzt. SPD-Fraktionsvorsitzender Kai Gerfelder betonte, „dass nichts schön gerechnet ist“. Als Grundlage habe eine Aufstellung des Bauamtes gedient. Sein Parteifreund Frank Simon vertrat die Ansicht, dass es „anhand der vorliegenden Zahlen und Fakten keine zweite Meinung zu diesem Projekt geben darf“. Es sein ein Gewinn „für alle Bürger unserer Kommune“. Berücksichtigt werde sowohl die kommunale sozialpolitische Komponente zur Schaffung von Wohnraum „also auch die wirtschaftliche Betrachtung zum Wohle der Gemeinde“. Es sei allerhöchste Zeit, mit dem Bau zu beginnen, betonte Simon und verwies auf eine Warteliste mit 50 Familien bzw. Personen, die in Mainhausen eine Wohnung suchten. Wegen des akuten Mangels seien kürzlich zwei Feuerwehrleute mit ihren Familien weggezogen. „Da geht uns auch Know-how verloren“, so der Sozialdemokrat.

Immerhin - und da kamen alle wieder zusammen - sei die Verlegung des Projekts eine gute Sache, weil nun in Mainflingen das ursprünglich für 6M vorgesehene Grundstück im Gewerbegebiet wieder zum Verkauf frei sei. Die UWG befürwortete lediglich diesen Aspekt im Antrag und lehnte das Bauprojekt ab. Die CDU votierte gegen die Drucksache, SPD-Mehrheit und FDP stimmten dafür.

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