Wie nach Maschinengewehrbeschuss

Mainhausen: Hagelschaden-Zentrum beseitigt an Autos Folgen des Unwetters

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Mit einem Spezialwerkzeug zieht Robert Ohl Dellen aus dem Dach des BMW. Weit mehr als 100 schafft er in einer Stunde.

Der Himmel im Inneren des BMW ist abgehängt, vorsichtig drückt Robert Ohl mit einem Hebel die kleinen Dellen im Dach des Wagens raus. Hunderte sind es, die nur mit Hilfe einer Lampe sichtbar werden.

Mainhausen – Ohl gehört zum Mechaniker-Team der Firma Hagelschaden-Zentrum, die ihren Hauptsitz in Ulm hat. In einer Halle an der Mainhausener Seestraße beseitigen Fachleute seit Montag vergangener Woche die Schäden, die das verheerende Unwetter vom 18. August hinterlassen hat.

In der Zentrale des vor rund 25 Jahren gegründeten Unternehmens sitzen Mitarbeiter, die verschiedene Wetterseiten im Internet verfolgen, und ihren Focus auf Hagel legen. „Sobald an irgendeinem Ort in Deutschland ein Unwetter niedergegangen ist, fahren Angestellte in das Epizentrum“, um das Ausmaß zu bewerten, erläutert Vertriebsleiter Domeniko Cobic, der die Kunden mit seinem Team in Mainhausen betreut.

Sind, wie im Kreis Offenbach, tausende Autos demoliert worden, wird ein komplettes Netzwerk in Gang gesetzt. Schnell muss eine ausreichend große Halle gefunden werden, in der Autos repariert werden können. Weil das Unwetter vor zweieinhalb Wochen einen immensen Schaden angerichtet hat, kam ein weiterer Standort in Karlstein hinzu.

Das Unternehmen arbeitet mit Versicherungen zusammen, die ihre Gutachter an die jeweiligen Standorte entsenden. In Mainhausen sitzen neun Vertreter verschiedener Versicherungen, die die Schäden bewerten und darüber befinden, ob ein Auto Totalschaden ist oder ob sich eine Reparatur lohnt, in Karlstein sind es fünf weitere. Außerdem rekrutiert das Unternehmen freiberufliche wie auch festangestellte Automechaniker.

Vertriebsleiter Domeniko Cobic, Projektleiterin Elena Seifert (links) und ihre Assistentin Sandy Hohe betreuen die Kunden in Mainflingen.

Die haben die reinste Sisyphusarbeit zu verrichten. Das bislang am schlimmsten zugerichtete Auto hatte allein auf dem Dach rund 1 000 Einschlägen, die rausgedrückt werden müssen, sagt Cobic. Die Arbeit rechne sich dennoch, denn die Mechaniker sind schnell. Weit über 100 Dellen pro Stunde schafft Ohl im Schnitt. Woher man die Nerven für so eine Arbeit haben kann? „Es ist eine Leidenschaft“, sagt er. Dieser Passion geht er seit 13 Jahren nach. Dank ihr ist der Freiberufler viel in der Welt herumgekommen. Auch in den USA war er bereits mehrfach zum „Drücken“, wie die Spezialisten ihre Arbeit nennen. Was so banal klingt, erfordert allerdings viel Fingerspitzengefühl, denn der Lack darf nicht beschädigt werden. Der Wagen soll danach wieder wie neu aussehen, nur wenn die Einschlagstellen Kanten hinterlassen haben und der Lack gebrochen ist, werden Teile ausgetauscht, erläutert Cobic. „Originalteile“, betont er, schließlich gebe sein Arbeitgeber sechs Jahre Garantie.

Dellen-Spezialist Ohl demonstriert einen weiteren Kniff beim Entfernen der Hägelschäden. Hat der Hagel Dellen hinterlassen an Stellen, die man nicht von innen herausdrücken kann, klebt er eine Art Saugnapf auf die betroffene Stelle und zieht das Blech heraus. Dabei entsteht nun eine Beule, die er mit einem stiftähnlichen Instrument wieder bearbeitet, bis die Fläche eben ist.

Cobic sagt, dass der Hagelsturm große Schäden an den Autos angerichtet habe, weil er fast wagerecht durch die Straßen fegte. Dadurch seien die Wagen auch an den Seiten in Mitleidenschaft gezogen worden, was nicht bei jedem Unwetter in diesem Ausmaß geschehe. „Viele Autos haben ausgesehen wie nach einem Maschinengewehrbeschuss.“ Bis gestern waren an beiden Standorten mehr als 1 600 beschädigte Wagen registriert. Der Vertriebsleiter schätzt, dass noch bis zu vier Wochen vergehen, bis alle Schäden aufgenommen sind. Die Reparaturen ziehen sich aber noch einige Zeit länger hin, sagt er. Ist die Arbeit der „Drücker“ abgeschlossen, wird die Halle wieder geräumt.

VON OLIVER SIGNUS

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