Damoklesschwert Berufsverbot

Kritik an Seniorenheim: Aurelius-Hof nutzte „Alternative Jobbörse für Nichtgeimpfte“

Droht nun bald der Pflexit, der Ausstieg aus dem Pflegeberuf? symbol
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Droht nun bald der Pflexit, der Ausstieg aus dem Pflegeberuf?

Auf großes Unverständnis und Kritik sind Jobanzeigen eines Seniorenheims im Kreis Offenbach gestoßen. Sie wurden auf einem Portal geschaltet, das sich speziell an Nichtgeimpfte richtet.

Mainhausen – Die an Schärfe zunehmende Auseinandersetzung zwischen Impfbefürwortern und -gegnern zeitigt Phänomene, die noch vor wenigen Wochen keiner für möglich gehalten hätte. Sie liefert auch einen Vorgeschmack auf den Kampf um Jobs, der bei Verschärfung der Bedingungen bald droht. Dann schwebt über vielen Menschen, die sich nicht gegen Corona impfen lassen wollen, das Damoklesschwert Berufsverbot.

Das Mainflinger Seniorenheim steht beispielhaft für das sich anbahnende Drama. Leser lenkten dieser Tage das Interesse der Redaktion auf eine Internetseite, die sich als „Alternative Jobbörse für Nichtgeimpfte“ bezeichnet und ebendiesen Vermittlungsdienst für Jobsuchende und Arbeitgeber anbietet. Auf ein (gesetzlich vorgeschriebenes) Impressum verzichten die Betreiber der Seite, obwohl sie „Hinweise und Aufforderungen von selbsternannten Blockwarten“ erhalten haben.

Dabei handele es sich schließlich um einen kostenlosen privaten Admin-Service. „Dieser Service wird weder durch Werbung oder Content Marketing finanziert. Es ist keine gewerbliche, professionelle Tätigkeit oder gewerbliche Dienstleistung“, lautet die seltsam klingende Begründung. Als ob das bei Publikationen auch nur entfernt eine Rolle spielte. Den Abschnitt auch noch mit „Rechtliches“ zu überschreiben, zeugt von Ignoranz oder völliger medienrechtlicher Inkompetenz.

Mainhausen (Kreis Offenbach): Seniorenheim Aurelius-Hof schaltet Jobanzeigen und erntet Kritik

Abgesehen davon sprechen vermeintliche „nützliche Infos“ schon in den Überschriften der begleitenden Texte für sich („Impfungen sind unwirksam und gefährlich“, „Der Impfmythos“) und weisen die Verfasser als massive Impfgegner mit irreführendem, fragwürdigem, bisweilen abstrusem Gedankengut aus. Mit neuen fachwissenschaftlichen Erkenntnissen hat jedenfalls keiner der Ergüsse viel zu tun.

Dass unter diversen Offerten aus der Region mit dem Aurelius-Hof aus Mainflingen ausgerechnet ein Seniorenheim auf einer solchen Seite mit drei Jobanzeigen vertreten war (gesucht: Examinierte Pflegefachkraft, Pflegehilfskraft, Küchenhilfe), ist auf großes Unverständnis und Kritik bei unseren Lesern gestoßen: „Ich finde, die Bewohner und deren Angehörige haben das Recht zu wissen, dass hier eine gesundheitlich höchst vulnerable Gruppe von den Verantwortlichen einer immensen Gesundheitsgefahr ausgesetzt wird“, schreibt einer. „Ich finde es skandalös, weil wir seit über eineinhalb Jahren alles tun, um die Alten zu schützen, und auf diese Weise wird von der Heimleitung eine tödliche Bedrohung für sie hergestellt“, findet eine weitere Kritikerin.

Beide gehen von einer Vermittlung aus, doch dazu ist es nicht gekommen und wird es womöglich auch nicht kommen. Aurelius-Hof-Geschäftsführerin Anja Kaiser bestätigt zunächst, dass sie die Anzeigen initiiert hat, kündigt aber an, sie wieder löschen zu lassen, nachdem sie Kenntnis von den grob irreführenden und teilweise völlig abstrusen begleitenden Textinhalten erhalten hat.

Seniorenheim im Kreis Offenbach: Geschäftsführerin bestätigt das Schalten der Jobanzeigen

Gleichwohl vertritt Anja Kaiser eine Position, die umstritten ist. Doch das weiß sie selbst sehr wohl. Unter ihren etwa 200 Mitarbeitern seien auch Ungeimpfte und Pflegekräfte, die sich nicht impfen lassen wollen, sagt sie. Sie selbst, so Kaiser weiter, sei nicht der Auffassung, dass ihre ungeimpften Pflegekräfte ein großes Risiko für die Senioren darstellten. „Wir tun alles, was wir können, um unsere Heimbewohner zu schützen. Wir testen täglich, was sollen wir sonst noch tun?“ Ihr seien vertraute ungeimpfte Mitarbeiter, die sich täglich testen lassen, lieber als 2G-Mitarbeiter, von denen sie nicht wisse, mit wem sie tags zuvor zusammengetroffen seien.

Kaiser schätzt ihr Team, geimpft oder ungeimpft, das sich seit Jahren bewähre, vor eineinhalb Jahre auch die schwere Zeit der Isolationspflege auf sich genommen habe, als zwölf Heimbewohner starben. Ihre Leute gingen sehr verantwortlich mit der Situation um und leisteten hervorragende Arbeit, versichert sie. Vor dem Hintergrund der sich anbahnenden Impfpflicht für Pflegeberufe drohe Fachkräften, die eine Impfung ablehnten, ein Berufsverbot. Das erfülle sie mit Sorge, schließlich fühle sie sich auch für ihre Angestellten verantwortlich.

Kaiser will einerseits die Gefahr für die Heimbewohner so gering wie möglich halten. Sie sehe aber auch das individuelle Schicksal ihrer Angestellten. Darüber hinaus fehlten, wie in vielen anderen Seniorenheimen, derzeit Fachkräfte, in Mainflingen etwa 20. Die Situation sei vergleichbar mit der bei den Erzieherinnen, die ebenfalls händeringend gesucht würden und Abwerbungsangebote bekämen. Längst, so Anja Kaiser, sei durch die Pandemie ihre eigene unternehmerische Freiheit massiv eingeschränkt. Die Politik gebe Normen vor, regele die Bezahlung und befinde bald über den Impfstatus ihrer Angestellten. (Von Michael Hofmann)

Der Aurelius-Hof in Mainhausen im Kreis Offenbach machte kürzlich von sich Reden, weil er eine Pflegeheim-App einführte.

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