Interview mit Peter Dievernich

„Mainhausen ist gut positioniert“

Mainhausen - Seit der Gründung vor zehn Jahren ist Peter Dievernich Vorsitzender des Gewerbevereins in Mainhausen.

Im Interview spricht er über die Entwicklung der Gewerbegebiete, die Zusammenarbeit mit der Bürgermeisterin und darüber, wie der Einzelhandel konkurrenzfähig bleiben kann. Die Fragen stellte Oliver Signus.

Herr Dievernich, wie ist es Ihrer Ansicht nach um das Gewerbe in Mainhausen bestellt? 

Der Wirtschaftsstandort Mainhausen ist Heimat für verschiedene Unternehmensgruppen aus Verarbeitung, Handel, Bau- und Dienstleistungsbereich sowie für die Schuheinkaufsgenossenschaft anwr-group mit Europas größtem Orderzentrum. Der ausgewogene Branchenmix sichert planbare Steuereinnahmen. Die Unternehmen haben ihre Hausaufgaben gemacht und sind gut aufgestellt für weitere erfolgreiche Tätigkeiten in einem immer stärker werdenden globalen Umfeld. Trotz investiver Bautätigkeiten und guter Beschäftigungslage spüren die Firmen aber den Kostendruck der Energiepreise, und auch demografischer Wandel ist ein Thema.

Welches Entwicklungspotenzial gibt es noch? Wo zeigen sich bereits Grenzen? 

Es gibt Anfragen von ortsansässigen Unternehmen nach Gewerbeflächen, sodass die Entwicklung eines neuen Gewerbegebietes in Verlängerung des Ostrings für die Zukunft von Mainhausen wichtig ist. Auch die Verlagerung eines Entsorgungsbetriebes aus dem Gewerbegebiet zielt dahin, neue Flächen zu schaffen. Die neue Verkehrsanbindung L 2310 mit einem innerörtlichen Verkehrsleitsystem zu den Gewerbegebieten wertet den Standort auf. In diesem Zusammenhang sollte an zusätzliche Haltezeiten am Bahnhof Zellhausen erinnert werden.

Wenn über Entwicklungspotenziale und Grenzen in einem von mittelständischen Unternehmen dominierten Standort gesprochen wird, muss auch ehrlich darüber zu sprechen sein, dass sich die voluminöse Bürokratisierung nicht gerade positiv auswirkt. Personal und Zeiteinsatz werden hierdurch gebunden. Da ist der Gesetzgeber gefordert entlastende Rahmenbedingungen zu schaffen. 

Die Kommunen buhlen um Gewerbeansiedlungen. Ein „Druckmittel“ ist der Hebesatz bei der Gewerbesteuer. Wie beurteilen Sie die Chancen der Gemeinde in diesem doch recht hart umkämpften Markt. 

Betrachtet man die Hebesätze der Gewerbesteuer, liegt Mainhausen unterhalb des Kreisdurchschnitts. Der Hebesatz ist heute kein Druckmittel, er spielt eine Teilrolle im Entscheidungsprozess für einen Unternehmensstandort. Entscheidend sind heute Fragen der innerörtlichen Infrastruktur, die soziale-kulturelle Infrastruktur. Unternehmen müssen sehen, erkennen können, was ist hier möglich, wie kann das Unternehmen sich weiter entwickeln. Eine weitere Frage ist, was ist bereits vorhanden, passt das eigene Unternehmen in diese vorhandene Struktur, stimmt das Leitbild mit dem des Standortes überein, ist es verträglich. Eine jederzeit belastbare Internetverbindung ist eine notwendige Voraussetzung. Alles in allem ist Mainhausen gut positioniert und wird sich im Wettbewerb entsprechend behaupten können. 

Der Flughafen ist rund 30 Kilometer entfernt. Kommunen wie Neu-Isenburg oder Dreieich liegen verkehrsstrategisch wesentlich günstiger. Warum sollte sich ein Unternehmen dennoch für den Standort Mainhausen entscheiden? 

Es ist nicht nur die Lage und schnelle Verkehrsverbindung in die Rhein-Main-Region und zu den Hochschulzentren, entscheidend sind das Wohnungsangebot und der Freizeitwert, die der Standort Mainhausen bietet. Stichwort: Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Mit einer Entscheidung für einen Standort verpflichtet sich das Unternehmen auch, die Bedürfnisse, die sozialen Belange seiner Mitarbeiter zu berücksichtigen. Es beginnt mit der Betreuung von Kleinkindern in Kindergärten, dem Angebot an Tagesmüttern, geht über die Betreuung an den Grundschulen bis hin zum Betreuten Wohnen – das sind Faktoren, die einen modernen Wirtschaftstandort auszeichnen. Die konsumtive und medizinische Grundversorgung ist gesichert und wird ergänzt durch eine unterstützende, wirtschaftsorientierte Verwaltung, durch ein lebendiges Vereinsleben mit qualitativ hohen Angeboten an Freizeitbeschäftigung. Mainhausen bietet in der Summe seiner Vorteile die idealen Voraussetzungen, dass Mitarbeiter leistungsfähig sein können, deren Familien sich wohlfühlen und Unternehmen wirtschaftlichen Erfolg haben. Diese entscheidenden Faktoren müssen wir kommunizieren. 

Ein Teil des ehemaligen MAN-Roland-Areals soll für Gewerbeansiedlungen verwendet werden. Wie weit sind die Planungen dort fortgeschritten? Gibt es schon konkrete Bewerber?

Diese Frage kann derzeit nicht vom Vorsitzenden des Gewerbevereins beantwortet werden. Durch die Insolvenz von MAN-Roland sind neue Planungen entstanden, die in der Verwaltungshoheit der Gemeinde Mainhausen liegen. Ich unterstelle, dass, wenn der Bedarf es erfordert, die Gespräche zwischen Gewerbeverein und Verwaltung mit der Bürgermeisterin wieder aufgenommen werden. 

Themenwechsel: Der Einzelhandel klagt allerorten, fürchtet um seine Existenz. Wie sieht es in Mainhausen aus? 

Ein ausgeprägter Einzelhandel wie in anderen Kreiskommunen ist in Mainhausen nicht vorhanden. Die Grundversorgung ist durch die Märkte in Mainflingen und Zellhausen gesichert, zudem haben wir freitags den Wochenmarkt. Aufgrund des geänderten Kaufverhaltens – der Einkauf wird als „Event“ stilisiert – bilden sich Einkaufszentren mit einer fast unübersichtlichen Angebotsvielfalt. Hierunter leidet der örtliche, meist familienbezogene oder von Einzelunternehmern betriebene Handel. Es fehlt einfach die Akzeptanz, obschon das Angebot saisonalen sowie populären Ansprüchen entspricht und in der Preisgestaltung keine Unterschiede feststellbar sind. Im Gegensatz zu früher werden Einkäufe nicht mehr „geplant“ – in der eigenen Familie war das so – heute wird nach verfügbarem Einkommen gekauft. Interessant ist auch das Phänomen, dass bei hoher Einkommensverfügbarkeit die Einkaufszentren stärker besucht werden als in schwachen Zeiten, dann erinnert man sich des örtlichen Handels.

Wie muss sich Einzelhandel verändern, um wieder konkurrenzfähiger zu werden?

Einzelhandel wird es immer geben. Ob die heute bestehende Form erhalten bleibt, hängt weitgehend von der Mobilität unserer Gesellschaft ab. Einzelhandel muss sich durch Individualität vom Massengeschäft abheben. Hierzu zählt die auf den Käufer bezogene Kundenbindung durch individuelle Warenverfügbarkeit. Fachliche, individuelle Beratung, jeder Käufer tickt anders, er braucht eine eigene Ansprache. Das wirkt zwar aufwendig, hebt aber von allgemeinen Verkaufsgebaren ab und vermittelt das persönliche Einkaufsempfinden. Einzelhandel darf sich vor Preisvergleichen nicht scheuen, aber erklären, warum es einen Preisunterschied gibt, das Drehen an der Preisschraube raubt die Glaubwürdigkeit. Gerade weil Einzelhandel mittelständische/familiengeführte Unternehmen sind, ist die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns in diesem Sektor kontraproduktiv und nicht förderlich für die Stabilität.

Wie sieht es mit der Vernetzung der ansässigen Firmen aus? Welche Möglichkeiten der regelmäßigen Kontaktpflege gibt es?

Innerhalb der in Mainhausen angesiedelten unterschiedlichen Gewerbe gibt es eine faire, sachbezogene Zusammenarbeit. Bei Veranstaltungen des Gewerbevereins stelle ich diesen Umgang untereinander fest. Die Gewerbestammtische sind darauf ausgerichtet, ein dauerhaftes Netzwerk zu schaffen, um gemeinsame wirtschaftliche Ziele zu erreichen, sich auszutauschen. Wir stellen als Gewerbeverein immer wieder fest, dass unser Rat gefragt ist und wir Hilfestellung geben können. Das bestätigt unsere Arbeit. Ein ganz wichtiger Punkt sind meine gemeinsamen Unternehmensbesuche mit der Bürgermeisterin. Es geht nicht nur um das Kennenlernen bei diesen Gesprächen, sondern um den offenen Gedankenaustausch. Wir lernen voneinander und wissen, wo der Schuh drückt. Vielfach erfolgte aus diesen Gesprächen auch eine direkte Umsetzung von praktischen und nützlichen Hinweisen. 

Ihnen wird gelegentlich eine große Nähe zu Bürgermeisterin Ruth Disser (SPD) nachgesagt. Wie frei sind Sie noch in Ihren Entscheidungen als Gewerbevereinsvorsitzender?

Ich fühle mich geehrt, wenn das so gesehen wird, und bin stolz auf diese Verbindung. Aber ehrlich: Der Vorsitzende ist frei in seiner Entscheidung und ist für sein Handeln der Mitgliederversammlung und dem Vorstand gegenüber verantwortlich. Beide Seiten stehen in einem Abwägungsverhältnis in der Frage, was braucht die Wirtschaft, und was kann die Gemeinde leisten. Es ist ein ständiger Kommunikationsprozess mit unterschiedlichen Sichtweiten, die nicht immer im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen. Ergebnisse dieses Kommunikationsprozesses waren die Errichtung des Eigenbetriebes Badeseen, die Gewerbemärkte, der Wochenmarkt. Die gemeinsame Teilnahme an der Sitzung zur strategisch-wirtschaftlichen Ausrichtung des Kreises Offenbach und seiner Kommunen. Als Gewerbevereinsvorsitzender freue ich mich dabei zu sein, die Interessen der Wirtschaft und der Gemeinde gemeinsam mit der Bürgermeisterin zu vertreten. Wir müssen Mainhausen als Unternehmensstandort, als eine gemeinsame „Marke“ darstellen.

Rubriklistenbild: © dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare