Kai Friedrich

Sehbehinderter Osteopath aus Mainhausen: Andere Sinne gefragt

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Konzentriert und mit viel Gefühl ist Kai Friedrich bei der Arbeit. Sehen ist in seinem Beruf nicht wichtig, in der Osteopathie muss man sich auf andere Sinne verlassen.  

Mainhausen - „In unserem Bereich gibt es nichts zu sehen, man muss sich auf andere Sinne verlassen.“ Ein Satz, dessen Inhalt höchst außergewöhnlich ist, wenn man bedenkt, wer ihn gesagt hat: Der Mainflinger Kai Friedrich ist Osteopath - und stark sehbehindert. Von Bernhard Koch 

Es ist eine junge Sache in Deutschland, die sich langsam, aber sicher, entwickelt. In Mainflingen gibt es seit 1. Juli eine Praxis für Osteopathie, heute wird ab 15 Uhr offiziell in der Odenwaldstraße 6a die Eröffnung gefeiert. Das Besondere daran: Der Inhaber ist annähernd blind, hat aber offenbar alles bestens im Blick. Als Physiotherapeut absolvierte er seine Ausbildung zwischen 2007 und 2010, arbeitet bereits in der Region und ergänzte sein Wirken mit einer fünfjährigen Ausbildung in Mainz als Osteopath nebenberuflich im Blockunterricht.

Aufgewachsen in Zellhausen, wohnt der jetzt 31-Jährige im anderen Gemeindeteil Mainhausens, in Mainflingen. Dort hat er ein Haus gebaut, sich selbstständig gemacht und ist jederzeit im Kontakt mit seinem „Pendant“, wie er Matthias Frank nennt, der als blinder Osteopath im bayerischen Traunreut arbeitet: „Wir haben gemeinsam unsere Ausbildung gemacht und uns gegenseitig gepusht.“

Sein Herz verloren hat er aber offensichtlich in Rodgau in der dritten Bundesliga bei der Handballspielgemeinschaft, der HSG Rodgau, wo er in Nieder-Roden seit sieben Jahren als Therapeut ein gefragter Mann ist, wenn es um sein Fachwissen geht.

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So ist es auch nicht verwunderlich, dass Patienten aus dem gesamten Umkreis, vor allem auch aus Rodgau, zu ihm in die Praxis nach Mainflingen kommen, um sich nicht nur Rat zu holen, sondern auch Hilfe.

Ein wichtiges Kriterium für Kai Friedrichs Tun ist die Diagnose: „Aber davor muss man genau hinter den Menschen schauen, und das ist nichts, was man in Eile tun kann. Man muss zeitlich flexibel bleiben. Viele Patienten sagen mir dann auch, dass noch nie jemand so genau hingeschaut hat.“

Der 31-Jährige ist seit seiner Geburt sehbehindert, ab dem sechsten Lebensjahr nahm sein Augenlicht zusehends ab. „So muss man sich eben auf andere Sinne verlassen“, betont der Osteopath, der in der manuellen Therapie ausgebildet ist. „Was wir nicht sehen, glauben wir nicht“, wenn das gelten würde, so der 31-Jährige, dann würde das in der Osteopathie limitieren. Sagt’s und geht weiter an seine Arbeit. Diagnose ist angesagt. Und die kann schon mal eine Stunde dauern.

In seiner Freizeit allerdings ist Kai Friedrich als Sänger und Saxophonist aktiv. „Ärzte“-Tributebands gibt es viele, genauso wie Coverbands, die die Hits der „Die Toten Hosen“ auf die Bühne bringen. Gruppen, die ausschließlich die besten Songs beider Bands spielen, findet man dagegen kaum. „Alex im Westerland“ gehören zu eben dieser seltenen Spezies, in der der stark sehbehinderte Mainflinger eine wichtige Rolle spielt: Ihr Bühnenprogramm besteht zu 100 Prozent aus den größten Hits dieser beiden Punkrock-Urgesteine aus Deutschland. Die Frankfurter Band versteht es spielend, die Stimmung zum Kochen zu bringen - und legt nebenbei großen Wert darauf, die Zuschauer mit einzubeziehen. Das Publikum wird so zum festen Bestandteil der Show gemacht. „Unrockbar“ bleibt garantiert niemand! Zu bewundern sind Kai Friedrich und seine Bandmitglieder wieder morgen beim Osthafen-Festival in Frankfurt, am 26. August beim Museumsuferfest und am 14. September im Mühlheimer „Schanz“.

Weitere Infos: www.praxis-kai-friedrich.de

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