Schutzschild und Aufprallschutz

Mainhausens Pfarrer Gugerel setzt in der Corona-Zeit auf Youtube

Pfarrer Bernhard Gugerel aus Mainhausen
+
Pfarrer Bernhard Gugerel: „Zuspruch und Trost müssen bei uns abrufbar sein.“

Die Corona-Krise stellt auch an die kirchlichen Organisationen hohe Anforderungen: an die individuelle Seelsorge, an die Verwaltung und die Umsetzung von Sicherheitskonzepten.

Mainhausen – Mainhausens Pfarrer Bernhard Gugerel (65) erzählt von seinen Erfahrungen der vergangenen Monate. „Von Anfang an stand für mich fest, dass Dialog und Kommunikation eingehalten werden müssen. Zuspruch und Trost müssen, wo gefragt, bei uns abrufbar sein.“

Leere Gotteshäuser und der Wegfall von Besuchen bei Alten und Kranken seien traumatische Erfahrungen für ihn gewesen. Das bedeute heute, dass Kirchgänger beim durch Abstände begrenzten Platzangebot dennoch nicht abgewiesen werden dürfen. „Es gibt einige Notstühle hinten oder auf der Empore, wenn der Platz nicht ausreicht.“ Für dieses Gottesdienstangebot habe er viel Dankbarkeit, vereinzelt natürlich auch Kritik erfahren.

Als die Gottesdienste anfangs ganz eingestellt werden mussten, nutzte Pfarrer Gugerel das Internetmedium Youtube, um mehrere Wochen lang in den Mainhäuser Kirchen aufgezeichnete Messen auszustrahlen. Katja Kuhn und Björn Schubarth kümmerten sich um die Aufnahmen, in den Familien präsentierten die Jüngeren den Älteren den Youtube-Kanal. Auch Offenbach-TV aus Heusenstamm übertrug mehrfach die Messen Gugerels live von Mainhausen aus im Internet, hatte Klickabfragen im hohen fünfstelligen Bereich. Ab Anfang Mai war bei den Gottesdiensten wieder eine begrenzte Anzahl Besucher zugelassen, mit Abstand und Masken beim Betreten und Verlassen der Kirche.

Existentielle, familiäre, soziale und gesundheitliche Ängste seien mit der Corona-Zeit spürbar größer geworden, zieht der erfahrene Notfallseelsorger Gugerel eine erste Bilanz. Dafür müsse Kirche gerüstet sein, auch als „Schutzschild und Aufprallschutz“ bereitstehen. Kreativität sei da gefragt, denn Teile des Problems seien Neuland für die Seelsorgeteams.

Die vorgesehenen tiefgreifenden Strukturveränderungen im Dekanat beschäftigen Pfarrer Gugerel ebenfalls sehr. Eine erheblich reduzierte und straff zentralisierte Anzahl von Pfarreien wie Dekanaten im Bistum bedeute den Abschied von der Regionalausrichtung im bisher gekannten Sinne. Die Dekanatskonferenz im Juni warf Fragen dazu auf. „Werden verwaltungstechnisch sinnvolle Synergieeffekte durchgesetzt zu Lasten von Kompetenzgerangel, Transparenz und kurzen Kommunikations- und Entscheidungswegen? Leidet die Sacharbeit durch Anonymität anstelle von Identität und Flexibilität? Bis hin in die Kreise der Kardinäle hinein werde der vorgesehene synodale oder auch neue pastorale Weg teilweise stark kritisiert, sagt Gugerel. Auch für den Ostkreis gelte die Frage „Quo vadis, Dekanat?“

Kritiker, zu denen er sich auch selbst zählt, befürchten, dass „zu viel von dem, was regional gut läuft, der Reform zum Opfer fällt; Dinge, die aber jetzt schon schlecht laufen, dadurch keineswegs verbessert werden“.

Sogenannte Pastoralteams vor Ort werden, wo hauptamtliche Kräfte immer weniger werden, zwangläufig mehr Ehrenamtlichkeit in die lokale Verantwortung bringen müssen. Dies trotz oft hoher beruflicher Anspannung und Beanspruchung. Viel Lob hat Pfarrer Bernhard Gugerel bei diesem Thema für seine Hintergrundteams und treuen Helfer in St. Wendelinus und St. Kilian, auf die er sich hundertprozentig verlassen könne, auch und gerade in der Corona-Krise.

Die Zahl der Kirchenaustritte in beiden Gemeinden hält sich jeweils jährlich im „unteren zweistelligen Bereich konstant. Mit leichten Ausschlägen nach unten oder oben.“ Die Gründe sind unterschiedlich: finanziell motivierte sind dabei, Skandale der Kirche ebenfalls. „Die Austritte überdecken aber auch - ohne diese beschönigen zu wollen - die Reflexion der eigenen, persönlichen Glaubenssituation“, so Gugerel.

In Mainhausen gibt es 47 bis 48 Prozent registrierte Katholiken in der Gesamtbevölkerung. Das sind in beiden Ortsteilen zusammen etwa 4 350 Personen. Gesellschaftlicher Wandel, Hypermobilität und Reizüberflutung (Internet) täten seit Jahren ein Übriges. In der Krise jetzt nahmen die Austrittszahlen zunächst etwas ab. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Lebens- und Glaubenssituation sei für Christen weiterhin elementar, was nicht jedem bewusst sei und gewollt oder ungewollt verdrängt werde. Manchem Christen biete der Glauben noch Ausweg und Halt. Es gebe aber immer weniger Eltern, die das den Kindern vorlebten. „Die gesellschaftliche Relevanz des christlichen Glaubens bröckelt, auch in Mainhausen.“ (Von Thilo Kuhn)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare