Erster Bauentwurf „zu evangelisch“

Moller-Kirche Sankt Kilian steht seit 200 Jahren in Mainflingen

Die fertige, nach den Plänen Georg Mollers erstellte Kirche, noch ohne den heutigen Chorraum zur Mainseite nach unten. Repro: KUhn
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Die fertige, nach den Plänen Georg Mollers erstellte Kirche, noch ohne den heutigen Chorraum zur Mainseite nach unten.

Manch kundiger Passant, der vor der Mainflinger Kirche stehen bleibt, um die Tafel über dem Hauptportal zu studieren, mag sich fragen: Eine echte Moller-Kirche? Von Georg Moller, dem berühmten Baumeister, der in Darmstadt so bekannte Gebäude wie das Hoftheater, die St.-Ludwigskirche, das Mausoleum auf der Rosenhöhe gebaut hat? Ja, Mainflingen hat eine solche Moller-Kirche.

Mainflingen – Sie ist eine von insgesamt 16 „Landkirchen“, 13 evangelische und die drei katholischen in Eppertshausen, Mainflingen und Urberach, die Georg Moller zugeschrieben werden. Die Architektur Mollers steht für einen oft sparsamen und streng klassizistischen Stil und gilt als Antwort auf den Überschwang und die Verspieltheit von Barock und Rokoko.

Georg Moller bekam 1817 vom großherzoglichen Oberbauamt in Darmstadt den Auftrag, Pläne für einen Neubau der baufällig gewordenen und für die gewachsene Bevölkerung viel zu klein gewordene Mainflinger Pfarrkirche vorzulegen. Diese war nach dem Dreißigjährigen Krieg auf den Trümmern der ersten urkundlich erwähnten Kirche von 1451 wieder aufgebaut worden. Die Initiative dazu hatte damals Pfarrer Blöchinger, ein Bruder des Abtes Blöchinger, ergriffen. Er war Pfarrer in Seligenstadt und Mainflingen.

Einen ersten Entwurf Mollers im neoklassizistischen Stil lehnte die Gemeinde insbesondere wegen der Längsemporen und der Kanzel hinter dem Altar ab: viel zu evangelisch. Auch gab es Änderungswünsche in Bezug auf den Turm, die von Moller letztendlich gutgeheißen wurden.

Über die Finanzierung des Neubaus wurde gestritten. Das nach dem Wiener Kongress 1815 zum Großherzogtum aufgestiegene Hessen-Darmstadt bekannte sich zwar zu der Anfang des 18. Jahrhunderts über die Hanauer Erbschaft übernommenen „Baupflicht“ für Pfarrhaus und Kirche, versuchte aber den eigenen Kostenanteil möglichst zu begrenzen. Nach langem Zögern erklärte sich der großherzogliche Fiskus bereit, anteilig die Kosten für den Neubau eines Chorraums, aber nur in der Größe des Chorraums der alten Kirche, zu übernehmen. Der Rest sollte von der Gemeinde finanziert werden. Um die anteiligen Kosten zu berechnen, wurde im Jahr 1817 die alte Kirche in Mainflingen genau vermessen. Dieser Aktion verdankt man die Kenntnis über die gotische Vorgängerkirche.

Die Gesamtkosten für den Neubau waren mit circa 14 000 Gulden veranschlagt, und die Darmstädter Hofkammer war letztendlich bereit, davon ein Drittel zu übernehmen. Die Gemeinde Mainflingen musste durch einen Sonderholzeinschlag im Wald den Rest von 9 334 Gulden aufbringen. Den größten Teil des Holzes entnahm man in der Abteilung „Haag“ mit etwa 15 Morgen lichtem Eichenwald. Es ist der Bereich vor Zellhausen, der nach der Aufforstung circa 100 Jahre später, 1936, für den Flugplatzbau erneut gerodet wurde.

Der Grundstein zur aktuellen Pfarrkirche Sankt Kilian Mainflingen wurde am 1. April 1821 gelegt, und der erste Gottesdienst in der neu erbauten Kirche konnte bereits am Christkönigsfest, am 25. November 1821, noch vor der offiziellen Bauabnahme gehalten werden.

Die feierliche Einweihung in Mainflingen geschah aber erst am Dreifaltigkeitssonntag (erster Sonntag nach Pfingsten), am 2. Juni 1822, durch den Geheimen Staatsrat zu Darmstadt „von Wreden“. Das Mainzer Generalvikariat hatte zugestimmt. In seinem früheren Leben war von Wreden Kanonikus des aufgelösten Kölner Erzstiftes und hätte, wenn es nach dem Wunsch des Großherzogs Ludwig I. gegangen wäre, in Darmstadt Bischof werden sollen.

So war die Weihe zu einem Politikum geworden und erforderte von dem damaligen Pfarrer Breuer sicherlich einiges diplomatisches Geschick. Es knirschte zwischen dem neuen Erzbistum Regensburg, dem Generalvikariat in Mainz und dem Großherzogtum. De facto wurde damals die Mainflinger Kirchenuhr geweiht („benediziert“) und erst viel später, zur Kirchweih am 22. September 1929, erfolgte die Konsekration durch den Mainzer Bischof Dr. Ludwig Maria Hugo.

Im Jahr 1927 war die Kirche wieder in einem äußerst schadhaften Zustand, insbesondere das Innere, die Decke und das Dach mussten gründlich renoviert werden. Bei dieser Gelegenheit wurden auch eine neue Sakristei und ein um sechs Meter verlängerter Chorraum angebaut. Mit einem weiteren Anbau 1940 an die Sakristei erhielt die Kirche Sankt Kilian Mainflingen ihr heutiges Erscheinungsbild.

Eine Konstante gibt es im Auf und Ab der Kirchenbauten und Umbauten: Als Kirchweihtag wird in Mainflingen auch heute noch der Tag der Einweihung der im Jahre 1451 erbauten Kirche – Sonntag nach dem Fest des Apostels Matthäus – begangen. (tku)

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