Rosenherzen zum Empfang

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„Im Männerkrankenhaus verteilten wir Wolldecken. Große und tiefliegende Augen starrten uns dankend an", schreibt die pro-interplast-Vorsitzende in ihrem Bericht.

Mainhausen (kg) ‐ Von ihrem Besuch in Kalkutta schickte uns Waltraud Huck, Vorsitzende von pro interplast Seligenstadt, einen bemerkenswerten Bericht, den wir nachfolgend in voller Länge veröffentlichen.

„Mit vielen Flecken auf der Seele sind mein Mann Jochen und ich wieder zu Hause, jedoch noch nicht ganz angekommen. Nach vier Jahren Zwangspause hatten wir doch Sehnsucht nach Kalkutta und den vielen Heimkindern von Howrah South Point. Kalkutta, jetzt Kolkata - die Stadt der Freude - wie sie Dominique Lapierre in seinem Buch beschreibt, ist sie das wirklich?

Wir wurden von unserer Partnerorganisation Howrah South Point mit einem Ambulanzwagen nachts um zwei Uhr am Flughafen abgeholt. Schon bei unserer Ankunft bekamen wir ein Herz aus roten Rosen zur freudigen Begrüßung überreicht. Nach einer einstündigen abenteuerlichen Fahrt durch das nächtliche Kalkutta (viele Autos fahren ohne Licht, dazu noch der Linksverkehr und der miserable Zustand der Straßen) ging mir immer wieder der Satz durch den Kopf: Oh, wie habe ich das alles doch vermisst!

Neue Heimat: Rama Krishna Mission

Um drei Uhr waren wir dann in unserem Zuhause für die nächste Zeit, der Rama Krishna Mission. Hier wurden wir von Swami Gitatmananda (Maharaj), dem Chef des Hauses, gut betreut und wohl behütet. Es ist richtig gut, wenn man weiß, dass dieser Mönch uns in allen Lagen hilft und beschützt. Und so ist auch das Wiedersehen mit Swami am nächsten morgen sehr herzlich.

Unsere erste Fahrt führte uns gleich wieder nach Howrah, der noch ärmeren Schwesterstadt von Kalkutta. Dort besuchten wir zuerst „unsere Tochter Lucie" mit ihrer Familie. Das Wiedersehen war sehr bewegend und so manche Träne floss.

Dann ging es weiter zu dem office von Howrah South Point, wo uns erneut durch die dortigen Mitarbeiter Blumenkränzen und Rosenherzen erwarteten. Nach der herzlichen Begrüßung ging es dann zu der im Nachbarhaus gelegenen Krankenstation Shipur. Hier erwarteten uns viele kleine und auch größere Patienten mit einem Röschen in der Hand. Sie alle wollten sich bei pro interplast bedanken, da ihnen zumeist lebensrettende Herz- oder auch Wirbelsäulenoperation von Deutschland aus ermöglicht wurden. Dieses Zusammentreffen und die Dankbarkeit der Patienten und Eltern ging doch sehr unter die Haut und war auch für uns sehr anstrengend. Außerdem besuchten wir die Ambulanz der German doctors, die unter äußerst primitiven Gegebenheiten Sprechstunde abhalten und Medikamente an die mittellosen Patienten verabreichen.

Ärger mit dem Bankkonto

Am nächsten Tag führte uns der erste Weg zu unserer Bank, da es doch einige Probleme zu klären gab. Mit dem Chef der Bank und der zuständigen Kundenbetreuerin führten wir ein mehr als zwei Stunden langes Gespräch, in dem uns freundlich aber auch sehr deutlich klar gemacht wurde, dass wir dieses Konto so nicht weiterführen könnten, da es sich um ein normales Konto für indische Staatsbürger handele. Dieses Konto müsse geschlossen werden, und wir müssten ein neues Konto für Non-Residenz-Bürger eröffnen. Hierzu benötigten wir allerdings die Zustimmung der indischen Regierung mit Sitz in Delhi, wo wir persönlich vorsprechen müssten. Wir waren wie vor den Kopf geschlagen, denn das bedeutete, dass wir künftig kein Konto mehr in Kalkutta hätten, was gleichzeitig unsere Hilfsaktivitäten für Dr. Vogt oder Howrah South Point auf Null herunterschrauben würde. Äußerst betrübt verließen wir die Bank. Unsere einzige Chance sahen wir darin, dass uns Swami Gitatmananda, der in Kalkutta ein sehr einflussreicher Mann ist, bei den Formalitäten mit der Regierung helfen könnte. Wir fuhren also zur Rama Krishna Mission zurück und sprachen bei Swami Gitatmananda vor (zu dem wir auch immer und zu jeder Zeit vorgelassen werden). Wir schilderten ihm unsere schier ausweglose Situation. Er meinte nur, dass sich in Indien in jüngster Zeit einige Gesetze geändert hätten, aber er wolle sehen, was er für uns tun könne.

Am Samstag hatten wir dann das geplante große Essen mit allen behinderten und nicht behinderten Kinder von Howrah South Point, deren Lehrer und Betreuer, sowie einige Ärzte der German doctors, darunter auch Dr. Vogt, den wir jetzt in Kalkutta erstmalig trafen. Insgesamt feierten wir mit rund 800 Kindern, deren Betreuer und Ärzte. Es war ein sehr fröhliches Fest, aber bei uns wollte nicht so richtig Fröhlichkeit aufkommen, die Sorge um unser Konto und damit um unsere weiteren Aktivitäten in Kalkutta ging uns nicht aus dem Kopf. Wir erhielten auch einige Ratschläge, wie wir weiterhin verfahren könnten, diese erschienen uns aber alle nicht praktikabel.

Der Sonntag war dann verplant mit Dr. Vogt, mit dem wir seine Krankenstation (St. Thomas Home) und die dort befindliche Röntgenstation, die einst pro interplast finanziert hatte und die für das Personal und die Patienten des St. Thomas Home eine riesige Erleichterung darstellt.

Schlimme Zustände im Männerkrankenhaus

Von dort aus ging es zu einem „Männerkrankenhaus“, ein riesiger düsterer Raum, voller Dreck. Die Betten total verrostet und teilweise mit Backsteinen abgestützt, die Matratzen alle zerschlissen. In den Betten lagen Patienten, die mehr tot als lebend erschienen. Wir verteilten an alle Wolldecken. Große tiefliegende Augen starrten uns dankend an. Auf unsere Frage erläuterte Dr. Vogt, dass diese Patienten ein halbes Jahr, ein Jahr oder auch länger auf dieser menschenunwürdigen Krankenstation verbringen müssten. Mir war beim Anblick speiübel und in meinem Kopf stellte ich mir unausgesprochen die Frage: Warum tun wir uns dies eigentlich alles an? Nach dem Besuch eines weiteren Krankenhauses traten wir erledigt die Heimfahrt an.

Am Montag waren wir, wie geplant (die Probleme mit der Bank waren noch nicht geklärt), auf den Brickfield, wo Tagelöhner mit ihren Familien leben und härteste Arbeit unter schlechtesten Bedingungen verrichten müssen. Für diese Brickfieldfamilien finanziert pro interplast seit Jahren regelmäßige Arztbesuche. Bei unserem Besuch brachten wir für die Kinder Obst und Süßigkeiten mit.

Auf der Rückfahrt legten wir noch einen Halt in Lalkuthi - dem Heim in dem auch Lucie aufgewachsen ist - ein. Auch dort war die Freude riesig auf beiden Seiten, denn man kannte sich ja noch größtenteils.

Am Dienstagvormittag war es dann so weit: Swami bat uns in sein Büro. Dort eröffnete er uns, dass wir uns umgehend Passbilder anfertigen lassen sollten (er nannte uns einen Laden in der Nähe, wo wir diese Passbilder bekämen), dann sollten wir uns mit den Reisepässen zur Bank begeben, um dort ein neues Konto zu eröffnen. Wir sollten uns bei Shilphi Basak melden, die alles weitere veranlassen würde. Etwas ungläubig und staunend verließen wir Swamis Büro, ließen uns Passbilder anfertigen und fuhren dann zur Bank. Dort erwartete uns Ms. Basak bereits und fing an, Formulare auszufüllen. Nach gut vier Stunden Aufenthalt in dem Gebäude, unzähligen Unterschriften die wir leisten mussten und zahlreichen Telefongesprächen, die Ms. Basak mit der Zentrale in Bombay führte, erklärte sie uns dann, dass jetzt alles erledigt sei, und wir die Bankunterlagen nach Hause geschickt bekämen (Wir warten noch darauf). Dies war uns unbegreiflich, da uns ja vorher der Bankchef sehr freundlich erklärt hatte, dass dies doch rechtlich nicht möglich sei. Nun drängte sich uns die Frage auf, welchen mächtigen Hebel hatte Swami Gitatmananda angesetzt, um uns entgegen der gesetzlichen Bestimmungen ein Konto zu eröffnen. Selbstverständlich stellten wir ihm diese Frage. Seine Antwort: ein mildes Lächeln.

Tränenreicher Abschied

Den nächsten und damit letzten Tag in Kalkutta nutzten wir zu zahlreichen Abschiedsbesuchen, wobei wieder zahlreiche Tränen flossen, zumal wir erklärten, dass dies vermutlich unser letzter Besuch in Kalkutta gewesen sei, da es uns doch immer mehr anstrengt, und wir nicht jünger werden.

Nun sind wir wieder zu Hause, ausgelaugt, abgekämpft, krank, aber glücklich darüber, dass es uns nicht schon in Kalkutta erwischt hat und dankbar dafür, dass wir auf dieser Seite der Erde geboren wurden.

Und mir geht dauernd im Kopf herum, ob Dominique Lapierre mit seinem Buch „Stadt der Freude“ vielleicht nicht doch ein wenig recht hatte?"

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