Mainflinger Heimatforscher rekonstruieren die Zeit nach Kriegsende

Schulschließung, Ausgangssperre

Mainflinger Fähre (rechter Bildrand) und das Frachtschiff. Repros (2): Kuhn

Mainflingen – Eine Schulschließung gab es in Mainflingen schon vor 75 Jahren. Dies freilich aus ganz anderen Gründen als heute. VON THILO KUHN

Einer von vielen Aspekten einer Materialsammlung über das Ende des Zweiten Weltkriegs, die Ludwig Stenger, Vorsitzender des Geschichts- und Heimatvereins Mainhausen, und der Mainflinger Heimatforscher Oswald Löser zusammengestellt haben.

Die US-Amerikaner kamen am 26. März 1945 nach Mainflingen. Damals radelte Ludwig Stegmann mit einer weißen Fahne zur heutigen Hiller-Kreuzung, um die kampflose Übergabe anzuzeigen. Zwei Jeeps fuhren daraufhin mit Maschinengewehr-Besatzungen langsam hinter ihm die Hauptstraße hinunter bis zum damaligen Rathaus am Götzenweg 2. Den Bürgermeister und Parteigenossen Wilhelm Klug setzten die Amerikaner sofort ab, bestimmten Peter Seibert zum provisorischen Leiter der Gemeinde. Er blieb Bürgermeister bis zur ersten von der Militärregierung genehmigten freien Wahl am 1. Dezember 1946.

Die Schulschließung vor 75 Jahren in Mainflingen hatte selbstverständlich andere Gründe als die gegenwärtigen Pandemietage. Die Lehrer Montag und Ferckinghoff wurden damals entlassen. Erst am 15. September öffnete nach Vorarbeiten von Lehrer Heim aus Dettingen die Schule mit der Aufnahme des ersten Schuljahrs wieder ihre Pforten. Am 25. November wurde sie mit dem Eintritt der Gewerbeoberlehrerin Elisabeth Stenger aus Seligenstadt wieder zweiklassig.

Erst am 15. März 1946 wurde Lehrer Heinrich Montag wieder in den Schuldienst eingestellt, und mit dem Beginn des neuen Schuljahrs, am 17. Oktober 1946, war die Schule wieder dreiklassig eingerichtet – je eine Klasse für das erste bis dritte Schuljahr, das vierte bis fünfte Schuljahr und das sechste bis achte Schuljahr.

Auch wurde in jener Zeit eine Ausgangssperre verhängt, die Erwin Grimm, später Chef der gleichnamigen Metallbaufirma, und der ehemals auf dem Flugplatz beschäftigte Karl Stickler, versehen mit einer weißen Armbinde, zu kontrollieren hatten. Polizeidiener Ferdinand Kunkel radelte mit der Schelle durchs Dorf und verkündete, dass alle Schuss- oder Stichwaffen am damaligen Rathaus abzuliefern seien. Zwangsarbeiter der Bongschen Mahlwerke (Italiener und Belgier) zerstörten das abgelieferte Material. Die russischen Kriegsgefangenen, die während des Kriegs ebenfalls „beim Bong“ arbeiten mussten, waren schon befreit. Die Zwangsarbeiter fuhren wenig später mit Fahrzeugen der Firma davon, brannten aber zuvor ihre Wohnbaracke nieder.

In einer Verordnung wurden die Einwohner verpflichtet, an ihrer Wohnung Zettel anzubringen, auf denen alle Mitbewohner mit Namen, Alter und Geschlecht aufzuführen waren. Alle Türen und Tore mussten unverschlossen bleiben, und die Amerikaner gingen aus und ein, wie sie es für nötig erachteten.

Fährmann Hannes Löser fuhr noch am Palmsonntag sich zurückziehende Wehrmachtssoldaten samt Ausrüstung mit der Mainflinger Hochseilfähre über den Main. Beim Transport eines auf einen Lkw geladenen Lastenseglers ging die sogenannte Vorpritsche der Fähre zu Bruch. Diese war danach nur noch für Fußgänger zu gebrauchen.

Unterhalb der Fähre lag das 200-Tonnen-Binnenschiff „Rosa Babetta“ der Brüder Hugo und Karl Stegmann vor Anker. Sie transportierten Material aus den Basaltsteinbrüchen in Dietesheim. Das Schiff war von den Nazis beschlagnahmt und eine Woche vor dem Einmarsch der Amerikaner mit Munition vom Flugplatzgelände beladen worden. Mit einer SS-Besatzung fuhr es den Main aufwärts durch die Stockstädter Schleuse, blieb aber während des Sturmangriffs auf Aschaffenburg gegenüber von Kleinostheim liegen. Dort sprengte die SS das Schiff, die Splitter der Detonation flogen bis Kleinostheim.

In der Zeit zwischen dem Einmarsch der Amerikaner und dem Bau einer Zeltstadt für 30 000 Soldaten auf dem Zellhäuser Flugplatz schlachteten die mutigeren Ostkreis-Bewohner die herumliegenden Flugzeugtrümmer aus. Fast alles war brauchbar: Unter anderem ließen sich aus Versorgungsbombenhüllen brauchbare Paddelboote konstruieren.

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