Firma Erwin Grimm in der Nachkriegszeit

Von Töpfen zu Druckmaschinen

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Eine Auswahl von historischen Fotos für diesen Beitrag haben GHV-Vorsitzender Dr. Ludwig Stenger und Werner Klein aus ihren Archiven zur Verfügung gestellt. Oben ein Luftbild des Werksgeländes.

Mainflingen - Am Ende standen Druckmaschinenexporte in alle Herren Länder: Die Firmengründung durch den Mainflingener Unternehmer Erwin Grimm (später „manroland“) war der Beginn einer fast 70-jährigen erfolgreichen Industriegeschichte der Nachkriegszeit.

Heimatforscher Oswald Löser, Mitglied des Geschichts- und Heimatvereins Mainhausen (GHV), hat die Eckdaten ermittelt und zusammengesetzt und um eigene Erinnerungen ergänzt.

Heimatforscher Oswald Löser war selbst langjähriger Mitarbeiter des Unternehmens, dessen Geschichte er nun zusammengestellt hat. Die beginnt bei der Firmengründung durch Erwin Grimm und endet mit der Insolvenz des manroland-Werkes vor knapp sieben Jahren.

Eine umgebaute Scheune in Dettingen auf der anderen Mainseite war wenige Monate nach Kriegsende 1945 die erste Arbeitsstätte der Firma Erwin Grimm. Eigentümer war mit Wilhelm Löser ein gebürtiger Mainflingener. Zusammen mit einigen Mitarbeitern produzierte Grimm zunächst Haushaltwaren aus Blech: Schüsseln, Kannen, Töpfe und Tassen. Diese wurden bei der Firma Fratscher in Seligenstadt emailliert. „Das Material stammte von Versorgungsbomben und aus Behältern, in denen Versorgungsfallschirme verpackt waren“, gibt Oswald Löser in seinen Aufzeichnungen wieder. „Diese waren von der deutschen Wehrmacht auf dem Flugplatz Zellhausen zurückgelassen worden.“ Man fasste auch die Herstellung von Fahrradteilen ins Auge, was aber mangels geeigneter Maschinen scheiterte.

Als der Winter kam, baute Grimm aus den Behältern einen Ofen für seine Werkstatt, in dem man Sägemehl verheizen konnte. Als dies bekannt wurde, gab es eine große Nachfrage nach diesen Öfen. Sie waren relativ leicht herzustellen, und bald lief die Produktion auf vollen Touren. 1946 expandierte die Firma und zog nach Mainflingen in das ehemalige Möbellager der Schreinerei Johann Josef Gast an der Zellhäuser Straße.

1948 nahm Erwin Grimm Kontakt zu namhaften Maschinenbauern in Deutschland auf und überdachte sein Produktionsangebot. Noch im gleichen Jahr, kurz nach der Währungsreform, baute er eine große Werkshalle an der Klein-Welzheimer Straße. Zur gleichen Zeit expandierte die Druckmaschinenfabrik Faber und Schleicher in Offenbach. „Dass er dort als Zulieferer einsteigen konnte, war ein wichtiger Meilenstein“, erläutert Oswald Löser. Zunächst baute Grimm Schutzverkleidungen für Druckmaschinen. Auch bekam er Aufträge von Firmen wie Diskus, Matra, Pittler sowie Koenig & Bauer.

Weitere Mitarbeiter wurden eingestellt, hinzu kam ein Schlossermeister, der Lehrlinge ausbilden konnte. Der erste Lehrling war Hugo Jakoby aus Mainflingen. Ende 1948, beim Einzug in die neue Halle, hatte die Firma etwa 30 Mitarbeiter.

Nach der Währungsreform wurden keine Haushaltswaren und Sägemehlöfen mehr hergestellt. Eigentümer Grimm hatte höhere Ansprüche, entwickelte die Firma stetig fort: 1950 baute er im Auftrag der Spezialfirma „Alexander L. Hentzen“ Förderbänder. Im Herbst 1952 begann der Bau einer zweiten Halle auf dem Gelände.

1953 baute Grimm nach eigenen Konstruktionsplänen eine Feuchtwalzenmaschine. Diese wurde 1954 bei der Messe „drupa“ in Düsseldorf mit den Druckmaschinen der Firma Faber und Schleicher ausgestellt und vorgeführt. Die Fachleute auf der Messe waren begeistert. Erwin Grimm ließ sich sein Produkt patentieren. „Eine Initialzündung für die weitere Erfolgsgeschichte dieser Firma“, berichten Zeitzeugen. Die Auftragsbücher füllten sich, und die Produktion lief viele Jahre erfolgreich. Die Maschinen wurden in verschiedenen Größen gebaut und bald weltweit verkauft. Zu weiteren Eigenprodukten gehörten Farbmischmaschinen, automatische Farbschieber und die Bogenrüttelmaschine. Mit der Übernahme des Förderanlagenprogramms der Firma Hentzen GmbH 1955 wurden Transportbänder und Salinenanlagen hergestellt und in alle Welt vertrieben. 1956 begann der Auslegerbau für alle Offsetdruckmaschinen von „Roland Faber und Schleicher“ und die Serienmontage von Farb- und Feuchtwerken im modernen Taktverfahren.

Erwin Grimm war ein sozial eingestellter Arbeitgeber. Gemäß seiner Philosophie „Wenn es mir gut geht, dann soll es meinen Mitarbeitern auch gut gehen“ zahlte er Spitzenlöhne für gute Leistungen. Daher waren Arbeitsplätze bei Grimm sehr gefragt. Sein großes Anliegen war es auch, junge Fachkräfte auszubilden und zu qualifizieren. Dies erreichte er mit der Einrichtung einer modernen Lehrwerkstatt. Alle Lehrlinge, die ihre Prüfung bestanden, wurden in die Firma übernommen.

1966 begann die Montage der ersten „Roland Favorit“ Bogenoffsetmaschine auf einer modern ausgelegten Taktstraße. In Sailauf (Spessart) wurde ein Zweigwerk eingerichtet, in dem Förderbänder und Radlader gebaut wurden. Bereits 1969 wurde das Werk jedoch wegen des Zeitverlustes und der weiten Transportwege wieder aufgegeben.

Bilder: Mainhausen feiert Jubiläum

Zur Sicherung der Arbeitsplätze verpflichtete sich Erwin Grimm 1969 gegenüber dem Offenbacher Großkunden „Roland Offsetmaschinen Faber und Schleicher“, seine gesamte Fertigungskapazität zur Verfügung zu stellen und zu einem vertraglich festgelegten Termin 80 Prozent der Anteile an Roland zu verkaufen. Zur gleichen Zeit wurde der erste Bauabschnitt einer 150 mal 45 Meter großen Montagehalle in Mainflingen begonnen, die „Roland-Halle“. 1970 verließ die 1000. „Favorit“-Bogenoffsetmaschine die Werkstätten.

Der 12. Juli 1980 bedeutete für das Unternehmen eine gewaltige Zäsur: Firmengründer Erwin Grimm verstarb im Alter von 76 Jahren. Sein Lebenswerk ging in die Hände seiner Tochter Katharina Grimm über, die zusammen mit Georg Galster die Firmenleitung übernahm. 1983 wurden, wie vertraglich festgelegt, 80 Prozent der Firmenanteile an die „MAN Roland AG Offenbach am Main“ verkauft. 1988 wurde aus der „E. und K. Grimm GmbH“ die „MAN Roland Mainhausen GmbH“. 1990 wurde die 15 000. Druckmaschine, eine Vierfarb-Roland 200, dem Verkauf übergeben. Das Werk hatte zu diesem Zeitpunkt 1 100 Mitarbeiter.

Im November 2011 ging das manroland-Werk Mainhausen in die Insolvenz. Die noch verbliebenen Mitarbeiter wurden vom Offenbacher Werk übernommen. Im Mai 2014 wurde das 8,5 Hektar umfassende Gelände bekanntlich an das Immobilienunternehmen „Aurelis Real Estate“ verkauft, 2015 wurden alle Werkshallen abgerissen. Eine zunächst geplante Mischung aus Wohnen und Gewerbe wurde zugunsten einer reinen Wohnbebauung aufgegeben. (tku)

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