Betriebsbahnhof „Abteischneise“ war rund 25 Jahre in Betrieb

Vergessene Gleise im Wald: Bahnlinie führte zu altem Militärflugplatz in Zellhausen

Betriebsbahnhof „Abteischneise“: Rund 25 Jahre stand das Stellwerk südlich des Haltepunktes Zellhausen. REPRO: KUTSCHER
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Betriebsbahnhof „Abteischneise“: Rund 25 Jahre stand das Stellwerk südlich des Haltepunktes Zellhausen.

Seit Jahrzehnten im Dornröschenschlaf liegen die letzten Überbleibsel der ehemaligen Gleisanlage östlich von Zellhausen am Waldrand hinter der Sudetensiedlung. Ab dem Jahr 1937 baute die deutsche Wehrmacht den Militärflugplatz Zellhausen (Einsatzflughafen I. Ordnung, Deckname „Schafsweide“). Zur Versorgung der Anlage entstand auch eine Bahnlinie von rund fünf Kilometern Länge, die südlich des Zellhäuser Bahnhofs von der Strecke Seligenstadt bis Babenhausen abzweigte.

Mainhausen – Auf diesem Betriebsbahnhof, genannt „Abteischneise“, herrschte lange Zeit reger Bahnbetrieb, denn nicht nur die Züge zum ehemaligen Flugplatz zweigten hier ab, auch der Bahnverkehr zwischen den beiden Bahnhöfen hatte auf der eingleisigen Strecke die Möglichkeit, bei außerplanmäßigen Zugfahrten hier Kreuzungen der Schienenfahrzeuge durchzuführen. Auch waren in den 1950er Jahren noch Güterzüge zwischen Hanau, Seligenstadt und Babenhausen unterwegs, die auf der Abteischneise anhielten und den Gegenverkehr abwarteten.

Bruchstück einer Umlenkrolle der Seilzuganlage, mit der die Güterwagen an die Verladerampe der Bong’schen Feldbahn gezogen wurden, im Gebüsch nahe der Anschlussstelle der B 469 zur A 45.

Das Stellwerk war rund um die Uhr besetzt und auch die Schranken eines Bahnübergangs wurden vom Personal bedient. Der außergewöhnliche Name dieser Station bezog sich auf einen schnurgeraden Waldweg von Eppertshausen nach Seligenstadt mit ebendieser Bezeichnung. Auch heute noch sind dort im Wald einige Hinweisschilder mit „Abteischneise“ zu finden.

Nach Rückbau der Gleisanlagen Ende 1962 blieb nur noch eine Abzweigweiche in Richtung des ehemaligen Flugplatzes übrig, deren Steuerung von Hand erfolgte und vom Stellwerk in Babenhausen überwacht wurde. Mehrere Jahre wurden die Güter der Bong’schen Grube noch über den Schienenweg abtransportiert, aber auch hier übernahm der Straßengüterverkehr nach und nach die Arbeit.

Letzte Überbleibsel: Verrostet und verwuchert liegen die Gleise im Wald.

Zu diesem Thema erschien im Jahre 2004 das Buch „Die Feldbahnen der Bong’schen Mahlwerke“ von Matthias Koch. Der gebürtige Offenbacher hatte schon als Jugendlicher großes Interesse am Bahnbetrieb und durchforstete das Gelände rund um die Tongruben bereits in seiner Jugendzeit. Auch hatte er durch seine Aktivitäten in dieser Sache Anteil daran, dass der damalige Verein „Frankfurter Schmalspurfreunde“ sich um 1975 in den Gleisanlagen bei Bong niedergelassen hat und daraus später das unter Eisenbahnenthusiasten berühmte Frankfurter Feldbahnmuseum entstand, wo auch heute noch Fahrzeuge und andere Relikte aus der ehemaligen Bong’schen Fabrik ihre Heimat haben. Heute arbeitet er in der Tagesschauredaktion beim MDR in Leipzig und freut sich darauf, nach Eintritt in den Vorruhestand ab Ende des Jahres seine Forschungen zur hiesigen Eisenbahngeschichte fortzusetzen.

Nachdem im Zellhäuser Industriegebiet, das Anfang der 1970er Jahre erschlossen wurde, einige Firmen auch auf den Bahnanschluss setzten, versorgten noch bis Mitte der 1990er Jahre kleine Güterzüge das Industriegebiet mit der Fracht. Danach wurden die Gleise abgebaut und lediglich einige Schienenfragmente lassen heute noch den Verlauf der ehemaligen Bahn erahnen.  (zwk)

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