Bitterer Gang für Schuldner

Ostkreis - Der Albtraum eines jeden Hausbesitzers: Durch Scheidung, Jobverlust oder andere Schicksalsschläge können die Raten fürs Häuschen nicht mehr bezahlt werden. Oder der Eigentümer hat sich schlichtweg Immobilie übernommen. Es droht die Zwangsversteigerung.

Zuständig in unserer Region ist das Amtsgericht Seligenstadt. Ortstermin: Ein Neubau in Mainflingen steht zur Zwangsversteigerung an. Der Eigentümer kann die Raten nicht mehr zahlen, zudem ist eine aufwändige Heimkino-Anlage unbezahlt. Das Verfahren ist, wie üblich, öffentlich. Geleitet wird es von einem Rechtspfleger, der zunächst die Forderungen der Bank des Schuldners verliest. Sodann beginnt die „Bietzeit“. Eine halbe Stunde lang haben Interessenten Gelegenheit, ein Gebot für die zu versteigernde Immobilie vorzulegen. Eine skurrile Situation: Gläubiger, Anwälte und weitere Prozessbeteiligte sitzen sich schweigend gegenüber. Ab und zu verlassen Vertreter der Parteien den Saal, beraten sich unter vier Augen.

Rainer Neumann, einer von zehn Rechtspflegern beim Gericht: „Die Beteiligten kommen von Banken, sind Vertreter von Gläubigern oder Immobilienmakler.“ Oder aber Schnäppchenjäger und Menschen aus dem Umfeld des Schuldners. „Nachbarn oder Bekannte derjenigen, deren Haus versteigert werden soll“, weiß Neumann, seit 1981 beim Amtsgericht in Seligenstadt tätig. Sie alle wissen vom Termin, da die Zwangsversteigerungen mit Bekanntmachung in der Zeitung und im Internet angezeigt werden. Oder über den Flurfunk bekannt werden: „In unserem ländlichen Gebiet kennt ja jeder jeden.“ Es seien demnach auch oftmals „Gaffer“ da, die eine persönliche Abwechslung bei einem Gerichtstermin wahrnehmen wollten.

Es vergehen oftmals Monate

Bis es zu einer Zwangsversteigerung einer Immobilie kommt, vergehen oftmals Monate, manchmal mehr als ein Jahr. Dem voraus gehen viele Verhandlungen mit den Gläubigern, Wertschätzungen und weitere formale Termine. 2011 wickelte das Amtsgericht Seligenstadt 87 Verfahren ab, im vergangenen Jahr waren es 56 im Zuständigkeitsgebiet Ostkreis und Rodgau. „Ich kann nur jedem raten, der Probleme kommen sieht bei der Finanzierung seiner Immobilie, das Gespräch im Vorfeld mit den Banken zu suchen“, sagt Neumann aus Erfahrung. Eine Zwangsversteigerung sei der letzte Ausweg. Aber: Selbst bei dem öffentlichen Gerichtstermin hat der Schuldner noch eine Chance. „Er oder sie können bei der Versteigerung mitbieten.“

Vielleicht eine letzte Chance, das eigene Haus zu retten und aus dem Verfahrensverlauf einer Zwangsversteigerung herauszulösen. „Es sind oftmals persönliche Schicksale, die hinter dem Verfahren stehen“, weiß Neumann. So fühle er natürlich auch Mitleid. Wie bei der alten Dame, die mit ihrem Haus für den Enkel gebürgt hatte - und alles verlor, als der nicht mehr für seine Immobilie zahlen konnte oder wollte. Und es gibt diejenigen, die selbst nach erfolgter Zwangsversteigerung kein echtes Bewusstsein für ihre Situation entwickeln: So ein Mann, der nach abgewickelter Versteigerung in sein nunmehr vermeintliches Eigentum einbrach, um eine neue Sitzbadewanne aus dem Bad herauszuklopfen und mitzunehmen. Der steht dann wohl auch wieder vor Gericht. Dann nicht als Schuldner, sonders als Einbrecher und Dieb.

th

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