„Mauerfall - ich war zunächst schockiert“

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Dirk Vollmar im Trikot der Kickers (1999).

Als die Mauer vor 20 Jahren fiel, war Dirk Vollmar in Sachsen zu Hause und hatte vom Westen „als kapitalistischem Ausland überhaupt keine Ahnung“, wie er gesteht. Zehn Jahre später gelang dem Stürmer mit den Offenbacher Kickers der Aufstieg in die 2. Liga. Von Holger Appel

Inzwischen trainiert der 37-Jährige die TGM SV Jügesheim in der Verbandsliga.

Dirk Vollmar, wo waren Sie am 9. November vor 20 Jahren, als die Mauer gefallen ist?

Auf dem Fußballplatz meines Heimatklubs Stahl Lugau. Ich war schon als Jugendlicher nach Aue delegiert worden, war aber auf Besuch zu Hause. An diesem Abend war ich zunächst schockiert, als die Mauer fiel.

Wieso das?

Als Fußballer hatte man in der DDR nie Probleme. Da hast du zu den Privilegierten gehört und wusstest, dass du nach dem Ende deiner aktiven Karriere wohl einen Job im Verein bekommst. Mein Leben schien vorgezeichnet. Und dann ist alles zusammengebrochen. Ich wusste zunächst einfach nicht, was sich mir als Fußballer plötzlich für Karrieremöglichkeiten bieten.

Wann wurde Ihnen das klar?

Spätestens, als Klaus Toppmöller 1990 Trainer in Aue wurde - obwohl der Auftakt unter ihm eine Katastrophe war.

Was war passiert?

Er hat gleich am ersten Tag einen Leistungstest angesetzt, und ich war am Abend vorher mit meinen Mannschaftskollegen feiern. Ich bin beim Leistungstest als Letzter ins Ziel gekommen, noch weit hinter den Torhütern. Toppmöller wollte mich gleich rauswerfen, hat es dann aber doch nicht getan. Letztendlich war er wie ein Vater zu mir, hat mir den Weg in den Profifußball geebnet - auch wenn er enttäuscht war, dass ich später von Aue nach Chemnitz in die 2. Liga gewechselt bin.

Toppmöller war Ihr erster Trainer aus dem Westen. Wie war der Vergleich zu Ihren früheren Trainern?

Bei Toppmöller war alles viel lockerer, das Training endlich besser dosiert. In der DDR waren viele Spieler mit 30 Jahren fertig, da das Training einfach brutal hart war.

Was fiel ansonsten auf?

Zu DDR-Zeiten stand bei den Trainern und Vereinen die Disziplin an vorderster Stelle. Du hattest als Jugendlicher große Möglichkeiten, wenn deine Leistungen in der Schule und auf dem Platz entsprechend gut waren. Wer da aber zu Zigaretten oder Alkohol gegriffen hat, wurde sofort rausgeworfen. Man hatte viel zu viel Respekt und Angst, die eigene Zukunft zu gefährden. So ein Ding wie zu Toppmöllers Auftakt wäre zu DDR-Zeiten definitiv das Ende gewesen.

Hat man versucht, Sie für die Stasi anzuwerben?

Nein, ich war vermutlich zu jung, aber ich hätte später sicherlich zu den Kandidaten gezählt, die sie angesprochen hätten. Ich zählte nun mal zu ihren bevorzugten Spezies.

Das müssen Sie erklären ...

Ich war nicht so überragend wie ein Andreas Thom von Dynamo Berlin, aber gut dabei. Ich weiß von einigen älteren Spielern meiner Klasse, denen man gesagt hat, entweder ihr spielt weiter Fußball und arbeitet bei uns mit oder ihr könnt abtrainieren und in einer unteren Liga kicken. Das war keine einfache Situation. Zum Glück blieb sie mir erspart.

Stichwort Doping im DDR-Fußball.

War sicher im Spiel.

Haben Sie gedopt?

Dazu nur so viel: Ich war ein schmächtiger Kerl und pfeilschnell. Plötzlich, so kurz vor der Wende, hatte ich im Nackenbereich einen außergewöhnlichen Muskelzuwachs mit dem Ergebnis, dass meine Kopfbälle so hart waren wie Schüsse.

Wie erklären Sie sich das?

Wir haben in Aue unsere Getränke in Bechern bekommen, auf denen der Namen des Spielers stand. Man musste genau aus diesem Becher trinken. Die Getränke haben meist gut geschmeckt. Ich weiß aber nicht, was wirklich drin war.

Hat Sie das nie interessiert?

Nein, wir kannten das Wort Doping damals überhaupt nicht. Ich war ein junger Kerl, hatte Vertrauen in den Betreuerstab und habe mich letztlich nur etwas über meinen Muskel im Nackenbereich gewundert.

Den man heute noch sieht  ... 

Ja, aber ich habe keine Probleme damit, mir geht es gut.

Das war in Ihrer aktiven Laufbahn nicht immer der Fall ...

Ich hatte mit einigen Verletzungen zu kämpfen. Das ist auch ein Grund, weshalb mir der große Sprung verwehrt geblieben ist.

Wann war das?

Ich bin 1993 aus Chemnitz in den Westen gewechselt. Mein damaliger Manager war zugleich beim FC Herborn engagiert, also bin ich dorthin. Er sagte, du machst hier in der Oberliga ein paar Tore und dann geht die Post ab. Ich war aber immer wieder verletzt - und zwei Jahre in Herborn. Als Paderborn aus der Regionalliga angefragt hat, habe ich sofort einen Vorvertrag unterschrieben. Leider zwei Wochen zu früh.

Was ist zwei Wochen später passiert?

Morton Olsen , der Trainer des 1. FC Köln, hat sich gemeldet und wollte mich haben. Ich habe dann in einem Test für Köln gegen Mainz 05 zwei Tore erzielt und eines vorbereitet. Paderborn forderte aber 250 000 Mark für mich - das war es dann mit dem Sprung in die Bundesliga. In Paderborn habe ich schon frustriert angefangen und war nach einem halben Jahr weg.

Über Italien sind Sie dann zum OFC gekommen ...

    ... und habe den Höhepunkt meiner Karriere erlebt. Der Aufstieg 1999 in die 2. Liga in Osnabrück. Ich habe danach nur gefeiert und gefühlte drei Tage nicht geschlafen - das bleibt unvergessen. Ohne den Mauerfall hätte ich das alles nicht erleben können.

Aus Dirks Vollmars Biographie

Geboren am 4. April 1972, wohnt mit Lebensgefährtin und zwei Kindern in Nieder-Roden. Er ist gelernter Mechaniker und Industriekaufmann, zurzeit Medienberater

Vereine: Stahl Lugau, Wismut Aue, FC Chemnitz, FC Herborn, SC Paderborn, Juve Stablia (3. Liga Italien), Kickers Offenbach (1998 - 2000), SV Wehen Wiesbaden, BFC Dynamo Berlin (Spieler und Trainer), SV Bernbach, TGM SV Jügesheim (Trainer seit Oktober 2008).

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