100 Jahre auf sechs Beinen

Stadtverordneter Sondergeld und Pferd Radius sind ein eingespieltes Team

Lernt vom Experten: Julia Kukielski und ihrer Stute Lunatic Angel beim Ausritt mit dem Stadtverordneten Manfred Sondergeld und seinem Pferd Radius.
+
Lernt vom Experten: Julia Kukielski und ihrer Stute Lunatic Angel beim Ausritt mit dem Stadtverordneten Manfred Sondergeld und seinem Pferd Radius.

Ein Feld mit hellen Schilfhalmen ragt hinter einem hölzernen Gatter in die Höhe. Über die so eingefriedete Weide nähern sich 150 Lebensjahre. Im gar nicht so Wilden Westen der Mühlenstadt vereint sich ein Hauch von Idylle mit einem kuriosen Jubiläum auf acht Hufen und vier Beinen.

Mühlheim – Es ist die Koppel von Dr. Manfred Sondergeld, Diplom-Chemiker und Stadtverordneter für die CDU. Mehrere Schrauben und Platten halten seine Knochen zusammen, Spuren von Stürzen, die er im Laufe seiner Karriere im Sattel verschmerzen musste. Aufgeben kam für den Senior jedoch nie in Frage. Und so feiern Zwei- und Vierbeiner in dieser Zeit ihren 100. Geburtstag: Das 73-jährige Mühlheimer Original reitet den 27-jährigen Radius, ein in Hessen gezogenes Warmblut.

Und es kommt noch ein halbes Jahrhundert drauf: An Sondergelds Seite führt Julia Kukielski, 24 Lenze jung, die 26-jährige Stute Lunatic Angel, die schon die Vorbesitzer einfach Suse gerufen haben. Die junge Frau sitzt im Sattel, seitdem sie 15 ist, zuerst auf dem Rücken von Lausbub. „Ich habe erst hier richtig reiten gelernt“, würdigt sie den Stil Sondergelds, „Im Galopp über die Äcker, das ist ganz anders, als in der Halle rumzulaufen.“

Morgens und abends bekommen die beiden Huftiere Hafer, den sie die ganze Nacht fressen. Sie trinken 50 Liter am Tag, im heißen Sommer auch mal 100. „Für mich ist das Leidenschaft und ein Ausgleich zur Arbeit am Rechner“, erklärt die Projektkoordinatorin ihr arbeitsintensives Steckenpferd. ,,Es ist nicht nur reiten, streicheln und bürsten“, betont Sondergeld und weiß, dass viele Männer die Verantwortung unterschätzen. „Es ist ein Knochenjob – und richtig Sport“.

Er selbst setzte sich schon mit 14 aufs Pferd, sein Bruder war 13. „Wir wollten gerne reiten“, erzählt er. Der Vater machte zur Bedingung, die Reittiere müssen dann auch die Feldarbeit übernehmen, die bis dahin Kühe verrichtet haben. Schon bald nahmen beide an Turnieren teil. Nach dem Abitur am humanistischen Zweig des Leibnizgymnasiums hätte Sondergeld gerne Tiermedizin studiert. Dazu hätte er aber den elterlichen Hof verlassen und nach Gießen ziehen müssen. Er wählte also Chemie in Mainz, wo er Diplom und Doktorarbeit ablegte.

Nach dem Tod des Vaters war der Ingenieur vor und nach der Arbeit bei Dupont in Neu-Isenburg im Stall, obendrein als Pfarrgemeinde- und Verwaltungsrat von St. Markus aktiv. Seit 2018 überwintern seine Pferde auf einem Gehöft in Rumpenheim in zwei Boxen. In einer dritten lagert er einen Vorrat an Heu und Stroh.

Auch seine Kinder zog es in die Sättel, der Sohn machte sein Freizeitvergnügen sogar zum Beruf und arbeitete als Pferdepfleger auf namhaften Vollblüter-Gestüten. Vater Manfred hat seinen „Radi“ zum „Testen“ und als „faulen Sack“ gekauft. Der Wallach sei wie ein Diesel, winkten die Vorbesitzer ab, „aber ein Turbodiesel“, erfuhr Sondergeld rasch. Das Tier stand keine fünf Minuten auf der Weide, als es über den Zaun sprang und erst am Goldockerhof wieder eingeholt werden konnte. Drei Wochen später erlitt der Sportreiter bei einem Abwurf einen Beckenbruch. „Bei mir ist alles voll Metall, Locheisen und Nägel“, berichtet er gelassen.

Das Pferd zu veräußern war keine Option, „wem hätte ich den verkaufen sollen – außer dem Pferdemetzger“, scherzt der Experte. „Im Gegenteil, jetzt ging’s erst los“, beschreibt er. Sondergeld wurde Kreismeister im Einzel und mit der Mannschaft. „Der Radi nimmt jedes Hindernis und hat noch Luft nach oben“, schwärmt sein Besitzer. (Von Michael Prochnow)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare