„Der Belgier ist weg“

Rührende Geschichte um Flucht eines jugendlichen Zwangsarbeiters

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Aus dem Jahr 1941 gibt es keine Bilder von Philemon van den Bulcke. Die Fotos zeigen ihn als Kommunionkind und bei seiner Hochzeit (Bild unten).

Mühlheim - Die Brüder Adam Adolf und Nikolaus Roth aus Lämmerspiel unterstützten im Zweiten Weltkrieg die Flucht eines jungen belgischen Zwangsarbeiters. Über die Kinder von Adam Adolf hält bis heute der Kontakt zwischen den Familien. Von Stefan Mangold

Die Schwestern Katharina Roth und Karola Wilm erzählen von dieser ganz besonderen deutsch-belgischen Freundschaft, deren Wurzeln in der Nazizeit liegen. Zwischendurch ruft Katharina Roth in Brüssel an, um von der glänzend Deutsch sprechenden Micheline ein Detail aus dem Leben ihres Vaters zu erfragen. Die Schwestern Katharina und Karola und ihr Bruder Albert Roth kennen die Schwestern Monique und Micheline van den Bulcke ihr ganzes Leben. Regelmäßig hatten die Eltern schon vor Jahrzehnten einander besucht. Die Geschichte beginnt im Jahr 1941 in Brüssel. Philemon van den Bulcke fuhr zur Schule. Die Straßenbahn stoppte plötzlich abseits einer Haltestelle. Gestapobeamte stiegen ein, die nach jungen Einheimischen suchten, um sie nach Deutschland zu verschleppen. Während der Kriegsjahre setzten im Reich viele größere Betriebe Zwangsarbeiter ein.

„Philemon war 17“, erzählt Katharina Roth. Der junge Mann entstammte gut situierten Verhältnissen. Der Familie gehörte eine Schuhfabrik in Aalst nahe Brüssel. Ein Bild zeigt, wie Philemon als Bub in der schnieken Limousine seines Vaters sitzt. „Er war das einzige Kind. Die Mutter wird ihn verwöhnt haben“, vermutet Karola Wilm. Auf jeden Fall entsprach er nicht dem Typus des harten, zähen Burschen, den die Hitler-Jugend postulierte. Philemon landete in Klein-Auheim in der Hessischen Gummiwarenfabrik Fritz Peter. Der Belgier schlief neben-an im Kino, das als Massenunterkunft diente. Sein Chef war Georg Bauer. Er nahm sich des jungen Mannes an, der schwer unter Heimweh litt.

Deutsche, die Verfolgten geholfen hatten, nahmen nach dem Weltkrieg keineswegs Heldenstatus an. Selbst von einem Oskar Schindler und seinem Wandel erfuhren die meisten erst durch den Film „Schindlers Liste“. Zum Tenor „Wir haben nichts gewusst“ gehörte „Wir konnten nichts machen.“ Georg Bauer schon. Mit seiner Frau Liese nahm er den Jungen, der sich an einer Maschine die Finger schwer verletzt hatte, zu Hause auf. Solange sie pünktlich zur Arbeit kamen, war den Behörden der Schlafplatz der Zwangsarbeiter relativ egal. „Für die Bauers war Philemon ein Ersatzsohn“, vermutet Katharina Roth. Ihr eigener war gefallen. Ein Nachbar hieß Nikolaus Roth. Zum Onkel der Schwestern müssen die Bauers tiefes Vertrauen empfunden haben. Denunzianten hatten schließlich Hochkonjunktur. Eine Aussage reichte, um jemanden ins Konzentrationslager zu bringen.

Wahrscheinlich wussten die Bauers vom Hintergrund ihres Nachbarn. Adam Adolf Roth, Vater der Schwestern und Bruder von Nikolaus, hatte im Juli 1937, lange vor der Gründung seiner Familie, in einer Kneipe den Heil-Hitler-Gruß eines Parteigenossen mit „Heil Moskau“ pariert und den „Führer“ mit einem Schimpfwort tituliert. Er wurde von einem, der mitgehört hatte, verraten. Die Gestapo nahm ihn sofort mit, er wurde unmittelbar nach Dachau verschleppt.

Dort folterte die SS ihn – „so sprichst du nicht vom Führer.“ Nie habe der Vater seiner Familie gegenüber später von Dachau gesprochen. Nur Bruder Nikolaus und einem Freund erzählte der damals 31-Jährige, wie er kurz davor stand, seine Qualen durch einen Sprung in den Elektrozaun zu beenden. An Heiligabend informierten ihn Wachleute, „dein Vater ist gestorben.“ Dessen Tod hatte da schon einen Monat zurückgelegen. Roth wurde nach einem halben Jahr entlassen. Er unterschrieb, niemandem zu erzählen, wie es ihm in Dachau ergangen war, „sonst kommst du wieder“.

Mit einem gefälschten Passierschein und dem Wissen von Nikolaus Roth verhalfen die Bauers ihrem Schützling nach einem halben Jahr in Klein-Auheim an einem Freitag zur Flucht. Montagmorgens ging Georg Bauer zur Polizei und meldete: „Der Belgier ist weg.“

Das jüngste Treffen seiner Töchter mit den Lämmerspieler Roth-Geschwistern fand im Mai statt. Die Familien verbindet seit Jahrzehnten eine enge Freundschaft.

Zufällig war Adam Adolf Roth damals als Soldat in Brüssel stationiert. Während eines Heimaturlaubs baten ihn die Bauers, Kontakt mit der Familie van den Bulcke aufzunehmen, um zu erfahren, ob es ihr Schützling in die belgische Heimat geschafft hatte. Der Soldat ging nach Aalst. Ein Risiko auch für ihn, das Menschen aus den Nachkriegsgenerationen nicht annähernd richtig einschätzen können. Philemons Mutter hatte beim Anblick der Wehrmachtsuniform erst die Türe zugeschlagen, dann erleichtert reagiert, als sich der Deutsche erklärte.

Vier Jahre versteckten die Eltern ihren Sohn in ihrem Haus. Philemon van den Bulcke überlebte, nahm sofort wieder Kontakt zu seiner Klein-Auheimer Gastfamilie und zu dem „deutschen Soldaten“ aus Lämmerspiel auf. Er heiratete seine Frau Francine, die heute 95 Jahre alt ist. Philemon starb schon mit 54. Beim Telefonat mit den Roth-Schwestern sagt dessen Tochter Micheline, „nicht wenige Deutsche haben Zwangsarbeitern geholfen“. Aber nur wenige Fälle, bei denen der gemeinsam begonnene Weg bis ins Heute reicht, sind bekannt. Die Familien der Beteiligten haben sich von Anfang an regelmäßig getroffen, abwechselnd in Belgien und Deutschland. Als ein Höhepunkt ist der gemeinsame Besuch der Weltausstellung Expo in Brüssel 1958 in Erinnerung.

„Die Geschichte dieser Freundschaft“, sagen die Lebenden, „zeigt, dass es auch in Zeiten des Terrors und der Verfolgung Menschen gab, die Zivilcourage und Empathie bewiesen haben, und die nicht bereit waren, sich dem Anpassungsdruck zu beugen.“

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