Abgespeckt feiern ist keine Option

Der Mühlheimer Kleingärtnerverein Brückfeld verzichtet auf sein Sommerfest

Die Absage des Sommerfestes haben sich die Vorstandsmitglieder des Kleingärtnervereins Brückfeld nicht leicht gemacht, haben lange hin- und herüberlegt.
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Die Absage des Sommerfestes haben sich die Vorstandsmitglieder des Kleingärtnervereins Brückfeld nicht leicht gemacht, haben lange hin- und herüberlegt.

Am Montag hätten sie wieder dampfen sollen, die schweren Kessel mit der Emaille-Beschichtung und den rostigen Abzugsrohren. Nico Pirulli, Anatoli Neigum und Alex Meinhardt hätten 6000 Annabelles weich gekocht, die Damen unter der Pergola hätten die Kartoffeln mit Hausmacher Leber- und Blutwurst oder Quark serviert. Die Gäste hätten sie mit Zwiebeln, Schnittlauch und Petersilie aus den Gärten garnieren können. Doch auch der Kleingärtnerverein Brückfeld hat sein Sommerfest gestrichen.

Mühlheim – „Wir haben die Entscheidung hinausgezögert, überlegt, ob wir abgespeckt, in kleinerem Rahmen, feiern, die Besucherzahl begrenzen können“, schildert Frank Lommatzsch all die Ideen, die sie in Vorstand und Festausschuss in den vergangenen Wochen immer wieder durchgekaut haben. „Aber hätten wir dann Leute heimschicken sollen?“, fragt Kassiererin Irmtraud Tragert.

Ein Hygienekonzept müsste stehen, Masken auf dem Weg zu Tischen, Theken und Toiletten getragen, letztere permanent gereinigt werden. Wer will’s machen, wer kontrollieren, grübelte man in der Runde. Sie fällte die Entscheidung, sich den Absagen anzuschließen, und bittet die treuen Besucher und Nachbarn um Verständnis. Viele Gartenfreunde wurden immer wieder aufs Fest angesprochen, berichten die Vorstandsmitglieder.

Auch „Kartoffel to go“ war keine Alternative

Auch „Kartoffel to go“, die kulinarische Attraktion zum Mitnehmen, werde es nicht geben. Der Aufwand sei zu groß. Um das dreitägige Fest zu realisieren, werden mehr als 180 Dienst-Einheiten gebraucht. „Das ist ein eingespieltes Team, jeder beherrscht seine Aufgabe aus dem Effeff“, heißt es. Ein neues Konzept erfordere ganz andere Arbeitsschritte.

Lommatzsch erinnert sich, als einmal Blut- und Leberwurst ausgingen und sie durch die ganze Stadt gefahren sind und nur Mischwurst gefunden haben. Jetzt verarbeitet ein Metzger Zutaten nach Ansage der Kleingärtner, auch kurzfristig. Der Zweite Vorsitzende Markus Hertl schwärmt von Service und Qualität.

Hatten sie zu Jahresanfang noch drei, vier Anfragen für Parzellen, stieg die Zahl der Bewerber im April auf knapp 30. „Es sind meistens Eltern mit Kindern in engen Wohnverhältnissen, die während des Lockdowns gerne auf einen Garten ausgewichen wären“, erklärt Hertl. Der Verein verwaltet 38 Gärten an der Ulmenstraße und elf am Hennigweg und hatte im Frühjahr nur einen Garten frei. Eine Dame hatte aus Altersgründen gekündigt, musste aber die Frist bis Jahresende nicht einhalten, weil eine junge Familie das Gelände sofort übernehmen durfte.

Viele Mitglieder mit Migrationshintergrund

„Sie haben sich gut eingelebt, sind sehr fleißig und passen super zu uns“, lobt Karl-Heinz Bamberg vom Vorstand, „sie haben in vier Wochen extrem viel geleistet“. Irmtraut Tragert erinnert sich gut, als sie die Nachricht zur Übernahme überbracht hat: „Das war ein Freudenjubel, dass fast der Telefonhörer geplatzt ist!“

Inzwischen gärtnern im Brückfeld sehr viele Mitglieder mit Migrationshintergrund. Egal ob Perser, Marokkaner, Türken, Polen, Bosnier, Italiener oder Afrikaner, „es gibt überhaupt keine Probleme, im Gegenteil, unser Horizont erweitert sich“, beobachtet die Kassiererin. Statt Dienst an Zapfhahn oder Kuchentheke zu schieben, treffen sich die Hobbygärtner jetzt im kleinen Kreis zum Plausch bei Bier und Äppler. Und die Kinder sammeln am lebenden Objekt Erfahrungen mit grauen Eidechseneiern, Wespen und Tomatenstauden, ganz im Sinne des alten Schreber. (Michael Prochnow)

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