„Ach, was war des schee“

Mühlheims Fastnachter feiern online mit Live-Moderation und gefilmten Auftritten

Stets zu zweit vor der Kamera tanzen acht Mitglieder der Gruppe 113 Mädchenwehr.
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Stets zu zweit vor der Kamera tanzen acht Mitglieder der Gruppe 113 Mädchenwehr.

„Ach, was war des schee, letztes Jahr. Und jetzt – alles abgesagt!“ Das können echte Narren so nicht hinnehmen. Die Fastnacht feiernden Vereine schlossen sich zusammen und planten, Auftritte in der Willy-Brandt-Halle aufzuzeichnen. Doch die Hygienekonzepte wurden abgelehnt. Der „harte Kern“ der Brauchtumspfleger gab nicht auf, organisierte „Müllem Helau dehaam“, einen Mix aus eigens aufgenommenen Szenen und Auftritten aus der Kampagne 2020.

Mühlheim – Die Fünfte Jahreszeit ausfallen lassen – das kommt für Jenny Grünwald, Vorsitzende der Katholischen Karnevalisten (KaKaM), ebenso wenig in Frage wie für Nadine Wahl, Zweite Vorsitzende des Mühlheimer Karnevalvereins (MKV) und Feuerwehrmann Martin Deiß. Ihm obliegt Kamera, Ton, Schnitt, Regie „und noch viel mehr“, schwärmen die Damen auf dem Sofa. Dazu bedanken sie sich für die „tolle Hilfeleistung“ des Magistrats. Auf einer anderen Couch sitzen im Tageslicht zwei „Men In Black“: Pascal Bodensohn und Christian Eitel von der KaKaM singen, „ich freu’ mich wie toll, endlich wieder Fassenacht“.

Grußworte werden eingespielt von Sonnau-Ritter Robert Kordik: „Habe die Ehre und Helau“. „Corona, diese Sau“, schimpft KaKaM-Präsident Wolfgang Sterr vorm Gemeindehaus aus einem dicken Ordner. „Für uns ist Fastnacht das Leben. Wir hoffen und beten, dass im Herbst sich öffnet die närrische Tür“, beginnt sein Reim. Die Feuerwehr feiert ihren Kappenabend im Homeoffice: „Keiner babbelt dazwischen, ist das in Zukunft immer so?“ Nein, lautet die rasche Antwort, „wir vermissen euch und wollen unsere geliebte Fastnacht wieder feiern.“

Barbara Bohn und ihre Nachfolgerin im Amt der MKV-Zugmarschallin, Vanessa Weber, wollen den „Menschen etwas Freude geben“. „Corona, du hast uns die Fastnacht genommen, wie ist es soweit gekommen!“, begleitet sich Winfried Winter von der Kolping-Fastnacht am Klavier: „Wir sind Basaltköpp“. Prinz Christian I. und Stefanie II. von Lämmerspiel gestehen, „uns blutet unser Herz“. Ohne Umzüge, Rathaussturm und Prunksitzung erscheine die Zeit „so endlos“. Auch die Dalles Cowboys „können’s nicht erwarten, alle wiederzusehen, wir werden’s doppelt und dreifach nachholen“, beschwört Dennis Beez.

Zweimal kündigen die Moderatorinnen die Prinzengarde Sharks von der DJK an, die auf schmaler Bühne artistische Figuren baut. Der MKV präsentiert sein Männerballet in irisch-grün. Christian Spahn blickt als Protokoller in die Zukunft, beschwört die Zuschauer, den Humor zu behalten, und weiß, „es gibt grad’ viele, dene’ geht’s gar nicht gut“. Die Fastnachtssänger der KaKaM besingen den Klimawandel.

Angesichts der Verschwörungstheorien raten die musizierenden Clowns aus dem Garten, „informiert euch gut bei Licht, denken schadet nicht“. Duos von der „113 Mädchenwehr“ tanzen in schwarzem T-Shirt und rotem Rock zu alten Schlagern, die Lämmerspieler Schellennarren vertreiben Winter und Höllenfeuer, dokumentieren Jürgen Ulmer und Georg Fischer mit Bildern aus einer besseren Zeit.

Auch ein Dutzend „Flying Stars“ vom MKV hat den „Kampf gegen das Böse“ aufgenommen: „Das beste, was wir tun können, ist, neu anzufangen“, ist zu vernehmen. Bernd Hatzebruch und Andreas Leonhardt von der Feuerwehr haben andere Probleme: „Es brennt, es brennt, wir brauchen einen neuen Sitzungspräsident.“

Der „Wolf“, Wolf-Christian Bäsecke, schmettert Hits aus seiner Wohnung. Noch einige Grüße aus der Nachbarschaft, dann spielen die Firedrums des MKV eine Erinnerung an die Zugmarschallkürung 2020. Rund 2000 Leute verfolgen das Projekt bis zum tönenden Abschied, „Hey Müllem, du bist affengeil“. (Von Michael Prochnow)

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