Achtung, Lebensgefahr!

+
Knapp 14 Meter sind es von der Brücke in den engen Canyon zwischen Vogelsberger See und Oberwaldsee. Auf der rechten Seite unter der Brücke gut erkennbar: der Felsvorsprung, der gern als Sprungbrett genutzt wird.

Mühlheim - Exakt ein Vierteljahrhundert ist es her, seit sich über den 14 Meter tiefen canyonartigen Einschnitt zwischen Oberwaldsee und Vogelsberger See ein eleganter Steg spannt. Vormals mit einem Holzgeländer versehen, nun in vandalismusresistenter Stahleinfassung, dient das Brückchen im Sommer vor allem jungen Männern aus der ganzen Region zum kühnen Sprung ins kühle Nass. Von Heiko Wiegand

Allein im August haben sich dabei zwei junge Männer schwerste Verletzungen an der Wirbelsäule zugezogen.“ Mühlheims Stadtbrandinspektor Heribert Hennig deutet auf einen Felsvorsprung etwa zehn Meter über dem türkis glitzernden Wasser, ganz in der Nähe des Stegs: „An Seilen hangeln sich die Klippenspringer auf diesen Vorsprung herab und springen dann in den See hinein. Das ist schlicht lebensgefährlich“, warnt Hennig.

Sonntag, 9. August 2009, 15 Uhr: Ein 28-Jähriger aus München springt von der Brücke. Er kommt mit dem Rücken auf. Zwei Brustwirbel werden schwer verletzt. Es droht akute Gefahr für eine Querschnittslähmung. Während einer dreistündigen Operation mit Spezialisten für Wirbelsäulenchirurgie in der Frankfurter Unfallklinik kann der junge Mann knapp davor bewahrt werden.

Sechs Tage später, Samstag, 15. August: Ein 19-Jähriger springt von der Brücke. Er verletzt sich ebenfalls zwei Brustwirbel schwer. Beide Männer müssen mit dem Rettungshubschrauber sofort in die Unfallklinik nach Frankfurt geflogen werden. Beide haben unglaubliches Glück, dass sie ohne Ganzkörper-Lähmung davongekommen sind.

Lesen Sie zum Thema Mutproben das Interview mit dem Mühlheimer Psychotherapeuten Manfred Menzel: „ Die Gefahr wird negiert

Im Jahr 2004, erinnert sich Mühlheims Stadtbrandinspektor, hatte ein Brückenspringer weniger Glück. Er starb nach seiner verwegenen Mutprobe den Tod durch Ertrinken. „Wir haben seine Leiche aus einer Tiefe von sechs Metern bergen müssen“, erinnert er sich.

Der erfahrene Wehrmann warnt eindringlich: „Aus einer Höhe von 14 Metern wirkt eine Wasseroberfläche wie Beton. Hinzu kommt, dass der Canyon sich unter Wasser trichterförmig verjüngt.“ Das könne man von oben nicht sehen. Und: Wer springt und dadurch einen Rettungseinsatz verursacht, riskiert neben einer Anzeige die Kostenübernahme der Rettungsaktion.

Da können schnell mal 10 000 Euro zusammenkommen“, rechnet Hennig vor: Ein Feuerwehrmann werde pro Einsatzstunde mit 40 Euro abgerechnet, ein Einsatzfahrzeug koste für den selben Zeitraum gleich 250 Euro - von den Kosten für einen Rettungshubschrauber ganz zu schweigen.

Das Prinzip Kostenübernahme gilt übrigens auch für Löscheinsätze, wenn etwa Lagerfeuer ausgemacht werden müssen. „Allein über Ostern mussten wir zehn Lagerfeuer löschen“, so Hennig. Mühlheims Erster Stadtrat Heinz Hölzel ergänzt: „Immer wieder stellen wir fest, dass nach dem Grillen der Müll liegen gelassen wird. Wer erwischt wird, muss mit dicken Strafen rechnen.“

1980 endete Abbau - die Dietesheimer Steinbrüche im Rückblick

2009: Elf Seen mitten in Wald und Flur gelegen, pittoresk verstreut in einem Naherholungsgebiet. Bis 1980 sah es bei Dietesheim eher nach Mondlandschaft aus. Auf 150 Hektar wurde damals in den Steinbrüchen malocht. Neben einem Betonstein-, einem Schotterwerk und einer Asphalt-Mischanlage waren auf dem Gelände der Mitteldeutschen Hartstein-Industrie (MHI) seit Anfang der 60-er Jahre Gastarbeiter in einem Wohnheim untergebracht. Ein Ende der ständigen Erweiterungen kam erst 1973 in Sicht. MHI und die Stadt Mühlheim einigten sich damals vertraglich auf eine erneute Erweiterung der Abbauflächen, datierten das Ende der Förderung aber auf Ende 1980. Zudem verpflichtete sich die MHI, das Areal kostenlos an die Stadt abzugeben. Die zweite Betreiberfirma, die Vogelsberger Basalt, schloss kurz danach einen gleichlautenden Vertrag ab. Nach 1980 füllten sich die Riesenlöcher langsam mit Grundwasser. Schließlich wurde im Jahr 1984 der Rundwanderweg geschlossen: Seither spannt sich ein Holzsteg elegant über den Canyon zwischen Vogelsberger See und Oberwaldsee.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare