Alter Schuh als „roter Faden“

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Fotos, Texte und Requisiten brachten die Schüler aus Apolda und Mühlheim von ihrer Reise mit.

Mühlheim ‐ „Wir wollen Ihnen nicht Auschwitz erklären. Wer es kennen lernen möchte, fährt lieber selbst hin.“ Die das sagen, meinen es ernst. Von Michael Prochnow

24 Jugendliche der Klassen elf und zwölf der Bergschule Apolda und des Friedrich-Ebert-Gymnasiums (FEG) in Mühlheim waren da, im berüchtigsten Vernichtungslager der Nazis. „Das Erlebnis hat jeden ganz persönlich berührt und uns alle verändert“, fasst ein Mädchen zusammen, „es hat Bekannte zu Freunden zusammen geschweißt.“

Auch mit eigenen Zeichnungen dokumentierten die Jugendlichen ihre Eindrücke von Auschwitz.

Gut acht Tage haben sie sich zwischen Appellhof und Erschießungsmauer, Bordell und Gaskammern aufgehalten und ihre Eindrücke in eine Präsentation gepackt, die unter die Haut geht. Mit Hilfe von zwei Künstlern aus Wien und Frankfurt haben sie ihre Gefühle in sehr persönliche Worte gefasst, in eigenwillige Fotos und in Video-Collagen, die sie am Donnerstagabend, dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee, zum Teil live einspielen.

Der Saal des Jugendzentrums an der Rodaustraße ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Besucher sitzen in ungewohnter Dunkelheit, vernehmen Zuggeräusche, Schritte, Schreie. Dann blicken sie auf Zeichnungen aus dem Lager, auf Fotos von ausgemergelten Körpern, traurigen Kindergestalten. Selbst gedrehte Sequenzen mit gesenkter Kamera deuten den Gang der Deportierten zu ihren Unterkünften an. Der Blick in einen dunklen Flur, durch den eine Person bedächtig schreitet, erinnert an den letzten Gang von 1,5 Millionen Menschen.

Mit bedeckter Stimme stellen Schülerinnen das Unfassbare ihrem Unverständnis gegenüber. „Wie konnte die Menschheit das zulassen?“ Die Gruppe „Kunst & Lyrik“ spielt Aufnahmen von einem Versuch ein, bei dem Probanden scheinbar immer höhere Stromstöße für falsche Antworten vermeintlicher Kandidaten abgeben. Das Experiment belege, das Menschen trotz Skrupel andere verletzen könnten, weil sie die Verantwortung dafür bei den Befehlsgebern sähen.

Die Jugendlichen ziehen eine Videokamera über einen selbst gezeichneten Plan von der Anlage und geben dabei die Standard-Führung mit ganz persönlichen Merkmalen wider. Spielen die Phasen der Bestraften nach, die bis zu 18 Stunden stehen mussten. Oder den stoischen Marsch von den Viehwaggons in den Todesblock, in dem allein ein Kind die Ängste aller laut ausspricht.

Als „roter Faden“ taucht in allen Bildern des Foto-Teams ein alter Schuh auf, geht den Weg der Gefangenen mit. Die Schüler haben die Punkte ausfindig gemacht, die von einem Überlebenden in einem Buch geschildert werden. Stacheldraht und Nachbildungen der Zaunpfosten bringen eine beklemmende Atmosphäre in den sonst so mit viel Leben erfüllten JUZ-Flur.

FEG-Schulleiter Jürgen Hegener erfüllte der Abend mit großem Respekt. Das 1990 von Geschichtslehrer Jürgen Bartholome ins Leben gerufene Projekt werde auch in diesem Jahr fortgeführt, so Hegener.

„Wir müssen uns immer wieder an das maschinelle Morden erinnern“, appelliert der Weimarer Kreistagsabgeordnete und Betreuer Dirk Schütz, „und uns nicht nur bei einer Weltmeisterschaft als Deutsche fühlen“.

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