Atmosphäre fangen

Cornelia Bormann recherchiert für neues Buch in Mühlheim

Pseudonym: Cia Born: Cornelia Bormann zeigt Ausgaben ihres Buches „Das schwarze Kreuz von Benissa“.
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Pseudonym: Cia Born: Cornelia Bormann zeigt Ausgaben ihres Buches „Das schwarze Kreuz von Benissa“.

Cornelia Bormann hat die Welt gesehen. Aber ihr neuer Roman bringt sie zurück in ihre Heimat  Mühlheim.

Mühlheim – Sie kam viel herum. Wuchs in Mühlheim auf, lebte in Kiel, Madrid und München, kehrte zweimal zurück und zog vor sechs Jahren mit ihrem Mann ans spanische Mittelmeer. In ihrer Wahlheimat kennen sie die Bürger als Autorin von „Das schwarze Kreuz von Benissa“, einem Kriminalroman aus dem Städtchen an der Costa Blanca. Im Moment stöbert Cornelia Bormann, die unter dem Pseudonym „Cia Born“ veröffentlicht, für einen neuen Roman in der eigenen Mühlheimer Vergangenheit.

Atmosphäre Mühlheims einfangen

Die Freiheit begann nach den Hausaufgaben, wenn sich die Kinder trafen, um mit Stöcken den Gerüchten über Riesenratten in der Rodau nachzugehen. Im Sommer schipperte der Mühlheimer Nachwuchs an der Dieselstraße auf der Luftmatratze durch den Teich, den alle „Russel“ nannten. Heute steht dort das Autohaus Best.

„Immer wenn ich versuchte, mich an diese im Nebel liegende Zeit zu erinnern, überkommt mich so ein unbestimmtes, wohliges Gefühl, das mich vermuten lässt, dass sie wohl glücklich war, diese frühe Kindheit“, lässt die Autorin ihre Ich-Erzählerin über die allerersten Lebensjahre reflektieren. In ihrem Roman „Sommer 1962 – Tod einer Schlampe“ will Cia Born nicht nur den Zeitgeist der späten Nachkriegsjahre einfangen, sondern auch die Atmosphäre in Mühlheim.

Mittagspausen auf dem Sofa gab es nicht

Bormann besuchte im Dezember ihre Tante Maria Häußer. Die hatte wiederum Gerda Brinkmann und Karl-Heinz Stier eingeladen – eine Idealbesetzung, um von den Zeiten zu erfahren, als Bormann noch ein Kind war. Brinkmann und Stier gaben der Autorin das vom Geschichtsvereinsverein herausgegebene Buch mit dem Titel „Fabuliert & Schnabuliert: Mühlheimer Geschichten rund ums Essen“ mit auf den Rückflug. „Damit kann ich hervorragend arbeiten“, freut sich die Autorin.

Bormanns Eltern führten über Jahre die Firma Bormann, eine Schuhfabrik an der Lämmerspieler Straße. Am Telefon beschreibt die Tochter den Geist der Zeit. „Das macht man nicht“, galt als Letztbegründung für Verbote. „Wenn du fragtest, wer ,man’ denn sei, riskiertest du eine Ohrfeige“, erinnert sich die 65-Jährige. Ihre Mutter habe einmal die Regel aufgestellt, „eine Frau, die sich mittags aufs Sofa legt, ist eine faule Schlutze“. Jahre später habe sie sich tatsächlich einmal um die Uhrzeit aufs Chaiselongue gestreckt. Wie von einem  pawlowschen Reflex getrieben, schoss die Tochter hoch: „Mutters Spruch saß immer noch“.

Eigentlich wollte sie die Firma übernehmen

Als 17-Jährige zog Bormann nach Kiel. Am Vogelsberg hatte die Mühlheimerin einen Darmstädter kennengelernt, der schließlich zum Studium der Meeresbiologie wegzog: „Ohne Geld floh ich von zu Hause.“ Die Fahrt an die Ostsee mündete in einer Hochzeit der Minderjährigen. Denn 1971 galt es noch als Skandal, unverheiratet zusammenzuwohnen, weshalb die Eltern zähneknirschend ihr Placet gaben. In Preetz, knapp 19 Kilometer südöstlich von Kiel, ging Bormann bis zum Abitur bruchlos weiter aufs Gymnasium. Ihr 21-jähriger Gatte hatte sie als gesetzlicher Vormund anmelden müssen. Mit dem Abitur endete die Ehe, „wir trennten uns friedlich“.

Bormann erzählt, wie sie der Direktive aus Mühlheim folgte, in Kiel eine kaufmännische Ausbildung zu absolvieren, um später ins Familienunternehmen einzusteigen. Die Autorin erinnert sich, wie sie als Kind am liebsten in der Fabrikhalle die Hausaufgaben erledigte, „dort roch es wunderbar nach Leder“. Oft habe sie geholfen und verkündet, „ich werde die Firma einmal übernehmen“. Außerdem habe sie sich danach gesehnt, familiäre Harmonie zu finden.

Früher fertig dank Corona-Virus

Zurück in der Heimat empfand die Tochter die Arbeit als Frondienst, „an die zwölf Stunden pro Tag und miserable Bezahlung“. Dann folgte die zweite und schließlich die dritte Ehe. Die Mühlheimerin heiratete mit 33 Jahren einen spanischen Zahntechniker. Mit ihm zog sie nach Madrid. Dort kümmerte sich sie sich um Verwaltung und Buchhaltung des Dentallabors ihres Mannes. Später teilten sich der Zahnspezialist und die Kauffrau die gleiche Arbeit in München. In Mühlheim übernahm Bromann schließlich 1997 mit ihrem Bruder die Fabrik für hochwertige Hausschuhe. Die Eltern hatten sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, 2010 lief die Firma als eine der letzten in der Lederbranche aus. Heute stehen dort Eigentumswohnungen, 2014 zog Bormann mit ihrem Gatten nach Benissa.

In Madrid schrieb die Autorin einst das Kinderbuch „Adele Müller und das verschwundene Alphabet“, in München die Novelle „Paella liebt Knödel“. Für „Sommer 1962 – Tod einer Schlampe“ hatte sie eineinhalb Jahre geplant. Wegen des Corona-Virus und der dadurch bedingten Ausgangssperre tippt Bormann: „Ich werde früher fertig.“

VON STEFAN MANGOLD

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