Prozess-Auftakt um Autoreparatur-Streit

Messer und Pistole am Kopf

Mühlheim - Vor Offenbachs Schöffengericht hat der Prozess gegen einen Mann begonnen, dem die Staatsanwalt schwere Körperverletzung, Erpressung und Beleidigung vorwirft. Als Opfer gilt der Inhaber einer Autowerkstatt in Mühlheim. Das Urteil wird wohl dauern. Von Stefan Mangold 

Denn gemeinsame Nenner in den Aussagen der Beteiligten sind noch rarer als sonst. Vorsitzender Richter Manfred Beck hat es am Offenbacher Schöffengericht schon deutlich einfacher gehabt mit der Mission Wahrheitsfindung. In der gerade begonnenen Verhandlung um den Inhaber einer Mühlheimer Autowerkstatt, der Opfer von schwerer Körperverletzung, Erpressung und Beleidigung geworden sein soll, jagt eine Version des Tatgeschehens die nächste.

Denn nicht nur die direkten Kontrahenten beschäftigen Justitia mit fast gänzlich divergierenden Versionen des Tatgeschehens. Ein Zeuge hat gleich eine ganz neue Geschichte zum Besten gegeben, ein anderer den Termin vergessen, eine dritte fällt wegen Krankheit aus. Das Urteil steht noch aus.

Der Angeklagte aus Offenbach sagt aus, er habe im September 2016 dem Mühlheimer Werkstattinhaber ein 13 Jahre altes Auto übergeben, um Bremsscheiben und Keilriemen auszuwechseln und den Wagen für den TÜV in Schuss zu bringen. Bei der Abholung habe der Werkstattbetreiber erklärt, er bekomme 1500 Euro. Weil er die Summe nicht komplett dabei hatte, habe er 400 Euro angezahlt. Kurz darauf habe er bemerkt, dass sein Auto immer noch unrund laufe. Es sei dann vor der Werkstatt zum Disput gekommen. Geschlagen oder bedroht habe er den Mann nie, behauptet der 33-Jährige.

Der mutmaßlich Geschädigte erzählt etwas anderes. Der Kontakt zum Angeklagten rühre von einem gemeinsamen Bekannten her. Von dem halte er charakterlich viel, „weshalb ich dachte, der Angeklagte sei ebenfalls korrekt“. Er habe ihm lediglich Ersatzteile für seinen Wagen besorgt, weil er bessere Konditionen bekomme. Dem Beschuldigten habe er in dessen Vehikel die Teile gelegt, die wiederum andernorts eingebaut werden sollten. Weil der Offenbacher den Wagen zwar abgeholt, aber nichts bezahlt habe, habe er ihn mehrfach angerufen, „er ging nicht ran“.

Erst, nachdem er den gemeinsamen Bekannten eingeschaltet hätte, habe er eine Nachricht über den Internetdienst Whatsapp erhalten, die dem Gericht auch vorliegt. Sinngemäße Botschaft: „Ich bezahle, wann es mir passt.“

Am folgenden Tag sei der Angeklagte dann vor seiner Werkstatt erschienen. Der 38-Jährige erzählt, der Mann habe verkündet, „ich werde deine Mutter ficken“. Eine Beleidigungsschablone, die immer zu zünden scheint, „ich ging ihm daraufhin an den Hals“. Andere, die auf dem Areal ebenfalls ihrem Gewerbe nachgehen, seien dazwischengegangen. Ein damals herbeigerufener Polizist erinnert sich an seinen „Eindruck, die Wogen hätten sich geglättet“. Jedenfalls habe niemand Anzeige erstatten wollen. Man werde das zivilrechtlich lösen.

Das klappte offensichtlich nicht ganz. Denn wieder einen Tag später nahm eine Polizistin Bilder auf, die den Werkstattbesitzer mit geschwollenem Gesicht zeigen. Als er abends zum Tor herausgefahren sei, habe ihn der Angeklagte durch das offene Autofenster genötigt, auszusteigen, „ins Genick hielt er mir ein Messer, an den Kopf eine Pistole“. Anschließend habe der Angeklagte mit zwei weiteren Männern auf ihn eingeschlagen und -getreten.

Bilder: Backstube in Mühlheim brennt aus

Ein anderer Zeuge will gesehen haben, wie der Angeklagte dem Bruder des Werkstattinhabers 500 Euro übergeben habe. Verteidiger Peter Koch übergibt dem Gericht einen angeblich korrespondierenden Auszahlungsbeleg der Bank. Außerdem hätten der Werkstattinhaber und dessen Bruder zu einem späteren Zeitpunkt auf den Angeklagten eingeschlagen, „der lag am Boden“. Er habe eingegriffen.

„Das ist jetzt eine ganz neue Geschichte“, kommentiert der Staatsanwalt den verworrenen Verlauf. Anwalt Koch legt den Finger in den Akten auf Aussagen, die weiland die Polizei aufgenommen hatte. Ein Zeuge will bei der Gegenüberstellung nach dem Prinzip „Entweder war es der oder der“ zwei Männer aus einer Gruppe ausgemacht haben, von denen einer vor dem Werkstattinhaber mit dem Messer gefuchtelt haben soll. Unter den beiden befindet sich der Angeklagte. Nur sehen sich die in Frage kommenden Männer überhaupt nicht ähnlich.

Der Zeuge hatte kurz vorher dem Gericht telefonisch mitgeteilt, den Termin verschwitzt zu haben. Eine Zeugin meldete sich krank. Ein Attest lag noch nicht vor. Zum nächsten Termin sind die beiden, die Richter Manfred Beck mit einem Ordnungsgeld von jeweils 300 Euro belegt hat, wieder geladen.

Rubriklistenbild: © Symbolfoto: dpa

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