Zeugnisse des Schocks

Zahlreiche Reaktionen nach ausländerfeindlicher Attacke auf Kicker

Mühlheim - Die Jagd eines rechten Mobs auf Dietesheimer Fußballer bei einem Dorffest in Birstein hat eine Lawine von Reaktionen ausgelöst. Von Marcus Reinsch 

Das von einem Spvgg-Spieler publik gemachte Erlebnis sorgt für Diskussionen auf allen Kanälen, die wegen Volksverhetzung ermittelnde Polizei startet die Vernehmungen und sowohl der Main-Kinzig-Kreis als auch die Gemeinde Birstein und der Gastgeberverein des Fests zeigen sich schockiert.

Wer gestern die wenigsten Worte braucht, um einen Standpunkt klar zu machen, ist die Sportvereinigung Dietesheim selbst. Ist von dieser Seite auch nicht nötig. Dass der Verein hinter dem steht, was ihr Mittelfeld-Fußballer Kewin Siwek auf seiner Facebook-Seite über den rechtsradikalen Angriff auf sein Team bei der Kerb in Birstein-Fischborn geschrieben hat, erklärt sich von selbst. Die Unaufgeregtheit des Vorstands ist da nichts anderes als die Umsetzung dessen, was die Top-Teams der Spvgg-Fußballer im nicht auf Sport alleine gebürsteten Programm „FairPlay“ gelernt haben: Defensiv-Taktik, Verzicht auf Provokation des Gegners, eine schlimme Situation nicht schlimmer machen.

Naziparolen und Hetzjagd

Das ist wohl auch, was in der Nacht zum 15. Juli in Birstein verhindert hat, dass aus einer verbalen Rangelei eine körperliche mit unabschätzbaren Folgen wurde. Siwek hat geschildert, wie teils entsprechende Shirts zur Schau tragende Kerbbesucher mit Neonazi-Parolen erst provozierten und dann eine Meinungsverschiedenheit zum Anlass nahmen, die Dietesheimer „wie Wölfe die Schafe“ zu bedrohen und aus dem Zelt in ihr Hotel zu treiben.

Dort schloss der Trainer, der eine Meute von 30 bis 50 Verfolgern registrierte, alle Türen ab. Erst dann schien die Gefahr gebannt. Strafanzeige bei der alarmierten Polizei wurde nicht erstattet.

Die Geschehnisse blieben im kleinen Kreis, bevor Kewin Siwek Worte für das Erlebte fand. Er schreibt: „Es mussten ein paar Tage vergehen, bis ich in der Lage war, diesen Beitrag zu verfassen, denn solche Ereignisse müssen erst einmal verarbeitet werden.“

Das passiert nun gesellschaftlich und juristisch. Der SV Hochland Fischborn, Hauptveranstalter der Kerb, hat sich mittlerweile klar positioniert. Sein Vorstand spricht von „gewaltbereiten Personen“. Das Video, das Siwek zu seinen Zeilen gestellt hat, „hat uns schockiert“.

Zu vernehmen sind in dem Clip dumpfe Parolen wie „Ausländer raus“ und „Ihr seid tot“. Der SV Hochland Fischborn „distanziert sich sehr deutlich von diesem Gedankengut und der Ideologie derer, die unseren Gästen in dieser Nacht entgegen getreten sind“. Sein Vorstand biete bei den Ermittlungen jegliche Unterstützung an, um die Verursacher ausfindig zu machen und zu belangen.

Weiter heißt es: „Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit haben in unserem Verein und in unseren dörflichen Strukturen dauerhaft nichts zu suchen.“

Das ist auch Tenor der Stellungnahme, die gestern der Kreisausschuss des Main-Kinzig-Kreises und der Gemeindevorstand von Birstein folgen ließen. Sie seien erschrocken angesichts der Schilderungen von rechtsextremen Anfeindungen in Birstein.

Landrat Thorsten Stolz, Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler, Kreisbeigeordneter Winfried Ottmann und Bürgermeister Wolfgang Gottlieb verurteilen die Vorfälle. „Rassismus hat bei uns keinen Platz und steht allem entgegen, wofür wir in einer toleranten, offenen und freien Gesellschaft im Main-Kinzig-Kreis stehen“, erklären sie. Und sie „rufen alle Betroffenen dazu auf, die geschilderten Vorfälle zur Anzeige zu bringen. In einer wehrhaften Demokratie müssen all jene, die derart menschenfeindlich vorgehen, strafrechtliche Konsequenzen befürchten.“

„Kein Spiegelbild der Birsteiner Bürgerschaft“

Der Vorfall sei „kein Spiegelbild der Birsteiner Bürgerschaft“, betonen sie. So etwas werde „von den Menschen in Birstein in keiner Weise toleriert“. Fremdenfeindlichkeit sei „durch nichts zu rechtfertigen, obendrein erinnert das Vorgehen gegen die Fußballmannschaft an dunkelste Kapitel deutscher Geschichte“. Sie hofften sehr, dass die Wort- und Anführer der Attacken ausfindig gemacht werden.

Daran arbeitet nun das auch für Staatsschutzfälle zuständige Zentralkommissariat 10 des Offenbacher Polizeipräsidiums Südosthessen. Es ermittelt, obgleich direkt nach dem Vorfall keine Strafanzeige gestellt worden war. Denn es steht der Verdacht auf Volksverhetzung im Raum. Ein Straftatbestand, bei dem die Ermittler von sich aus aktiv werden. Zuerst stehe die Vernehmung bisher bekannter Beteiligter an, erklärt Polizeisprecherin Anke Vitasek. Kontakte hatte die Polizei in Birstein vor Ort schon registriert. Auch besagtes Video werde ausgewertet, könne mit Hilfe von eigenen Technikexperten eventuell auch verbessert werden.

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Die Aussagen und Erkenntnisse werden dann miteinander abgeglichen, bis sich herausstellt, wer in der Tatnacht welche Rolle hatte. Das Ermittlungsergebnis werde der Hanauer Staatsanwaltschaft übergeben. Denn nach dem Tatortprinzip ist die Anklagebehörde zuständig, in deren Beritt sich eine Straftat ereignet hat. Sie entscheidet, ob der Fall vor Gericht landen soll oder nicht.

Die Welt gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus

Rubriklistenbild: © dpa

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