„Ich war der Spaghettifresser“

Ausstellung zur Migrationsgeschichte räumt mit Klischees auf

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Canal Ünal lebte in der Metropole Istanbul, ehe es sie vor 20 Jahren nach Lämmerspiel verschlug.

Mühlheim - Ein Fremder sei nicht immer ein Fremder, heißt es in einem Sketch von Karl Valentin. Weil: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.“ Wie es Menschen erging, die einst in Mühlheim ankamen, erzählt die um die Migrationsgeschichte kreisende Ausstellung „Ankunft – Vielfalt – Bereicherung“ seit Donnerstagabend im Rathaus. Von Stefan Mangold

Fremd kann sich auch der Einheimische fühlen, das weiß Candas Filiz. Der Politikstudent übernahm für die im Rathaus zu sehende Ausstellung über die Migrationsgeschichte in Mühlheim eine Doppelrolle. Einerseits schrieb er zusammen mit Percy Herrmann aus den Interviews mit 19 Mülheimern die Texte für die Schautafeln zusammen. Andererseits gehört Filiz selbst zu jenen, um die es geht. Nicht selten bekomme er das Kompliment, „du sprichst super Deutsch“. Ohne großen Enthusiasmus habe er sich als Türke gefühlt, „einfach aufgrund dessen, dass mich viele so bezeichnet haben“. In der Türkei klang das ganz anders. Dort bekam er zu hören, „ich sei kein richtiger Türke“. Sein Weg aus der Identitätsbredouille erinnert an den Ansatz, dass der Mensch nichts als sein Entwurf ist: „Ich muss selbst bestimmen, wer ich bin.“

Candas Filiz (mit Mikro) berichtet, wie er für die einen der Türke ist, der er für die anderen nicht sein darf. Neben ihm sitzt Civan Zengin.

Die Unternehmerin Canal Ünal zog vor 20 Jahren von Istanbul nach Lämmerspiel. „Du bist keine richtige Türkin, du kommst vielleicht aus einer Adelsfamilie“, tippten manche Deutsche, denn „du hast ja gar kein Kopftuch!“ Dass es sich erst recht in der Türkei in der Metropole ganz anders lebt als im ländlichen Milieu, wissen nicht alle Deutschen. Oder wollen es einfach nicht wissen. Haydar Dogan (48) erinnert sich an eine typische Gastarbeiterkindheit, „unser Leben sollte hier vorübergehend sein“. Das hieß, als Kind besuchte Haydar eine rein türkische Grundschulklasse. In der Fünften saß der spätere Ingenieur erstmals in der deutschen Klasse und verstand verstand kein Wort: „Deutsch habe ich auf der Straße gelernt.“

Von einem Schock berichtet Giovanni Micciché, der als Elfjähriger am 28. März 1964 am Frankfurter Hauptbahnhof ankam. An dem Tag lag Schnee. Am liebsten wäre Giovanni wieder in die sizilianische Heimat gefahren, „in die Wärme, zu den Freunden“. In Deutschland lernte der spätere Kfz-Meister erst mal die Grausamkeit der Kinder kennen: „Ich war der ‘Spaghettifresser’.“

Die Idee zur Ausstellung hatte Dr. Michael Schulte. Der Politikwissenschaftler verbrachte 40 Jahre im Auftrag von Entwicklungsdiensten als Berater in Ländern wie Bolivien, Mexiko, Ecuador. Der 69-Jährige erklärt, als er 2015 zurück nach Deutschland kam, habe er den nationalistischen Irrsinn des 20. Jahrhundert erkannt, ein „Jeder gegen Jeden“. Bürgermeister und Schirmherr Daniel Tybussek spricht von den 20 Prozent Mühlheimern ohne deutschen Pass und den 40 Prozent mit Migrationshintergrund, „wir haben ein friedliches Zusammenleben, was nicht selbstverständlich ist“.

Fluchterfahrungen von Prominenten und Künstlern

Und der Ausländerbeiratsvorsitzende Hüsamettin Eryilmaz, quasi Produzent des Projekts, fordert auf, möglichst viele Veranstaltungen der Interkulturellen Wochen zu besuchen, in die die Ausstellung eingebettet ist. Narrative Melodien auf den Langhalslauten spielt das Saz-Quartett aus Selin Beyazit, Elis Zengin, Sinan Zengin und Irem Dogan. Für die Fotos der Ausstellung sorgte Mehdi Fatolahi. Der Fotograf musste aus seiner iranischen Heimat fliehen. Fatolahi setzte für die Ausstellung mit dem Ehepaar Hasina und Fawad Afzal auch zwei Flüchtlinge aus Afghanistan in Szene. Hasina erzählt, wie sie vor Angst, versehentlich schwarz zu fahren, für die Fahrt mit ihren Kindern nach Bieber jeweils drei Gruppenkarten kaufte. Als ihre Tante sie wieder einmal einlud, lehnte Hasina ab, „es kostet zu viel, dich zu besuchen“.

Die „Ausstellung ist bis zum 13. September im Rathausfoyer (Friedensstraße 20) zu sehen.

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