„Aan petze“

Babbelrundgang mit Milliarden-Schoppen

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Gerda Brinkmann (links) vom Geschichtsverein versteht es wie keine andere, die Gäste ihrer Stadtspaziergänge ins Gestern zu ziehen.

Mühlheim - Schmackhafter Babbelrundgang durch die reiche Historie von einst fast 50 Gaststuben in Mühlheims Altstadt – mit einem Fehler: Zu Gerda Brinkmanns flüssigen Worten zischte, weil der Großteil der Gastronomie nur noch als Erinnerung existiert, kein Zapfhahn. Von Michael Prochnow 

Wer heimlich auf eine feucht-fröhliche Kneipentour hoffte, hatte was falsch verstanden. Die allermeisten Lokalitäten, die Gerda Brinkmann vom Geschichtsverein bei ihrem Babbelrundgang „Apfelwein Schnaps und Schnupftabak“ vorstellte, existieren schon lange nicht mehr. Vor hundert Jahren war die Situation eine andere. Da gab’s keine Fernseher, vom Internet ganz zu schweigen. Man ging also nach der Arbeit „aan petze’“ oder wollte sich einen „hinner die Bind’ gieße’“.

Ob „Wertschaft, Kneip’ oder Gaststube“: Fast in jedem zweiten Haus stand eine Theke. Auch die „Karriere“ des Stadtmuseums begann als Schankraum. „Zum goldenen Engel“ hieß die Adresse damals. Später war das Gebäude Schule und Rathaus, bevor es Zeugnisse der Mühlheimer Vergangenheit aufnahm. „Es ist ein Steinhaus, gehörte also wohlhabenden Bürgern“, erläuterte Stadtführerin Brinkmann. Immerhin, ein Familienangehöriger war Bischof von Mainz. Der Besitzer verkaufte die Immobilie jedoch, um mit dem Erlös die Betreuung eines behinderten Sohnes zu finanzieren.

Gegenüber hatten der „Deutsche Kaiser“ in einem Fachwerkhaus und die „Brezel“ und der „Rupp“ hinter einer Blendstein-Fassade geöffnet. Die „Post“ war nicht nur eine typische Äppelwoi-Wirtschaft, sondern tatsächlich auch Umschlagplatz für Briefe und Pakete. Zum Schoppen traf sich dort die höhere Gesellschaft: Lehrer, Pfarrer, Apotheker, Gemeinderechner – und auch der Bürgermeister. Damals lag die Ecke Markt- und Offenbacher Straße noch außerhalb des Orts.

Viele Treffpunkte waren kaum größer als ein Wohnzimmer, die schlichten Holztische nicht eingedeckt. An ihnen wurde Karten gespielt oder einfach „geschwätzt“. Bessere Häuser verfügten über ein Kolleg, in dem über Themen gesprochen wurde, „die nicht jeder hören sollte“. Die meisten Wirtsleute, gab Gerda Brinkmann zu bedenken, brauchten noch ein zweites oder drittes Standbein. Manche unterhielten eine Kelterei, Landwirtschaft, einen Lebensmittelladen oder eine Metzgerei, was bis heute als Gütezeichen gelte, wie einige Zuhörer bestätigten, „da gehmer nei!“. Es sprach sich schnell rum, wo „Portionen so groß wie AB-Deckel“ serviert wurden.

Bilder: Hochbeete, Wildbienen- und Vogelhaus im Garten der Beiers

Die „Post“ punktete mit Hausschlachtung und Straßenverkauf, „da gingen wir in die Küche und hatten Glück, wenn der Wirt selbst da stand, der war großzügig“, wussten die Brinkmanns aus der Spinatgass’. Nach dem Krieg mietete die Sparkasse einige Räume an, später die Firma Rust. In der „Brezel“ flüchtete Klein-Gerda einmal vor bissigen Gänsen bis in den ersten Stock. „Aber die Gaase waren schneller ...“.

Jetzt zeigte sie noch die „Stadt Mainz“ in der Marktstraße, die den größten Saal hatte, das „Cafe Kallefitz“, in dem sie an Fastnacht auf den Tischen getanzt haben. Im „Stern“ soll einst Napoleon abgestiegen sein, im „Delaidotti“ vor der St. Markus-Kirche kauften sie Eis für einen Groschen, „aber das war auch viel Geld“. Auch in der „Grünen Linde“ gab’s „Gesangbücher mit Henkel“, der Ort wurde gerade in ein modernes Wohnhaus umgebaut.

Die Kennerin führte noch zum „Goldenem Hirsch“, in dem die vornehmen Herren von den Farbwerken Hoechst tafelten, zur „Stadt Offenbach“ mit dem kleinen Saal, „Zur neuen Welt“ hinterm Bretterzaun und „Zur Krone“. Da kostete der Schoppen im Inflationsfieber anno 1923 stolze 8,6 Milliarden Reichsmark und das Flaschenpfand 200 Millionen. Gerda Brinkmann garnierte den Gang mit allerlei Anekdoten in Mundart.

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