Bachtage in Mühlheim

Das Leben jenseits der Glotze

Kerstin Lochner (in weiß) vom Zugpferd e.V. kann den Kindern während der Bachtage erklären, was für ein Tier sie gerade im Eimer, im Netz oder im Lupenbecher gefangen haben.
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Kerstin Lochner (in weiß) vom Zugpferd e.V. kann den Kindern während der Bachtage erklären, was für ein Tier sie gerade im Eimer, im Netz oder im Lupenbecher gefangen haben.

Mühlheim - Stadtkinder, hört man von Pädagogen, seien oft überzeugt, dass Kühe lila sind und für die Bockwurst kein Schwein unters Messer muss. Das grün umspülte Mühlheim hat da Glück. Und nicht nur das. Von Stefan Mangold 

In Kindergärten ist es Konzept, dem Nachwuchs die Natur ums Eck zu zeigen. Wie in der Kita Schlesierstraße während der Bachtage, organisiert vom Zugpferd-Verein. Bachtage passen zum Alltag des Lämmerspieler Kindergartens an der Schlesierstraße. Leiterin Beate Höschele erzählt vom Waldtag, den die Erzieherinnen seit Jahren einmal in der Woche veranstalten. Dann geht es raus ins Gehölz, ganz gleich, wie sich das Wetter gestaltet. Immer wieder sei es für Erwachsene überraschend, was Kinder mit ihrem unverstellten Blick alles wahrnehmen, „ich sehe auch dann noch nur Blätter, wenn die Kleinen über die Wege von Insekten erzählen“.

Ähnlich ging es gerade im Brühlbach während der Bachtage zu. Der Betrachter vom Rand sieht erst mal nur fließendes Wasser, in dem Kinder und Erwachsene stehen. Es fällt jedoch auf, wie ruhig und geduldig die Kleinen im Bach neben der Kindertagesstätte nach Spannendem suchen, auch wenn im Vergleich zum Fernseher oder Computerspiel visuell fast nichts passiert. Aber alles, was sich hier bewegt und beobachten lässt, unterliegt den Gesetzen des Stoffwechsels. Es lebt, im Gegensatz zur digitalen Welt.

Und manches Getier gerät kurzfristig mit Hilfe des Eimers oder des Netzes in Gefangenschaft. Als Zelle dient dann meist die Becherlupe. Relativ leicht lassen sich die Bachflöhe schnappen. Mit ein wenig Glück gelingt das hin und wieder auch bei einem kleinen Frosch, der gerade noch am Ufer saß und sich jetzt im Großformat betrachten lassen muss, bevor es für ihn wieder zurück geht. Einen der flinken Fische zu kriegen, die durchs klare Wasser schwirren, ist da schon wesentlich diffiziler und gelingt nur selten.

Mit im Gewässer stehen die Erzieherinnen Nina Zumpano und Jasmin Glas sowie Kerstin Lochner. Die biologisch versierte Pädagogin, die auch im wunderschönen Hanauer Wildpark „Alte Fasanerie“ arbeitet, kommt von Zugpferd e.V., dem Verein, der sich sonst im Wald von Lämmerspiel um die Ausbildung von benachteiligten Jugendlichen kümmert. „Der Vorsitzende Frank Sobanski sprach mich an, ob wir Interesse an den Bachtagen haben“, erzählt Beate Höschele, die seit acht Jahren die Kindertagesstätte leitet. Höschele nahm Sobanskis Vorschlag gerne an, zumal die Stadtwerke die Kosten decken.

An dem Projekt nehmen 15 Kinder teil, „für sie ist das einer der Höhepunkte im Kita-Leben“. Mit dem Wetter haben alle Glück. Bei Regen wären die Bachtage jedoch nicht ausgefallen, „dafür gibt es schließlich Gummistiefel und Matschhosen“. Auch wenn bei solchen Geschichten immer mal wieder die Gefahr in der Luft liege, dass eine Mutter aufgeregt interveniere. In dem Kontext erzählt die Leiterin vom Typus der Überbehüterin. In der ständigen Angst, ihr Nachwuchs könnte sich eine Erkältung zuziehen, „werden die Kinder generell zu dick angezogen“. Der Schuss ginge letztlich nach hinten los, „so können die kein stabiles Immunsystem entwickeln und werden dann wirklich öfter krank als andere Kinder“.

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