Bahnhofstraße

Wie ein Mobilfunkmast die Kommunikation anders als gedacht verstärkt

Mühlheim - Ein Mobilfunkmast in der Bahnhofstraße verbessert Mühlheims Kommunikation, bevor er angeschlossen ist. Die riesige Antenne steht seit Mitte der Woche auf einem Haus in der Bahnhofstraße. Von Marcus Reinsch

Nicht schön, zum Glück selten: Mast-Blick.

Vielen flößt sie wegen der Strahlung Angst ein, einem Nachbarn bereitet sie vor allem schlaflose Nächte, weil er sein Territorium verletzt sieht. Dass seine Mail mit dem Betreff „Gigantischer Mobilfunkmast auf dreistöckigem Wohnhaus“ solch ein mediales Summen und Brummen auslösen würde, hatte der Mühlheimer Hans Pollrich gehofft, aber nicht geglaubt. Doch nun: Zeitungen rufen an, das Fernsehen war da, in sozialen Netzwerken liefern sich Empörte und Zweifler Deutungsschlachten über Strahlung, Baurecht, die Macht von Konzernen. Und Nachbarn, die sich vorher nur vom Sehen kannten, reden jetzt miteinander. Ein positiver Effekt des Masts, den der Mobilfunkbetreiber Vodafone am Dienstag aufs Dach der Bahnhofstraße 59 gestellt hat. Es ist fast der einzige. Dass den Anwohnern der Gesprächsstoff nicht so schnell ausgehen wird, liegt daran, dass so eine Antenne zwar technisch simpel, thematisch allerdings vielschichtig ist. Mancher erwartet von dem Ungetüm zum Beispiel ungefähr so viel Gutes wie von einem Atomkraftwerk.

Hans Pollrich, der Mailschreiber aus dem gegenüber liegenden Haus an der Zimmerstraße, hat auch Bedenken. „Wir fürchten um die Gesundheit der anwohnenden Kinder und älteren Menschen“, sagt er und verweist auf Studien. Wie jene, die „im Umkreis von 400 Metern um einen Mobilfunkmast nach etwa fünf Jahren den Anstieg der Krebs-Rate um das Dreifache“ sieht. Besonders Kinder und Alte seien gefährdet, weil deren Immunsystem noch nicht beziehungsweise nicht mehr so stark ist. Pollrich: „Wir sind völlig verängstigt, das ist wie ein Damoklesschwert überm Kopf.“ Er und weitere Anwohner dächten schon darüber nach, aus ihrem als Altersvorsorge gedachten Zuhause wegzuziehen. Dahin, wo vielleicht der Handyempfang, ganz sicher aber das Strahlungsniveau niedriger ist.

Dafür wäre es zu früh. Zum einen ist der Funkmast noch nicht in Betrieb. Dem Vernehmen nach soll er im Lauf der nächsten Woche angeknipst werden. Zum anderen ist da noch Ralf Zimmermann, seit zehn Jahren der direkte Nachbar.

Der versucht gerade zu bewerkstelligen, dass der Mast wieder abgebaut werden muss. Oder erst gar nicht fertig montiert wird. Wegen der Strahlung, das auch. Argumentativ aber vor allem, weil die Antenne in sein Grundstück hineinrage. Etwa einen halben Meter. Und das, hat Zimmermann in schlaflosen Nächten recherchiert, sei nach Paragraph 32 des Baugesetzbuches nicht ohne seine Zustimmung erlaubt. Die habe er aber nicht gegeben - und er hätte das auch nicht, wäre er gefragt worden.

Als am Dienstag die Monteure anrückten und klar wurde, dass die ein paar Tage zuvor aufgetauchten Halteverbotsschilder Platz für einen großen Kran reservieren sollten, habe er versucht, die Installation zu verhindern, sagt er. Das klappte kurz, die Techniker hielten inne. Aber dann sei von Vodafone doch die Order gekommen, den 9,80-Meter-Mast die knapp 20 Meter aufs Dach zu hieven.

Da steht er nun also, ganz am Rand, weil’s mittiger nicht stabil genug wäre. Von Zimmermann Hof aus macht die Antenne des Eindruck, als wäre ein Stück von der Internationalen Raumstation abgebrochen und aufs Haus nebenan gestürzt. Die Technik ist raumgreifend. Dazu gehört ein Gerüst mit Brüstung. Und ein sogenannter Funkcontainer. Für den, verweist Zimmermann, brauche Vodafone anders als für Antennen unterhalb der Zehn-Mete-Marke nach der Hessischen Bauordnung eine Genehmigung. Die müsse bei der Stadt angefragt werden. Widerspreche die nicht innerhalb von zwei Wochen, gelte das als Erlaubnis. Auf Nachfrage im Rathaus habe er allerdings erfahren, dass ein solches Schreiben nicht vorliegt. Er werde also „alle juristischen Schritte unternehmen, die mir möglich sind. Das ist mein gutes Recht.“

Vorsicht! So werden Sie täglich überwacht

Ist es. Und vielleicht geht es sogar ohne Anwalt. Die Stadt Mühlheim habe den Vorgang offiziell an die Bauaufsicht des Kreises weitergegeben. Nach Paragraph 55 der Hessischen Bauordnung handelt es sich beim Mastbau anders als in anderen Bundesländern zwar um ein „baugenehmigungsfreies Vorhaben“. Sprich: Über das, was der Eigentümer eines Hauses mit einem Mobilfunkanbieter aushandelt, muss die Stadt nicht mal informiert werden. Jedenfalls nicht, wenn die Antenne maximal besagte zehn Meter hoch und die Versorgungseinheiten nicht mehr als 10 Kubikmeter Bruttoinhalt haben.

„Wenn nachbarschaftliche Interessen nicht berücksichtigt worden sind, muss sich das die Bauaufsicht aber an gucken“, sagt Tybussek. Da könne er die Bürger, die im Umfeld wohnen, sehr gut verstehen. Ralf Zimmermann fühlt sich auch durchaus verstanden. Vor allem von Menschen aus seiner Straße. Er habe schon Anrufe von Nachbarn bekommen - mit Zuspruch für seine Mission und mit Angeboten, ihn finanziell zu unterstützen.

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