„Geklärt, wer Chef ist“

Bewährung nach Körperverletzung

Mühlheim - Ein Mann, der vor eineinhalb Jahren den Besitzer einer Mühlheimer Werkstatt beleidigt und gemeinsam mit anderen zusammengeschlagen haben soll, muss 18 Monate Haft auf Bewährung und 2000 Euro Geldstrafe verdauen. Von Stefan Mangold 

Im zweiten Anlauf erschienen vor Offenbachs Schöffengericht alle Zeugen. Richter Manfred Beck fragt die Zeugin, warum sie zum ersten Verhandlungstermin nicht erschienen sei. Die 24-Jährige zeigt sich natürlich zerknirscht. Aber sie habe dem anderen Zeugen, ihrem ehemaligen Freund, auf keinen Fall begegnen wollen. Die Schelte hat sie umsonst riskiert. Denn um ein Wiedersehen mit dem Ex kommt sie auch so nicht herum. Zum ersten Termin war auch er nicht erschienen, dafür aber heute.

Die Frau erzählt von ihrer Beobachtung des Streits zwischen dem Angeklagten und dem Geschädigten, der auf dem Hof, auf dem mehrere Werkstätten konkurrieren, schließlich eskalierte. Stunden zuvor habe jemand vor dem Geschädigten mit dem Messer herumgefuchtelt. Daraufhin sei ein anderer Werkstattbesitzer mit einem Vorschlaghammer erschienen. Der Mann mit dem Messer habe daraufhin abgelassen. Vom Ereignis, um das es eigentlich geht, habe sie nur dessen Folgen gesehen. Der Geschädigte sei blutverschmiert und mit zerrissenem T-Shirt von der Straße zurück in den Hof gelaufen. Den Angeklagten selbst erkennt sie nicht wieder.

Genauso wenig übrigens wie ihr einstiger Freund. Da es sich bei allen Beteiligten um Männer mit südländischen Erscheinungsbild handele, „kann ich die sowieso nicht unterscheiden“. Auch er spricht von viel Blut und einem zerrissenem T-Shirt. Und er sei es gewesen, der einmal mit dem Vorschlaghammer für Ruhe gesorgt habe. Den Verletzten habe er ins Krankenhaus gefahren.

Richter Manfred Beck will von ihm wissen, worum der Streit gegangen sei: „Es geht immer ums Geld.“ Viele Kunden verstünden nicht, dass eine Dienstleistung bezahlt werden müsse. Fast täglich komme es auf dem Hof zu Geschrei.

Beck befragt noch mal den Geschädigten, der mittlerweile durch Rechtsanwalt Ahmed Arriouach erfolgreich beantragt hat, als Nebenkläger auftreten zu dürfen. Am ersten Prozesstag hatte ein Zeuge ausgesagt, nach einer „Ich-fick-deine-Mutter“-Beleidigung habe das Opfer seinerseits gemeinsam mit seinem Bruder den Angeklagten körperlich malträtiert. Der Geschädigte streitet das ab.

Der Staatsanwalt fordert wegen versuchten Raubes, Beleidigung und Körperverletzung zwei Jahre Haft auf Bewährung. Der Angeklagte habe die Rechnung nicht begleichen wollen, das belege der Inhalt einer SMS: „Ich zahle, wann es mir passt.“ Dass die Zeugen ihn nicht erkennen, sei nicht ungewöhnlich. Der Staatsanwalt erzählt, an einer Tankstelle schon mal Opfer eines Überfalls geworden zu sein, „den Täter hätte ich nicht wiedererkannt“. Er sieht eine günstige Sozialprognose. Nebenklagevertreter Arriouach sieht das ähnlich.

Bilder: Prozess gegen Schläger von Mark Herbert 

Verteidiger Peter Koch aber will Freispruch. Zweifelsfrei sei nur erwiesen, dass der Geschädigte zusammengeschlagen wurde, nicht aber von wem. Eine Erpressung sehe er schon gar nicht, „mein Mandant hätte bei Unwillen einfach nicht bezahlt, das reicht doch“.

Prinzipiell dem Verteidiger folgen Richter Beck und die beiden Schöffen. Deshalb komme eine Verurteilung wegen Raubs nicht in Frage, „es ging nicht mehr ums Geld, sondern um die Ehre“. Mit seinem Bruder habe der Geschädigte dem Angeklagten wegen der Mutterbeleidigung eine mitgegeben. Das habe der Angeklagte mit Kumpels im Schlepptau ausgleichen wollen.

Wegen Beleidigung und gemeinschaftlicher Körperverletzung verhängt schließlich Beck 18 Monate Haft auf Bewährung plus 2000 Euro an Offenbachs Dependance der „Sozialen Hilfe Darmstadt“. Die Tat sei einer hochgeschaukelten Situation entsprungen: „Da wurde geklärt, wer Chef ist.“

Rubriklistenbild: © dpa

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