Biogasanlage Mühlheim

Zukunftsaussichten für das Millionengrab

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Mühlheim - Neues aus der Zwickmühle: Mühlheims Biogasanlage, die den Bürgern als Millionengrab und politische Peinlichkeit sowieso stinkt, könnte demnächst auch noch tatsächlich üble Gerüche verströmen. Von Marcus Reinsch

Ein Fachmann des mit der Suche nach einer Zukunftsperspektive für das Betonmonstrum beauftragten Münchner Planungsbüros RES Projects bezeichnete den Betrieb mit Biomüll bei der Vorstellung der Ergebnisse am Donnerstagabend als einzige Chance, noch mit einem blauen Auge davonzukommen. Dunkelblau! Weil sich auch dann nicht wirklich Geld gewinnen, sondern nur der Verlust reduzieren ließe. Und weil Biomüll nunmal nicht nach Blumenwiese riecht.

Die Stadt hat nun also nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Pest herrscht in der Kasse längst - die Stillstandskosten für die fertige, aber mit Verweis auf den die Bedingung Wirtschaftlichkeit diktierenden Stadtverordnetenbeschluss von vor fünf Jahren nie angefahrene Anlage liegen bei rund 250.000 Euro pro Jahr.

Biomüll ist nicht verfügbar

Cholera, das würde erstmal viele Fragezeichen bedeuten. Grundproblem: Biomüll ist im Großraum Mühlheim noch gar nicht verfügbar. Die flächendeckende Einführung der Biotonne wird zwar ab Januar 2015 Pflicht. Aber selbst dann würde, so ist es Gesetzeslage, aller Inhalt der Tonnen erstmal dem Kreis Offenbach gehören. Der wiederum müsste eigentlich eine Auschreibung für die Entsorgung der jährlich schätzungsweise 30.000 Tonnen Biomüll starten, um den Auftrag dann dem billigsten Anbieter zu geben.

Ein ziemlich dickes Vielleicht, mit dem Mühlheim nicht planen kann. Ob der Kreis auf die Ausschreibung verzichten und den Stadtwerken zumindest die für ihre Anlage nötigen 15.000 Tonnen jährlich einfach so geben darf, das werde nun geklärt, hieß es bei der Versammlung von Bürgermeister und Stadtwerke-Aufsichtsratschef Daniel Tybussek vor mehr als 100 Bürgern. Es gebe Gespräche und „das gegenseitig versicherte Interesse“, aber keine Zeitschiene und bisher auch „keine konkreten Vorstellungen seitens des Kreises zur Gebührenkalkulation“.

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Nächstes Problem: die Betriebsgenehmigung. Die Biogasanlage hat zwar eine für die Vergärung der ursprünglich geplanten nachwachsenden Rohstoffen wie Mais und Zuckerrüben (NawaRos). Doch um stattdessen aus den künftigen Biotonnen des halben Kreises befüllt zu werden, bräuchte sie eine neue. Um die zu bekommen, müssten die Stadtwerke ein neues Geruchsgutachten vorlegen, um Harmlosigkeit in einer Gegend zu beweisen, in der schon eine Großbäckerei dominante Düfte verbreitet. Das werde, so habe ihm ein Gutachter signalisiert, „sehr, sehr schwierig“, gab Stadtwerke-Geschäftsführer Wolfgang Kressel zu Protokoll.

Ohne Aufrüstung geht nichts

Ohne Aufrüstung ginge da vermutlich gar nichts. Thomas Härtdl, der RES-Experte, hat hochgerechnet, dass die Stadtwerke mindestens weitere knapp 1,3 Millionen Euro in die ja schon für rund sieben Millionen Euro gebaute Biogasanlage stecken müssten. In der Summe sind ein Blockheizkraftwerk am Schwimmbad und eins an der Anlage selbst enthalten, die das Gas in Strom und Wärme verwandeln. Außerdem ein zweiter Biofilter, der die Luft in der Anlage so erträglich macht, dass Menschen gefahrlos darin arbeiten könnten - plus Luftschleieranlagen und vielleicht eine Reifenwaschanlage gegen den Geruch im Umfeld und an den dann in Massen anfahrenden Müllfahrzeugen.

Alles viel Aufwand und mit Protestpotenzial bei ansässiger Wirtschaft und Bevölkerung belastet - für 3300 Euro pro Jahr. Das ist der Betrag, um den sich nach vorsichtiger Berechnung das Defizit reduzieren ließe, falls alles klappt. Die optimistischste Schätzung geht von 208.000 Euro Gewinn aus, was jährlich noch 40.000 bis 50.000 Euro Defizit bedeuten würde.

Energiewende: Windräder, Solarparks und Biogasanlagen kosten

Allein: Die drei von RES unter Berücksichtigung von erwartetem Gasertrag, zusätzlichen Investitionsbedarf, Erlösen aus dem Stromverkauf und Kosten für Lagerung, Logistik und Entsorgung der Gärreste durchgerechneten Alternativkonzepte kommen zu noch traurigeren Ergebnissen. Sie würden das jährliche Defizit nicht verringern, sondern steigern - das hochenergetische Konzept mit Altbrot & Co. um 1,1 Millionen Euro, das niederenergetische mit Grünschnitt und Pferdemist um eine gute halbe Million und die ursprüngliche NawaRo-Variante um rund 300.000 Euro.

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