Biotop am Rande des Franzosenviertels

Molli und Wolli im Paradies

+
Ziegen, schwarze Zwergschafe, Fledermäuse, eine Katze mit Hütehundambitionen und Kauz Kurt bevölkern am Rande des Franzosenviertels ein Biotop. Sogar ein preiswürdiges. Etwas kauzig und das durchaus gewollt: Gudrun Feser-Pfeifer mit drei Gehörnten.

Mühlheim - Es gibt Dinge, die man im Franzosenviertel erwartet, und Dinge, die man dort nicht erwartet. Wer an der Saint-Priest-Straße in den Kiesweg Richtung Main läuft, lernt eher das Unerwartete kennen: Gudrun Feser-Pfeifer zum Beispiel. Von Stefan Mangold

Als sie vor 23 Jahren zwischen Edelquartier und Fluss ein Grundstück übernahm, musste sie erstmal drei Container Müll und eine ganze Menge Bierflaschen wegschaffen. Vor-Pächter hatten die Abgeschiedenheit mutmaßlich nur genutzt, um sich während der Sommermonate einen hinter die Binde zu gießen. Die Frau mit dem Doppelnamen und dem Stirnband hat eine bessere Verwendung gefunden. Sie kommt täglich vorbei. Im Winter für drei Stunden, im Sommer für zehn. Mindestens. Einmal blieb sie die ganze Nacht, was mit dem Hochwasser im Januar 2011 zusammenhing. Da musste die Offenbacherin ihre auf dem Areal wohnenden Huftiere einpacken und in einen Ausweichstall bringen. Dessen Besitzer stellte den Mühlheimer Ziegen Yolanda und Miranda einen Obertshausener Bock bei. „Die ersten Monate merkte ich von den Folgen nichts“, erinnert sich Feser-Pfeiffer. Weil die beiden schon in die Jahre gekommen waren, verliefen die Wehen bei Yolanda dramatisch. Zwischendurch sah es so aus, als würden Mutter und Kind sterben. Am Ende zog die medizinisch versierte Frau Jonathan heraus, der später leider an einer Blasengeschichte starb.

Vor kurzem bekam Gudrun Feser-Pfeifer für ihr Biotop „Rote Erde“ von der Landesstiftung „Miteinander in Hessen“ und einem Zusammenschluss von Unternehmen der Lebensmittelbranche den mit insgesamt 1500 Euro dotierten „Nähe ist gut-Preis“. Ihr Pate unter den Firmen war die Brauerei Licher. Feser-Pfeifer hatte in ihrer Bewerbung den Eisvogel auf ihrem Grundstück erwähnt. Einer, wie er in der Bier-Werbung auftaucht. Auf dem Areal, das mit der gepachteten Nachbarwiese rund 5000 Quadratmeter umfasst, sind die Ziegen die größten Tiere, gefolgt von den schwarzen Zwergschafen Wolli und Molli. Wer schlecht sieht, könnte die beiden auf die Entfernung für zottelige Hunde halten. Und sie benehmen sich auch ähnlich. Sie folgen der Herrin und lassen sich gerne zwischen ihren Hörnchen graulen, während die Chefin durchs Paradies führt und die kleine Wiese erklärt.

Auf der wachsen Blumen, deren Pollen Nachtfaltern schmecken. Die stehen wiederum bei den Fledermäusen aus Dutzenden Nistkästen hoch im Kurs. In einem anderen Gehäuse an einem der 170 Obstbäume lebt Kurt, der Steinkauz. Auch der kennt vor Feser-Pfeifer kaum Scheu, „bis auf zwei Meter komme ich ran“. Kurt schützt ein Stahlkranz vor Mizimaunzi, der Katze. Die verhält sich ihrerseits wie ein Hütehund, wenn sie um Molli und Wolli herumläuft. Wer die Schafe streichelt, bekommt ein leicht stumpfes Gefühl auf der Haut. Das rührt vom Lanolin, dem Wollfett. Wolli musste schon mal unters Messer. Sie hatte einen Gummihandschuh verspeist.

Gerade die kleinen Details lassen erahnen, wie viel Arbeit in dem Biotop steckt, das immer wieder Einbrecher heimsuchen, die etwas suchen, was sie nicht finden können: „Hier gibt es weder Geld noch Alkohol.“ Vor ein paar Monaten klaute jemand die Leiter, um in die Disko an der Fähre einzusteigen. Und vor zwei Jahren warf ein Spaziergänger Steine über den Zaun, auf Ramses und Nofretete. Die Nilgänse kommen regelmäßig zu Besuch. „Ich weiß nicht, warum jemand so was macht“, kommentiert Feser-Pfeifer, die den Mann anbrüllte und sich dabei durch eine unglückliche Bewegung übel den Fuß brach, was sie Monate behinderte. „Während der Zeit half mir mein geschiedener Mann sehr“. Ebenso Günter Hagedorn, ein Freund aus Babenhausen, der regelmäßig vorbeischaut. Oft gehen Vertreter des Naturschutzbundes mit zur Hand.

So tierisch kann ein Stau sein

Kurios: So tierisch kann ein Stau sein

Gudrun Feser-Pfeifer schuf einen Mikrokosmos, ein sich ständig wandelndes Kunstwerk. Wie Ornamente wirken die kleinen Dinge: die Salz- und Mineralsteine, die überall hängen, damit Ziegen und Schafe daran lecken können, die Löcher für die Erdwespen, das Insektenhaus und die Mulden für Mizimaunzi. Regelmäßig führt die 64-Jährige Kindergärten durch ihr Reich, „nur nicht zur Brutzeit“. Ansonsten lädt Gudrun Feser-Pfeifer jeden Interessierten ein, sie im Vorbeigehen anzusprechen.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare