Keine Angst vor Noten mehr

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Eigenständig lernen ist für die Erstklässler normal.

Mühlheim - Wer das Zimmer der Klasse 1a der Brüder-Grimm-Schule (BGS) in Lämmerspiel betritt, dem fällt sofort auf, dass hier etwas anders ist. Von Lena Marie Jörger

Statt ordentlich aufgereiht sitzen die Schüler verstreut im Klassenzimmer – manche sogar auf dem Boden – und bearbeiten in Kleingruppen Aufgaben. Seit vier Jahren läuft an der Grundschule der Modellversuch „Begabungsgerechte Schule“, an dem auch die Goetheschule in Mühlheim sowie die Sonnentauschule und die Waldschule in Obertshausen beteiligt sind. Wissenschaftlich begleitet wird der Versuch von den Universitäten Frankfurt und Heidelberg.

Ziel des Projekts, das von Kreis und Schulamt Offenbach geleitet wird, ist es, herauszufinden, wie lernstarke und lernschwache Kinder gemeinsam unterrichtet werden können. „Wir sortieren Schüler, die besondere Förderung brauchen, nicht mehr aus“, erklärt Birgit Scholl, Leiterin der BGS. Inklusive Pädagogik heißt das im Fachjargon.

In der Praxis bedeutet das, dass jedes Kind in seinem Tempo lernen kann. Dazu gibt es individuelle Lernpläne und unterschiedliche Materialien. „Es gibt aber auch Phasen, in denen alle das gleiche machen“, sagt Scholl. Leise ist es in den Klassenzimmern der BGS aber selten, denn ein Redeverbot gibt es nicht. „Es ist erwünscht, dass die Kinder sich austauschen“, sagt Scholl. So können die stärkeren Schüler den schwächeren helfen.

Lernen ohne Leistungsdruck

Leistungsdruck? An den vier Projektschulen ist das kein Thema mehr, denn: Noten gibt es nicht. Stattdessen wird für jedes Fach ausführlich anhand eines Kompetenzrasters beurteilt, was ein Schüler schon kann und wo es noch hakt. Auch die Schüler haben bei ihrer Beurteilung ein Wörtchen mitzureden, dürfen sich regelmäßig selbst einschätzen. „Einige Eltern waren anfangs skeptisch“, erinnert sich Scholl, „aber mittlerweile wissen sie das neue System zu schätzen.“ Auch Schulsozialarbeiterin Rosemarie Berndt ist von der positiven Wirkung überzeugt: „Die Kinder gehen entspannter in die Schule, weil sie keine Angst vor Noten mehr haben müssen.“ Kontrolliert wird aber trotzdem. In bestimmten Abständen werden Lernstandserhebungen vorgenommen.

Damit der Modellversuch beginnen konnte, musste an der BGS erst einmal umstrukturiert werden. Unter anderem wurden zwei Stellen für Förderschulkräfte sowie eine Stelle für eine Schulsozialarbeiterin geschaffen. Dadurch werden zum einen die Lehrer entlastet. „Sie können sich Hilfe holen und sich mit jemandem austauschen, der das Ganze aus einem anderen Blickwinkel betrachtet“, sagt die stellvertrende Schulleiterin Anja Waldschmidt. Auch die Kinder können so besser unterstützt werden.

Insgesamt ist man in Lämmerspiel mit dem Verlauf des Versuchs zufrieden. „Der Blick auf die Kinder und auf unsere Arbeit hat sich verändert“, verrät Waldschmidt. Für die nächsten zwei Jahre läuft der Versuch deshalb weiter – auch an den anderen drei Projektschulen. Im September wird es noch einmal spannend. Dann wechseln die ersten Schüler der „Begabungsgerechten Schule“ auf eine weiterführende Schule. Dann wird sich zeigen, wie die Jungen und Mädchen zurechtkommen.

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