„Da trennt sich die Spreu vom Weizen“

Dank strenger Hygiene können die SGMD-Schützen trotz Corona ihren Sport ausüben

Ein strenges Hygienesystem macht es möglich, dass die Aktiven der Schützengemeinschaft Mühlheim-Dietesheim trotz Pandemie ihren Sport ausüben können. FOTO: M
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Ein strenges Hygienesystem macht es möglich, dass die Aktiven der Schützengemeinschaft Mühlheim-Dietesheim trotz Pandemie ihren Sport ausüben können.

In die Tiefen des Dietesheimer Waldes, in die Schlucht des Pfaffenbrunnenwegs nahe der Grenze zu Steinheim, dahin sollten sich keine Coronaviren verirren. Dort ist die Schützengemeinschaft Mühlheim-Dietesheim (SGMD) zu Hause, und die Aktiven haben sich ein strenges Hygienesystem auferlegt, um auch trotz Corona ihrem Sport frönen zu können.

Mühlheim - Vorsitzender Thomas Baier und Thomas Westerwald stehen gerade mit Großkaliber-Pistole und Revolver auf der 25-Meter-Anlage. Die Schießplätze sind mit großen Holzrahmen und eingespannter, doppelter Folie voneinander getrennt. Haben sie wie gewohnt konzentriert ihre Patronen auf die Zielscheibe abgefeuert, sichern sie ihr Sportgerät – und ihre Kameraden tragen Masken, desinfizieren ihre Hände und halten Abstand.

„Wir haben schon seit dem 22. Februar wieder geöffnet“, informiert der Vorsitzende. Zuvor wurden die Meisterschaftstermine des Bezirks bekannt gegeben, das Turnier soll Ende April bis Ende Juni laufen. „Wir hoffen, dass wir dann wenigstens wie im vergangenen Sommer mit zehn Personen auf die Anlage dürfen.“ Über die Bezirksmeisterschaft können sich die Sieger für die „Deutsche“ im September qualifizieren. „Der Wettbewerb auf Landesebene ist ausgesetzt, weil kein Starterfeld mit 60 Aktiven mehr denkbar ist“, erläutert Baier. „Höchstens ein Drittel, aber das steht alles auf der Kippe.“

2020 begann der Lockdown mitten in den Meisterschaften, die daraufhin abgesagt worden sind. Im zweiten Corona-Jahr stehen die Mitglieder vor einem neuen Dilemma: „Wir konnten uns bislang nur acht Wochen auf die Saison vorbereiten, das ist knapp.“ Sportschützen müssen mindestens 18 Trainingstermine verteilt aufs Jahr nachweisen. Können sie das bei einer Überprüfung nicht, müssen sie ihre Waffe abgeben. „Das gilt in der Pandemie aber nicht“, stellt der Sprecher die Ergebnisse der Verhandlungen des Hessischen Schützenverbands mit den Behörden vor.

Baier beobachtet insgesamt weniger Interessierte auf den Ständen. „Aber Leute mit Ambitionen sind da“, und das seien bei der SGMD 90 Prozent. Der Mühlheimer Verein verfüge über große Kapazitäten und sei einer der ersten und ganz wenigen in der Region, die ein Konzept erarbeitet und umgesetzt haben. „Die allermeisten Schützenhäuser haben geschlossen, weil es zu aufwendig ist, individuelle Hygienepläne einzuführen.“

„Das muss ein Verein wollen“, resümiert Thomas Westerwald nach einem Jahr, „da trennt sich die Spreu vom Weizen“. Auf dem Gelände hinter den Steinbrüchen haben sie früh eine „Task Force Corona“ gegründet mit Arzt, Chemiker, Sicherheitsfachkraft und zwei weiteren Fachleuten aus den eigenen Reihen.

Sie haben auf der Internet-Seite eine Liste mit Zeitfenstern installiert, auf der Trainingseinheiten gebucht werden können. Das Führen einer Anwesenheitsliste ist für die Sportler kein Problem, „bei uns ist schon immer eine Schießkladde Pflicht, und da steht nie Micky Mouse oder Cinderella drauf“, unterstreicht der Leiter. Das erste Konzept wurde „von Lockerung zu Schließung“ angepasst. „Du musst alles auf Papier bringen“, berichtet Baier aus Erfahrung.

„Anfangs waren wir unsicher, aber es hat vom erstem Tag an funktioniert.“ Klar, Essen und Trinken geht nicht. „Die Küche bringt seit einem Jahr keine Einnahmen mehr, unser Minus beträgt rund 15 000 Euro. Und Zuschüsse bekommen wir nicht, weil wir noch nicht existenzbedroht sind.“

Der Vorsitzende spürt: „Der Kontakt nach dem Schießen fehlt auch bei uns.“ Zwischenzeitlich haben sie ein Video-Treffen zur Unterhaltung anberaumt, pflegen die Kommunikation über eine Whats-App-Gruppe. Trotzdem, „die üblichen 15 Mitglieder pro Jahr gehen verloren“, auch durch Tod. Wegen der Corona-Einschränkungen sei jedoch niemand gegangen. „Aber es lassen sich auch keine neuen Mitglieder gewinnen, dem Kassierer fehlen Aufnahmegebühr und Mitgliedsbeiträge.“

Sonst haben sie das Vereinsheim sechs Tage für Meisterschaften an den Landesverband vermietet. Dann bringen Banner von Sponsoren Werbeeinnahmen. Der Wirt vermisst zudem die Einnahmen durch Kameraden eingemieteter Vereine. „Das erste Jahr haben wir überstanden, aber jetzt?“ Baier bringt Privatdarlehen und Spenden von Mitgliedern ins Spiel. „Egal, wie wir zu der Situation stehen – die Disziplin ist da“, lobt der Chef seine Truppe. (Von Michael Prochnow)

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