Sichtungen sorgen für Meinungsverschiedenheiten

Darf der Biber bleiben oder muss er umziehen?

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Seit einigen Wochen bekanntes Phänomen, neues Foto: Helge Nyncke hat beim Gang an den Hennigweg Dienstag dieser Woche draufgedrückt.

Mühlheim - Gesehen hat ihn noch niemand, ein Phantom ist er trotzdem nicht: Der Biber, dessen Spuren der Mühlheimer Helge Nyncke vor Wochen an der renaturierten Rodau am Hennigweg entdeckt hat, ist noch da. Das ist nicht per se ein Problem. Von Marcus Reinsch 

Aber Anlass für eine Meinungsverschiedenheit in der Frage, was nun zu tun ist. Ein Biber hat kein Zeitungsabo. Und hätte er eins, würde er sich wohl nicht dafür interessieren, was über ihn geschrieben wird. Sollte er aber vielleicht lieber. Immerhin geht es bei der Meinungsverschiedenheit, die Helge Nyncke und die Gruppe Mühlheim/Offenbach des Naturschutzbundes (BUND) gerade per Mail-Ping-Pong öffentlich austragen, um nicht weniger als die Frage, ob der seltene Nager an der renaturierten Rodau am Hennigweg bleiben darf oder doch umgesiedelt werden muss.

Für den Kreativitätspädagogen Nyncke, der im Dezember erstmals auf eindeutige Spuren des in Deutschland mal fast ausgerotteten Tiers gestoßen war (wir berichteten), ist die Sache klar: „Meiner Meinung nach muss der Biber so schnell wie möglich eingefangen und an passender Stelle anderenorts wieder ausgewildert werden“, schreibt er. Und zur Vermeidung weiterer Besiedelungsaktionen empfehle er auch, „unter der Bahnunterführung quer über die Rodau ein Sperrwehr gegen Biber einzubauen“.

Nach weiteren Besuchen vor Ort sieht Nyncke seine damalige Befürchtung, „dass der gesamte in den letzten Jahren dort angesiedelte Baumbestand rettungslos vernichtet werden wird“, bestätigt. Sein Foto von Dienstag dieser Woche veranschaulicht vor dem Hintergrund des Spielplatzes am Hennigweg und der angrenzenden Häuser, dass „der Baum, der in den Weihnachtstagen 2016 nur angenagt wurde, inzwischen ganz gefällt im Wasser liegt“. Außerdem zeigten sich neue Spuren an diversen dünneren Gehölzen; „die ganze Situation erscheint dringender entscheidungsbedürftig als zuvor, da sich der Besucher wohl dauerhaft einzurichten scheint“.

Ein Interessenskonflikt, zu dem Christian Engel als Mühlheimer BUND-Vorsitzender die Sicht seiner Gemeinschaft beiträgt. Er sagt: „Ich renaturiere Flächen oder Bachläufe doch gerade, um sie der Natur und den darin befindlichen Tieren wieder zur Verfügung zu stellen.“ Nyncke empfiehlt er, „besser noch einmal genau nachlesen, bevor er etwas in den Raum stellt, was von keinem Fachmann bestätigt werden kann“. Die Behauptung, die Biodiversität in so einem kleinen abgegrenzten Naturraum könne gegen die Zerstörungskraft von Bibern keinesfalls bestehen, bezeichnet er als abwegig. Die „eindrucksvolle Schadensbilanz“, von der Nycke bereits im Dezember gesprochen hatte, sei keineswegs eindrucksvoll.

Auch Nyckes Feststellungen zu den Stichworten Dammbau und Überflutung des Hennigweges könne er „nicht wirklich folgen. Denn zum einen gebe es im fraglichen Bereich Überflutungsflächen. Und Spielplatz und Hennigweg lägen etwa 0,7 Meter erhöht, „sonst hätte es auch in den letzten Jahren bei Hochwasser schon Überschwemmungen gegeben“. Zum anderen baue ein Biber „einen Damm wo mindestens 0,5 Meter Wasserhöhe vorhanden sind, in diesem Bereich der Rodau sind es aber nur zirka 0,3 Meter.“

So hatte auf Anfrage auch die Stadt, die die Situation im Auge behalten will, schon argumentiert. Nun haben sich die Beobachter Gesprächsangebote unterbreitet. Die Meinungsverschiedenheiten, meint Nycke, sollten „nicht mit Extrempositionen so weit polarisiert werden, dass eine konstruktive Auseinandersetzung kaum noch möglich erscheint“. Es müsse „schlicht darum gehen, welche Art von Biodiversität in diesem konkreten Fall auf dieser Fläche angemessen und sinnvoll beziehungsweise schützenswert erscheint“. Für ihn sei klar, dass die Bäume „zurzeit noch mit ihren Wurzeln Uferbereiche und Inseln stabilisieren, die dann einer verstärkten Wassererosion ausgesetzt sein werden“. Durch den Wegfall einer ganzen Baumgeneration würden potentielle Nist- und Sitzplätze und Nahrungsquellen für Vögel, Sauerstofflieferanten, Luf- und Feinstofffilter, Klimaverbesserer sowie landschaftliche Strukturelemente vernichtet.

Auf Biber-Safari in der Eifel

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