Das etwas andere Reisebüro

Mit dem Kunstprojekt „Reissaus“ lässt sich die Stadt neu entdecken

Mit bunten Plakaten macht Lars Moritz auf das ungewöhnliche Programm aufmerksam.
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Mit bunten Plakaten macht Lars Moritz auf das ungewöhnliche Programm aufmerksam.

Mitten in der Pandemie ein Reisebüro eröffnen? – ein gewagtes Unterfangen. Doch um Gewinn geht es den Machern der Reissaus Travel Agency auch gar nicht. Und auch nicht um All-Inclusive-Buffets, Kreuzfahrtschiffe oder Abenteuertouren durch den brasilianischen Regenwald. Lars Moritz und einige Gastkünstler wollen – ganz konform mit der Pandemie-Politik – den Mühlheimern neue Perspektiven auf ihre Heimatstadt eröffnen.

Mühlheim – Ausgangspunkt für die verwegene Idee, mit mehr Fantasie statt mit Fliegern zu verreisen, ist eine ehemalige Druckerei im Herzen der Bahnhofstraße. „Angeblich das älteste erhaltene Ladenlokal“, haben sie dem Künstler mit Wurzeln in der Mühlenstadt erzählt. Der hat seine Wirkungsstätte mithilfe von befreundeten Architektinnen aus Wien mit feinem Sand in einen Sehnsuchtsstrand verwandelt, aus dem Kamerastative statt Sonnenschirmstangen ragen.

Von dort geht’s auf Safari zur Insel des tanzenden Walross’, per Zeitreise in die Zukunft Mühlheims, auf Schatzsuche oder sogar auf eine Weltreise – „in 72 Tagen, schneller als Jules Verne“. Bunte Plakate an der Wand werben für die Angebote, darunter auch Fahrten auf eigene Faust, ideal für Familien oder kleine Gruppen.

Die „Kollegin“ vom nahen Reisebüro hat er schon kennengelernt, erzählt der 46-Jährige. Aber sie sieht in Spurensuche, Gehweg-Golf und Menschen in Tierkostümen keine Konkurrenz. Denn er erfindet Geschichten, nutzt aber auch die Erkenntnisse des Geschichtsvereins, markiert den Weg zum Wasserturm mit markanten Fenstersimsen und Figuren. „Es gibt viel zu entdecken“, stellt der Reiseleiter fest und und lädt mithilfe der Stadtwerke ein, die Sehenswürdigkeiten der Stadt aus prädestinierter Position zu genießen. Viele Ziele liegen in den Steinbrüchen, zum Konzept gehört aber auch, mit neugierigen Passanten im oder vorm Laden „einfach zu quatschen“. Denn bei Reissaus „redet man mit echten Leuten“, und das ist im Zeitalter der Hotlines nicht unbedingt üblich.

Pärchen dürfte das Evening Entertainment zusagen: Sie werden vom örtlichen Taxiunternehmen abgeholt, zu einem klassischen Konzert mit ausgesuchten Solisten und zum feinen Dinieren geführt. Oder verbringen einen Tag mit Room Service, werden in ein Hotel einquartiert und mit allen Annehmlichkeiten des Hauses verwöhnt. „Bezahlt wird, was es einem wert war“, lautet die wohlklingende Alternative von Moritz zur Rechnung.

Lars Moritz hat in Frankfurt Theater-, Film- und Medienwissenschaften studiert, arbeitete in Wien, wo er auch seine Frau kennenlernte. Mit seiner Familie zog es ihn zurück nach Mühlheim, wo er Anfang des Jahres die „Geschäfts-Idee“ entwickelte. „Mit der Reissaus Travel Agency ist ein Ort geschaffen, um Kunst live zu erleben“, fasst Moritz zusammen, „vor allem ein Ort, der den Alltag Mühlheims bereichern soll“. Es gelte, „das Reisen mit den Mitteln der Kunst neu zu entdecken“. Das Projekt wird vom Bund gefördert und von der Stadt unterstützt. (Von Michael Prochnow)

Infos: reissaus.org

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