Dietesheimer mit Liebe zum Detail

Mühlheimer Kalligraf Michael Pieroth macht auch in Schnaps

Die Etiketten für seinen Schnaps hat Kalligraf Michael Pieroth mit viel Zeit und Liebe selbst gestaltet.
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Die Etiketten für seinen Schnaps hat Kalligraf Michael Pieroth mit viel Zeit und Liebe selbst gestaltet.

Ob Schreibkünstler oder Schnapsverkäufer – auf die Konzentration kommt’s an. Michael Pieroth muss es wissen, der Dietesheimer versteht sich auf beiden Feldern, mit Federn und mit Flaschen. Als Kalligraf gestaltet er sowohl das Etikett für seinen Brückenmühlen-Schnaps als auch Einträge in den Goldenen Büchern der Städte Frankfurt und Hanau. Seine Erfahrung vermittelt der Dietesheimer in eigenen Druckwerken sowie in Kursen.

Mühlheim – Ein altes Emailleschild im schmalen Treppenhaus weist auf die einstige Nutzung der Räume mit den niedrigen Decken hin. „Das war der Kolonialwarenladen meiner Oma“, präsentiert der kreative Kopf sein Reich direkt gegenüber der Gustav-Adolf-Kirche. Statt durch Obst- und Getränkekisten muss der Gast sich jetzt zwischen Bücherstapeln und Zeichenmappen den Weg zum hölzernen Schreibtisch bahnen. Ihn zieren unzählige Tiegel mit Tinte in verschiedenen Farben. Auf der Fensterbank daneben ragen Federn aus Gläsern empor. Dutzende der feinen Schreibwerkzeuge bewahrt er in Halterungen an Tüchern auf. Viele stammen von Flohmärkten oder aus dem Ausland.

Sein Berufsleben bot ihm wenig Kunstvolles. Er begann mit einer Metall-Ausbildung, sattelte um auf Fernmeldetechnicker bei Telefonbau und Normalbau in Frankfurt, für die er schließlich als Wartungsgruppenleiter im Kundendienst unterwegs war. „Ich habe fast nur nachts geschafft“, erzählt er, habe Telefonanlagen von 1000 auf 2000 Teilnehmer erweitert. Darüber musste der Elektrotechniker Berichte verfassen.

Bei Karlgeorg Hoefer Schriftkunst gelernt

Diese Aufgabe hat sein Talent offenbart. 1984 belegte er in der Volkshochschule (VHS) Mühlheim einen ersten Kalligrafiekurs, von 1985 bis 2000 besuchte er Abendkurse in der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. „Verbessern sie ihre Handschrift“, lud Professor Karlgeorg Hoefer ein und unterrichtete die „Deutsche Schrift“. Über ihn ist Pieroth an Meister der Schriftkunst gelangt, beherrscht heute auch historische Formen wie Englische Schreibschrift, Italic, Fractur und Humanistische Antiqua.

Kunst und Kenntnisse gab er seit 1999 in der Zeichenakademie und im Geschichtsverein Hanau weiter. Auch in der VHS Obertshausen, im Hessenpark und im Bildungshaus Hösbach-Schmerlenbach leitete er Lehrgänge und organisierte mit Kollegen und Schülern Ausstellungen. Mit seinen Federn hat er das russische Märchen „Jelena, die Weise“ geschrieben, auch die Bilder geschaffen und das Buchbinden übernommen. Die 20 Exemplare sind freilich längst ausverkauft. 1996 gelangte das Werk in die engere Auswahl zum „schönsten Buch“. Der Text neben dem langen Zopf von „Rapunzel“ ist ausklappbar. „Rumpelstilzchen“ entstand im Offset-Andruckverfahren und im Zweifarbdruck, rot und blau. 35 von 90 Büchern hat Michael Pieroth handkoloriert, unterschiedliches Papier für Schrift und Zeichnungen verwendet. Für die Seiten-Kanten mit „Mäusefraß“ hat er 3000 Seiten gerissen, „dann war mein Fingernagel fort“. Für einen Band mit Widmung hat die Druckerei die Bindung übernommen.

Aus rund zwei Dutzend Apfelsorten und aus Zwetschgen lässt der Senior regelmäßig in der Abfindungsbrennerei Reinheim Schnaps herstellen. 2016 überließ ihm die Stadt eine üppige Pflaumenernte von der Rodauinsel vor der Mühle. Aus der Maische entstanden fünf Liter Mühlheimer Brückenmühl-Schnaps. Die Flaschen versah Pieroth dekorativ mit Schlupp, Plissee-Röckchen, Siegel – und dem Titel „Brückenmühlen Schnaps“ in Schönschrift und mit Mühlenrad. (Michael Prochnow)

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