Krawatte auf Halbmast

+
Karl-Christian Schelzke

Mühlheim - Ein Sozialdemokrat, das natürlich. Als Genosse ein Gewerkschaftsfreund, das auch. Aber Mühlheims ehemaliger Bürgermeister, ein Ex-Kommunist mit Erfahrung an der ideologischen Revoluzzer-Front, der abgeschworen hat? Von Stefan Mangold

Karl-Christian Schelzke ist immer für eine Überraschung gut. Und ein Ein-Mann-Erzählcafé ist er obendrein.

Eins im edlen Zwirn. Viele, die nicht wissen, welches Parteibuch in seinem Revers steckt, „halten mich für ein Mitglied der CDU“. Was Schelzke überhaupt nicht wundert. Der geschäftsführende Direktor des Hessischen Städte- und Gemeindebundes und Ex-Verwaltungschef gibt sich bei seiner Textilwahl nie eine Blöße. Das Haus verlässt er stets im Anzug und mit einer Krawatte, die ganz bestimmt nicht auf Halbmast hängt, „was mir bei Leuten aus meiner eigenen Partei oft aufstößt“.

„Volkszeitung hatte mieses Niveau“

Den Mann, der einen konservativ anmutenden Habitus pflegt, verbindet mit Winfried Kretschmann, dem Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, und Ulla Schmidt, einst Gesundheitsministerin, eine gemeinsame politische Vergangenheit. Alle waren sie mal Mitglieder im Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) oder deren Sympathisanten - wie Schelzke. „Aber über diesen Status bin ich nie hinaus gekommen“. Der längst aufgelöste KBW war keine Partei, die Mitglieder so locker aufnahm wie ein Sportverein. „Man musste sich lange bewähren, etwa Exemplare der Kommunistischen Volkszeitung verkaufen“, das Zentralorgan der Organisation. Wozu sich der Student der Rechtswissenschaften aber nie groß motivieren konnte, „die Zeitung hatte ein mieses Niveau“.

„Wer mit 19 kein Revolutionär ist, hat kein Herz. Wer mit 40 noch einer ist, keinen Verstand.“ Natürlich kennt Schelzke das Zitat von Theodor Fontane und seine Variationen. Sein politisches Engagement sei jedoch keineswegs nur eine Sache der Herzens gewesen, „das hatte sehr wohl etwas mit dem Verstand zu tun“.

Beeinflusst von Hegel und Marx

Auf der Musterschule in Frankfurt war Schelzke stellvertretender Schulsprecher und Mitglied im Unabhängigen Schülerbund (USB). „Wir organisierten Randale, die vollkommen berechtigt waren.“ Auf dem Gymnasium habe „im Sinne der Anpassung schwarze Pädagogik geherrscht. Wer längere Haare trug, dem drohte Rausschmiss“. Während der Auseinandersetzungen um die Notstandsgesetze sei ihm aufgefallen, „wie sich die konservativen Lehrer duckten und keiner Diskussion stellten. Deren autoritäres Auftreten stand auf tönernen Füßen“. Später studierte er neben Jura in Frankfurt auch Philosophie, beschäftigte sich mit Hegels Weltgeist und las „Das Kapital“ von Marx, „dessen ökonomische Analyse mir heute noch einleuchtet“.

In den Siebzigern konkurrierten mehrere Gruppen, die sich kommunistisch nannten. Die DKP bevorzugte den Sozialismus Moskauer Spielart, der KBW den chinesischen Weg. „Natürlich besaß ich eine Mao-Bibel“, erinnert sich Schelzke, damals Mitglied der „Gesellschaft zur Unterstützung der Volkskämpfe“. So nannte sich die Truppe der intellektuellen KBW-Sympathisanten. Relativ schnell sei ihm jedoch aufgefallen, „dass die proletarische Attitüde aufgesetzt war. Das waren Kinder der Bourgeoisie“.

Demokratie ist schlecht - aber es gibt nichts besseres

Wer Schelzke heute erlebt, den wundert es nicht, dass der frühere Oberstaatsanwalt zum KBW tendierte statt zur DKP. „Mich interessierte am Marxismus die Theorie. China lag weit weg.“ Er habe DKP-Mitglieder gekannt, „die verbreiteten eine kleinbürgerliche Atmosphäre“. Schelzke wirkt wie ein Bonvivant, jemand, der einen guten Wein von einem Fusel unterscheiden kann. Es hätte nicht zu dem kunstsinnigen Juristen gepasst, dem staubigen Muff des realen Sozialismus aus der Nachbarschaft das Wort zu reden.

Seine frühere Nähe zum Maoismus ist Schelzke nicht peinlich. „Ich habe früh gelernt, dass man Realität nur als Realist verändert, dass Demokratie zwar die schlechteste Regierungsform ist, wir aber keine bessere kennen.“ Es sei absolut spannend, im Nachhinein zu beobachten, „wie die Gedankenwelt sich immer wieder wandelt“. Als braves Mitglied in der CDU hätte er bestimmte Kreise nie kennen gelernt, daran glaube er. „Und das sind eben Lebenserfahrungen, die ich nicht missen möchte“.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare