Ehrenamtliche berichten im Erzählcafé

Mit Benz zum Lebensladen

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Thomas Weikert (rechts) erzählt Karl-Heinz Stier, das Kontakt-Werk werde besser angenommen, als man gehofft hatte.

Mühlheim - Ohne freiwillige Helfer würde die Gesellschaft in weiten Teilen nicht funktionieren. Jüngst hat Madalina Draghici vom Referat Ehrenamt der Stadt zum Erzählcafé ins Kontakt-Werk eingeladen. Von Stefan Mangold 

Karl-Heinz Stier, Vorsitzender des Geschichtsvereins, befragte Mühlheimer, die sich ehrenamtlich um Bedürfnisse von Mitbürgern kümmern. Als Karl-Heinz Stier von Christina Richter wissen möchte, unter welchen Umständen sie ihr Engagement im Lebensladen aufgäbe, antwortet sie ohne zu zögern: „Wenn es mir keinen Spaß mehr macht“. Das ist einer der Unterschiede zwischen ehrenamtlicher und Erwerbsarbeit, die nur die wenigsten an den Nagel hängen können, wenn die Lust vergeht. Richter erzählt beim Erzählcafé des Kontakt-Werks von den 80 Mitarbeitern des Lebensladens, in dem einmal die Woche bedürftige Mühlheimer für ganz kleines Geld Lebensmittel einkaufen können, „gegen Vorlage eines Nachweises“. Die Regel kam dann, als auch pathologische Geizhälse den Lebensladen für sich entdeckten, „da fuhren welche im Mercedes vor“.

So mancher unter den vielen Zuhörern dürfte denken, „das könnte ich nicht“, als Patrizia Blazevic und Gertrud Zieringer von ihrer Arbeit für die Hospizgemeinschaft Mühlheim berichten. Die beiden kümmern sich um Sterbende und Hinterbliebene, etwa um trauernde Kinder, denen plötzlich ein Elternteil fehlt. „Letztlich agieren wir wie Seelsorger“, berichtet Zieringer, „auch wir bekommen Erlebnisse anvertraut, die wir für immer für uns behalten“.

Karin Birkner kümmert sich für „Herbstzeitlose“ einmal in der Woche im Gebäude der Awo um Demenzkranke, ebenfalls kein Ehrenamt, um das sich viele reißen. Der Umgang mit Menschen, die einem eventuell bereits nach einem kurzen Gang zur Toilette wieder vergessen haben, ist nicht jedermanns Sache. Wichtig sei es, sich in jedem Moment respektvoll zu verhalten. Ein Satz wie, „das habe ich ihnen doch gerade erklärt“, sei generell deplatziert. Es komme vor allem darauf an, den Betroffenen zuzuhören, sich etwa die Namen von Kindern und Enkeln zu merken, um nach ihnen zu fragen.

Über Jahre war Ilse Müller ein prominentes Gesicht auf den Frankfurter Märkten an der Börse und am Bornheimer Uhrtürmchen, wo sie am eigenen Stand Brot verkaufte. Als Rentnerin kümmert sie sich zusammen mit ihrem Gatten Otto Wagner um eine Kleinkindergruppe in der Flüchtlingsunterkunft an der Borsigstraße. Dadurch entstünden auch Kontakte zu den Eltern, die Müller bei Alltagsproblemen unterstützt, wenn es etwa um den Kontakt zu Behörden geht. Kein Engagement, das bei allen Begeisterung auslöst: „Manche wirken, als hätten sie gerade das achte Weltwunder gesehen, wenn ich erzähle, was ich mache.“ Die meisten hätten ohnehin keine Ahnung, mit was sich Flüchtlinge alles auseinandersetzen müssten.

Von Unkenntnis kann wohl auch Ingrid Till vom Mühlheimer Frauenbündnis ein Lied singen. Davon, dass viele Männer sich in die Situation von Müttern nicht hineindenken können, die es nicht schaffen, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bringen. Till erzählt von Akademikerinnen, denen am Ende die Altersarmut droht, weil sie aus dem Berufsleben fallen. „Ein typisch deutsches Problem.“

Im Publikum sitzen etliche Mühlheimer, die Karl-Heinz Stier ebenfalls befragen könnte, unter anderem Peter Mayer, nicht nur beim Umweltstammtisch aktiv, oder Eleonore Blöcher, bekanntes Gesicht der Flüchtlingshilfe, die sich auch um die Sachspendenausgabe im gleichen Haus kümmert. Anneliese Wald hilft bei der Fahrradreparatur. Zum Schluss sitzt Thomas Weikert vom Kontakt-Werk mit Stier auf der Couch. Er berät Leute, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Weikert zeigt sich freudig überrascht, „wie sehr die Mühlheimer das Kontakt-Werk angenommen haben“.

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