„Eigentlich wollte ich zum Hörfunk“

Mühlheimer Journalist und Kommunalpolitiker Karl-Heinz Stier feiert heute seinen 80. Geburtstag

Jubilar Karl-Heinz Stier feiert seinen 80. Geburtstag heute auch mit der Berner Sennenhündin Frieda. FOTO: M
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Jubilar Karl-Heinz Stier feiert seinen 80. Geburtstag heute auch mit der Berner Sennenhündin Frieda.

60 Meter. Auf dieser Distanz kann viel geschehen. Man kann seine Meinung ändern oder umkehren. 60 Meter, das ist die Entfernung vom Gartentor bis zur Haustür von Karl-Heinz Stier. Er kommt seinem Gast entgegen, öffnet das Tor und begleitet ihn, so wie er das fast immer tut. Zu seinem 80. Geburtstag heute wird er die 60 Meter nur selten gehen, Corona ist schuld. Aber zahllose Glückwünsche werden den engagierten Journalisten trotzdem erreichen.

Mühlheim – Er ist nicht umgekehrt auf seinem Weg, der ihm Bekanntheit im ganzen Hessenland eingebracht hat. Dabei begann seine Karriere mit schmutziger Wäsche. 1943 prägte das Kriegskind wie das Nachbarhaus in der Geleitstraße ausgebombt wurde. Später war er Zeuge, wie die Fähre versenkt wurde und fuhr fortan mit einem mulmigen Gefühl über den Main. Der Vater war Weißbinder und Färber, begann, amerikanische Militärmäntel umzufärben, die Mutter war Näherin. Die Eltern eröffneten erst in Dörnigheim, dann daheim in Dietesheim eine Wäscherei.

Sohn Karl-Heinz hat dort viel geholfen, Hotelwäsche ausgefahren und geschleppt. Das Abitur hat er an der Rudolf-Koch-Schule in Offenbach gemacht, wollte Lehrer werden und studierte Soziologie. Der Besuch mit seinen Jusos bei dieser Zeitung war dem Vorsitzenden Wegbereiter zum Frager, Zuhörer, Schreiber, Sprecher. Er startete als freier Mitarbeiter, wurde nach Steinheim und Obertshausen geschickt, nahm aber nie Aufträge in seiner Heimatstadt an, betont der Jubilar.

Neben dem Studium an der Journalistenschule in München absolvierte er ein Praktikum beim Mannheimer Morgen, ging schließlich zum Hessischen Rundfunk. „Eigentlich wollte ich zum Hörfunk“, verrät er lächelnd. Aber der Chefredakteur, „ein bissiger Kommentator“, hat ihn ins Fernsehen geschickt. Stier sollte ein Studio in Mittelhessen aufbauen.

Als Reporter der Hessenschau lieferte er Nachrichtenbeiträge aus Limburg, Marburg, Gießen oder Fulda. Nächste Stationen auf seinem Weg: landespolitischer Korrespondent in Wiesbaden mit Hans-Joachim Rauschenbach aus Nieder-Roden, dann Redakteur der Hessenschau in Frankfurt.

„Das Regionale lag im Argen“

Als Chef vom Dienst war er zehn Jahre verantwortlich für die Nachrichtensendung und für die Ausbildung des Nachwuchses. Stier war aber längst nicht am Ziel seines Weges angekommen, er wollte „etwas Eigenes“ machen. Der HR produzierte große Unterhaltungssendungen und politischen Sendungen, „aber das Regionale lag im Argen“.

300-mal war Karl-Heinz Stier mit Barbara Siehl und Frank Lehmann mit „Hessen 3 unterwegs“. Mit „Hessen à la carte“ stellte er Brauchtum, Landschaften und Rezepte vor, eine der ersten Kochsendungen in der ARD war geboren. „Handkäs’ mit Musik“ hat er wörtlich genommen, lud Schlagersänger ein und ließ den Silbereisen Akkordeon spielen. Zudem kommentierte er die Hessentags-Festzüge.

„Alles war sehr publikumsnah“, erklärt er das Erfolgsrezept, „ich hatte alles von der Idee bis zur Ausführung in der Hand. Ein Studium allein hilft da nicht“. Auch im Erzählcafé in der Mühlenstadt lässt der Vorsitzende Zeitzeugen zu Wort kommen, verdreifachte die Mitgliederzahl des Geschichtsvereins. Er gründete den Weinanbau auf dem Gailenberg, kultiviert selbst Riesling auf dem Herrenberg in Groß-Umstadt, hat kulinarische und historische Bücher geschrieben und war 2001 mit Kollegin Michaele Scherenberg Frankfurter Fastnachtsprinz. Als dienstältester Kommunalpolitiker ist der jetzige Stadtrat seit 1968 für die SPD aktiv, auch im Kreistag. „Aber beruflich wollte ich nie Politik machen.“

Er wurde vielfach geehrt: Karl-Heinz Stier erhielt für sein ehrenamtliches Wirken den Hessischen Verdienstorden, die silberne Ehrenplakette der Stadt Mühlheim, die Johann-Gottfried-Frey-Medaille des Städte- und Gemeindebunds, den Steinfurter Rosenring, den Lauterbacher Ehrenstrolch und weitere Auszeichnungen. (Michael Prochnow)

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