Andreas Stenger, einer der letzten noch lebenden ersten Siedler, erinnert sich

Ein Leben in der Roten-Warte in Mühlheim

Erinnerungen: Andreas Stenger zeigt umringt von Franz-Dieter und Bärbel Buchheimer einen Bildband mit vielen Eindrücken aus der Rote-Warte-Siedlung.
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Erinnerungen: Andreas Stenger zeigt umringt von Franz-Dieter und Bärbel Buchheimer einen Bildband mit vielen Eindrücken aus der Rote-Warte-Siedlung.

1935 legten elf Siedler den Grundstein für die Rote-Warte-Siedlung. Andreas Stenger ist einer der letzten Zeitzeugen der frühen Besiedlung im Westen Mühlheims. Der 95-Jährige kam allerdings erst 1936 als junger Bub mit seiner Familie im zweiten Bauabschnitt in das Gebiet.

Mühlheim – Die Idee hinter der aufgrund des Reichsheimstättengesetzes aus der Weimarer Republik entstandenen Siedlung war, Bürger aus der Stadt in ländliche Gebiete zu bewegen – so wie die Stengers, die am 1. Oktober 1936 von Frankfurt-Bockenheim nach Mühlheim kamen. „Als wir eingezogen sind, war noch nichts verputzt“, erinnert sich Andreas Stenger an den Rohbau „Am letzten Busch“. Es fehlten noch Kanal, Abfluss und eine feste Straßendecke.

Damit niemand der ersten elf Siedler pfuschte, gab der öffentliche Träger 1935 erst bekannt, wer nach einem Losverfahren welche Immobilie in der Roten Warte bekam, als der Rohbau stand. Im Konzept des Reichsheimstättengesetzes war eine Selbstversorgung für die Neubürger vorgesehen und die Bereitschaft, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben, Voraussetzung für die Zuweisung eines Grundstücks.

Für den jungen Andreas Stenger war es ein Eldorado. Er erinnert sich an das große Grundstück, die vielen Tiere – Ziegen, Schafe, Hühner, Hunde, Katzen oder Brieftauben. Und an das damals noch karg besiedelte Gebiet: „An der Mühlheimer Straße war Wald, wir haben als Kinder viel im Wald gespielt“. Die Alteingesessenen allerdings schauten mit Skepsis auf die Neuen: „Wir waren Eingeplackte – es hat eine Weile gedauert, bis die Mühlheimer die Siedler akzeptiert haben“, erinnert sich Stenger. Dafür bildete sich in dem 62 000 Quadratmeter großen Quartier, das bald 58 Häuser umfasste, ein großer Zusammenhalt, der noch heute gelebt wird.

Bereits 1936 gründete sich die Siedlergemeinschaft, Andreas Stengers Mutter Anna gehörte der Frauengruppe der Gemeinschaft an. Eine Mitgliedschaft galt für eine ganze Familie. Gut für die Stengers, denn da lebten mit dem Großvater drei Generationen unter einem Dach. Als Vater Heinrich 1962 starb, übernahm Familienoberhaupt Andreas Stenger die Mitgliedschaft in der Siedlergemeinschaft.

Mittelpunkt der 1953 als „beste Kleinsiedlung in Hessen“ ausgezeichneten Roten Warte war ab 1954 das Siedlergemeinschaftshaus, das anfangs immer vier Wochen im Wechsel eine andere Siedlerfamilie bewirtete. So gab es stets recht unterschiedliche Gerichte. Andreas Stenger engagierte sich in der Gemeinschaft, hatte lange das Amt des stellvertretenden Kassierers inne und war auch in der Gesangsgruppe bis 1995 aktiv. „Der Nachbarschaftsgeist war unheimlich groß“, sagt Stenger. Er erinnert sich gerne an die Geselligkeit der Siedler, die schönen Feste. Etwa an Weihnachten, wenn Märchen von der Theatergruppe aufgeführt wurden. Oder an den alljährlichen Wäldchestag, an dem alle Häuser prunkvoll geschmückt wurden und sich Festzüge durch die Rote Warte schlängelten. Oder an Fastnachtsbälle, die bis zum Morgengrauen andauerten.

Stenger kennt aber auch die dunklen Zeiten. Am 11. Dezember 1944 zerstörten 75 Bomben die Rote-Warte-Siedlung erheblich, acht Menschen starben bei den Angriffen. Da war Stenger, 1944 in die Wehrmacht eingezogen, an der Front in der Normandie. Und wurde am D-Day schwer verletzt. Er kehrte in die zerstörte Siedlung zurück und half beim Wiederaufbau, „im Rahmen meiner Möglichkeiten, wie ich konnte“. „Die Menschen haben das Leid geteilt“, sagt Andreas Stenger rückblickend.

Seiner erlernten Arbeit als Maschinenschlosser nachzugehen, war ihm aufgrund der zertrümmerten linken Hand nicht mehr möglich. Stenger machte aus der „Not heraus“ 1949 einen Seifenfachhandel auf, heiratete 1951 in der Friedenskirche seine Susanne. Eine Autopanne der Braut auf dem Weg in die Kirche hat den Pfarrer ganz schön nervös werden lassen, blickt Stenger zurück und lacht. Das Seifengeschäft lief gut, seine 2003 verstorbene Frau Susanne leitete den kleinen Zimmer-Laden und nahm Bestellungen an, die ihr Mann dann mit einem Lastenmoped bei Wind und Wetter nach Mühlheim oder Dietesheim brachte. „Bei Schnee haben sich die Menschen gewundert, dass ich ausliefere“, sagt Stenger und muss schmunzeln. „Ich war bekannt in der Stadt.“ Groß- und Supermärkte haben Stenger nach 20 Jahren allerdings zum Umdenken gezwungen, „der Markt für einen kleinen Seifenhandel war einfach nicht mehr da“. Er orientierte sich um und arbeitete von 1969 an bis zu seiner Rente bei der Commerzbank in Frankfurt. Seine Frau Susanne kochte in den 1970er-Jahren den Mittagstisch im Siedlerhaus.

In der Rote-Warte-Siedlung lebt er bis heute, zusammen mit seiner Tochter Bärbel und Schwiegersohn Franz-Dieter Buchheimer, der aus Offenbach 1976 eingeplackt wurde und seit rund sieben Jahren Vorsitzender der Siedlergemeinschaft ist. Tochter Bärbel Buchheimer sagt, sie würde „nie aus der Siedlung wegziehen“.

Dabei ist die Situation aktuell wie für alle Menschen nicht die einfachste. Die Corona-Pandemie schränkt geselliges Leben ein. „Die Menschen eng zusammenzuführen und die Siedlergemeinschaft in der Gemeinde wieder aufleben zu lassen“, sei sein oberstes Ziel als Vorsitzender, sagt Franz-Dieter Buchheimer. Momentan ist das schwierig, obwohl sich die Nachbarn von Anfang an auch während des Lockdowns mit Hilfsangeboten unterstützen. Und kommendes Jahr wollen die Siedler eigentlich feiern. Ganz so, wie es Andreas Stenger sein Leben lang in der Siedlung erlebt hat. Dann wird die Siedlergemeinschaft 85. Aber was bis dahin angesichts der Corona-Pandemie möglich ist, wisse man nicht, sagt Franz-Dieter Buchheimer.

(Von Ronny Paul)

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