Eine historische Leistung

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Freude bei der Vorstellung (von links): Karl-Heinz Stier, Vorsitzender des Mühlheimer Geschichtsvereins, sowie die drei Hobbyforscher Hiltrud Schmitt, Rudolf Hefter und Dr. Hartmut Gries.

Mühlheim ‐ Diese publizistische Leistung des Geschichtsvereins darf man getrost als einzigartig bezeichnen. Zumindest im Kreis Offenbach - und wohl auch darüber hinaus. Zehn Jahre lang haben engagierte Hobbyforscher viele tausend Arbeitsstunden in ein Werk investiert, das diese Woche vorgestellt wurde: ein Familienbuch für Mühlheim und Dietesheim. Von Heiko Wiegand

Was sich so belanglos anhört, versetzt historisch Interessierte in Entzücken. Es handelt sich bei diesem zweibändigen Werk um eine Geschichte aller alteingesessenen Mühlheimer Familien bis zurück ins Jahr 1650!

Die drei Hobby-Historiker Hiltrud Schmitt, Dr. Hartmut Gries und Rudolf Hefter stellten ihre Recherchen im Gespräch mit unserer Zeitung jetzt erstmals vor. Insgesamt wertete die Gruppe mehr als 17.000 Mühlheimer Namen akribisch aus, die sie in Kirchenbüchern fand „und die uns glücklicherweise für die beiden Pfarreien St. Markus und St. Sebastian seit dem Ende des 30-jährigen Krieges lückenlos zur Verfügung stehen“, so Schmitt.

Im Staatsarchiv Würzburg wurden die Ahnenforscher fündig. Dort erhielten sie Einblick in die Aufzeichnungen der Geistlichen während der vergangenen Jahrhunderte. Geburten, Taufen, Eheschließungen, Beerdigungen - das war bis zur Bismarckschen Reichsgründung im Jahre 1871 ausschließliches Betätigungsfeld der Kirchen. Und wer über die lückenlose Sammlung der Kirchenbücher verfügt, hat einen ebenso lückenlosen Einblick in die Mühlheimer Familien- und Sozialgeschichte.

Das heißt konkret: Wer in Mühlheim wohnt und weiß, dass auch Großvater oder Großmutter dort lebten, der kann mit großer Wahrscheinlichkeit seine persönliche Familiengeschichte bis ins Jahr 1650 zurück verfolgen, eine komplette Ahnenreihe über 350 Jahre.

Werk erscheint voraussichtich im Herbst

Gewissermaßen nebenher ist das Ortshistoriker-Trio zusätzlich auf sehr interessante lokalgeschichtliche Erkenntnisse gestoßen: „So gab es einen Pfarrer Rosoly, der hier von 1767 bis 1794 gewirkt hat. Der muss sehr sparsam gewesen sein, denn er hat die Vornamen der Täuflinge nicht aufgeschrieben. Und Hinweise auf die Mutter hat er gleich ganz ausgelassen“, erzählte Dr. Gries. Außerdem habe Rosoly die Ziffern „2“ und „4“ fast identisch geschrieben. „Das hat uns an manchen Tagen zur Verzweiflung gebracht.“

Bekümmert berichtete Hiltrud Schmitt aber auch über die teilweise sehr hohe Kindersterblichkeit in den vergangenen Jahrhunderten - „das waren absolut keine Ausnahmefälle.“ Ebenfalls interessant: Im rein katholischen Mühlheim wurden nach 1648 wegen des kriegsbedingten Bevölkerungsrückgangs katholische Wallonen angesidelt. „Die Picards, Rebels, Duttines oder Comos haben in den ersten Generationen ausschließlich untereinander geheiratet“, erzählte Rudolf Hefter. „Das ist nicht so viel anders als bei den Einwanderern in unseren Tagen auch.“

Die ersten evangelischen Christen wanderten übrigens erst um 1860 nach Mühlheim ein und wurden lange Zeit im damals noch selbständigen Bieber geführt. Zudem: Bereits 40 Jahre zuvor lebten in Mühlheim die ersten Industriearbeiter, die damals schon nach Offenbach einpendelten - ausnahmslos zu Fuß.

Das zweibändige Werk erscheint voraussichtich im Herbst dieses Jahres. Wie teuer die beiden Bände werden, ist noch nicht unklar.

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