Mühlheim

Einsamkeit und Angst – Flüchtlingshilfe in der Corona-Krise

Einsamkeit und Angst um die Verwandten: Flüchtlingshilfe in der Corona-Krise. (Symbolbild)
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Einsamkeit und Angst um die Verwandten: Flüchtlingshilfe in der Corona-Krise. (Symbolbild)

Die Situation der Menschen in Syrien und an den Grenzen zu Griechenland ist durch die Corona-Krise in den Hintergrund gerückt, hat aber keineswegs verbessert. Bernd Klotz erzählt von der Arbeit seines Vereins in der Corona-Zeit.

Mühlheim – Die Menschen in Syrien und an den Grenzen zu Griechenland würden sich wohl freuen, wenn das Coronavirus ihr größtes Problem wäre. Sowohl der Krieg in ihrem Land als auch die Lage in den Flüchtlingslagern sind weitgehend aus der Tagesschau verschwunden, auch wenn sich die Situation um keinen Deut verbessert hat. Bernd Klotz, der Vorsitzende des Freundeskreis der Mühlheimer Flüchtlinge, erzählt, wie die Arbeit des Vereins in Zeiten von körperlicher Distanz verläuft.

Die Arbeit des Freundeskreises der Mühlheimer Flüchtlinge in der Corona-Krise

Das Kontaktwerk an der Ludwigstraße ist natürlich längst dicht, die Ausgabestelle für Haushaltswaren geschlossen. Die meisten, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, haben ihren 60. Geburtstag schon gefeiert, gehören also einer Altersgruppe an, für die sich ein sorgloser Umgang mit der Infektionsgefahr erst recht nicht empfiehlt.

Bernd Klotz gehört gewiss nicht zu den Charakteren, bei denen man sich fürchten muss, dass sie während eines Gesprächs alle halbe Minute auf ihr Smartphone schauen, „aber ich musste jetzt den Umgang mit WhatsApp lernen“. Für viele Flüchtlinge ist der Dienst die eigene Möglichkeit, mit der Außenwelt zu kommunizieren, etwa, um ihren Mühlheimer Kontaktpersonen mitzuteilen, dass gerade unverständliche Post von der Behörde kam. Klotz erzählt beispielsweise von einem Mühlheimer Paten, der sich um einen Afghanen kümmert, dessen Asylantrag gerade abgelehnt wurde. Man hofft jetzt auf eine Duldung. Der Mann kann schließlich eine feste Arbeitsstelle vorweisen.

Corona: Die Angespannte Situation schlägt aufs Gemüt - besonder mit Blick auf die Lage in der Heimat 

Es wirke schon widersinnig, wenn Behörden oft gerade die abschieben, die ihren Lebensunterhalt selbst erwirtschaften, weil Firmen sie brauchen. Denn das sind jene mit geregeltem Alltag und einer Adresse, an der die Polizei sie auch antrifft, wenn der Flieger quasi schon auf dem Rollfeld steht.

Auch in komfortablen Wohnverhältnissen kann es einem mit der Zeit aufs Gemüt schlagen, nicht mehr wirklich wegzukönnen, wenn die Skatrunde, der Stammtisch oder die Chorstunde auf unabsehbare Zeit ausfallen. Klotz erklärt, er habe auch von mehreren Vereinsmitgliedern gehört, die den unmittelbaren Kontakt mit Flüchtlingen vermissen, „auch für sie bricht dadurch ein Teil der Tagesstruktur weg“.

Für die Flüchtlinge selbst kommt die angespannte Situation zum Elend noch hinzu, wenn man den ganzen Tag im Zimmer verbringen soll, wenn etwa das persisch-afghanische Frühlings- und Neujahrsfest Nauruz ausfallen muss. Auch wenn der Krieg in Syrien in unseren Nachrichten keine Rolle mehr spiele, „bekommen die Flüchtlinge hier genau mit, wie sich die Lage in der Heimat immer weiter zuspitzt“, berichtet Klotz. Die Aufgabe der Flüchtlingshilfe liege daher momentan vor allem darin, den Betroffenen zu zeigen, „dass sie nicht alleine sind, dass sie in ihrer Angst um die Verwandten Empathie und Solidarität erfahren“.

Vor allem in Italien kämpfen Freiwillige Tag für Tag für soziale Basisleistungen 

Der Helfer kennt sich in Italien bestens aus. Er studierte einst in Loppiano unweit von Florenz Religions- und Sozialwissenschaften. Nach den offiziellen Statistiken sterben aktuell in keinem europäischen Land so viele Menschen wie dort, wo sich die Menschen auf funktionierende staatliche Strukturen bei Weitem nicht so verlassen können wie in Deutschland oder den skandinavischen Ländern. Klotz erzählt von Süditalien, wo sich der Virus zwar weit weniger ausbreitete als im Norden, „die wirtschaftlichen Folgen aber dort voll durchschlagen“. Klotz berichtet von den sogenannten „Volontari“, den Freiwilligen, die soziale Basisleistungen übernehmen, die mit Hilfe der Kirche ganze Orte am Leben halten, etwa Lebensmittelpakete mit Reis und Bohnen vor die Türen legen. Besonders bitter sei die Situation für die älteren Bürger in Italien, deren Rente alleine zum Leben nicht reicht. „Die können sich nichts dazuverdienen und auf den Märkten die Sonderangebote abwarten“.

Bernd Klotz erwähnt extra, dass der hiesige Lebensladen zwar ebenfalls zur Zeit nicht öffnet, dafür aber liefert. Anmelden kann man sich dafür über die städtische Telefonhotline unter 06108 601950.

VON STEFAN MANGOLD

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